Sadomaso, Bondage und ein „Meister“

von Redaktion

Beide Callboys bestätigen Teile der Anklage, aber wollen „keine Gewalt“ gegen Rechtsanwalt (70) ausgeübt haben

Traunstein/Prien – Ein 70 Jahre alter Rechtsanwalt mit Zweitwohnsitz in Prien hat womöglich doch nicht nur einen, sondern zwei Callboys, 24 und 32 Jahre alt, für Sexspiele wie Sadomaso und Bondage, also Fesselpraktiken, einschließlich eines „Überraschungsbesuchs“ von einem strengen „Meister“, geordert. Gestern äußerten sich die Angeklagten erstmals vor der Ersten Strafkammer mit Vorsitzender Richterin Heike Will zu den Vorwürfen von Staatsanwalt Florian Jeserer. Die Männer wiesen jegliche Gewaltanwendung zurück.

Von einem Urteil ist das Gericht mittlerweile wieder weit entfernt. Der Grund: Die Verteidiger des 24-Jährigen aus Venezuela reichten 20 zusätzliche Beweisanträge ein. Sieben weitere Verhandlungstage wurden fixiert. Nächster Fortsetzungstermin ist kommenden Freitag, gefolgt von einem Kurztermin am 27. Oktober um 12 Uhr. Gegenstand der Anklage sind noch erpresserischer Menschenraub, besonders schwere räuberische Erpressung und besonders schwerer Raub. Bei der mehrfachen Anhörung des Juristen aus Baden-Württemberg war die Öffentlichkeit auf seinen Antrag hin stets ausgeschlossen. Der Nebenkläger hat bereits ein Schmerzensgeld von 13000 Euro von dem 24-Jährigen akzeptiert. Der 70-Jährige verzichtete in der Vereinbarung mit den Anwälten auf weitere Zahlungen wie die Übernahme seiner Prozesskosten. Diese Punkte sollten unabhängig von der Tatversion des 24-Jährigen gelten.

Dies trat tatsächlich gestern ein. In einigen Punkten deckten sich die Darstellungen der Angeklagten und des 70-Jährigen zu dem Sexwochenende vom 20. auf 21. Juni 2024 in Prien, zu dem der Rechtsanwalt den 24-Jährigen über eine einschlägige Plattform gebucht hatte. Den zweiten Mann aus Jamaika wollte der Anwalt laut Anklage allerdings nicht bestellt haben. Den 24-Jährigen kannte er bereits von Kontakten über eine einschlägige Plattform, in der ausschließlich männliche „Escorts“ ihre Dienste anboten. Dazu Verteidiger Temba Hoch aus Bremen: „Für den Angeklagten war von Anfang an klar, dass es um Sex gegen Geld ging. Und er war an Sadomaso-Praktiken interessiert.“ Nach dem Alter habe der Klient nicht gefragt, aber kein Hehl aus seiner Vorliebe für junge Männer, auch minderjährige, gemacht. War anfangs von 900 Euro pro Treffen die Rede, so habe der 70-Jährige den Betrag später auf 200 Euro zu drücken versucht. Man habe sich auf 500 Euro geeinigt. Nach mehrmaligen Dates mit dem 24-Jährigen wollte der Jurist angeblich einen „Dreier“ haben und dafür einen „erheblichen vierstelligen Betrag“ zahlen. Der Verteidiger weiter: „In einem Telefonat mit meinem Mandanten ließ der Nebenkläger seinen schmutzigen Fantasien freien Lauf.“ Der 24-Jährige habe aufgelegt und keinen Kontakt mehr haben wollen. Dann habe der 70-Jährige 10000 Euro geboten, dem 24-Jährigen „Liebesschwüre“ übermittelt und finanzielle Versprechungen gemacht – „um sich ganz in dessen Hand zu begeben“. Außerdem habe er nach einem Mann gefragt, den der Escort „heimlich“ mitbringen sollte als „große und schmutzige Überraschung“. Der 24-Jährige organisierte dafür den 32-jährigen Jamaikaner, der eigens von Spanien nach München flog. Beide reisten mit der Bahn nach Prien. Während der 70-Jährige den jüngeren Mann mit dem Auto abholte, folgte der „Überraschungsgast“ zu Fuß zu der genannten Adresse.

Laut Staatsanwalt ließ der Callboy den 32-Jährigen „ohne Wissen des Geschädigten“ in die Wohnung. Nach Schilderung des 24-Jährigen soll der Kunde aber genau das gefordert haben. Kurz nach Mitternacht soll der „Meister“ dem Juristen mit Gürtel und Handschellen gedroht haben. Jederzeit hätte der Anwalt mit dem „Safewort Argentinia“ alles abbrechen können, hob Temba Hoch heraus. Nach den Rollenspielen über mehrere Stunden hätten die Callboys 700 Euro über PayPal erhalten, wollten aber „mindestens 10000 Euro“. Der Klient habe ja – bis auf ungeschützten Sex – alle Wünsche erfüllt bekommen.

Für den 32-Jährigen betonte Verteidiger Julian Praun aus Traunreut, der Klient habe ausdrücklich eine „Home Invasion von einem dominanten Herrn“ gewollt. Während der sexuellen Handlungen über Stunden sei der 70-Jährige nicht geknebelt gewesen, seine Fesseln seien gelockert worden. Wie der Verteidiger des Mitangeklagten hob Praun heraus, die Männer hätten „keine reale Gewalt“ ausgeübt, kein Messer eingesetzt, auch nicht mit „Penis abschneiden“ gedroht.kd

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