Wie echte Forscher bei einer Expedition

von Redaktion

Erlebnisbootsfahrt auf dem Chiemsee – Natur ganz hautnah erfahren

Prien/Übersee – Der Schiffsmotor beginnt zu rattern. Das Wasser kräuselt sich und dann durchdringt das Nebelhorn das Bootshaus in Prien: „Dreimal bedeutet rückwärts.“ Stefan ist Naturranger und Kapitän. Souverän rangiert er die MS Birgit aus der „Garage“ und nimmt Kurs auf Richtung Übersee. Die Herbstsonne gibt an diesem Tag Mitte Oktober noch mal alles. Der Chiemsee schimmert strahlend blau. Im Hintergrund grenzen sich die Berge scharf ab. Beste Voraussetzungen für die Erlebnisfahrt ins Achendelta.

Am Steg in Übersee warten 22 Gäste, um an Bord zu gehen. Und das Erlebnis beginnt schon beim Einstieg: Die MS Birgit ist das älteste Passagierschiff der Chiemsee-Flotte. Ganze 101 Jahre ist sie bereits im Einsatz und versetzt ihre Passagiere sofort in eine nostalgische Stimmung.

Überschaubarer
Komfort an Bord

Nicht ganz so lang, schmunzelt Stefan, sei er schon im Dienst der Naturbildung unterwegs. Er habe früher Biologie studiert, stammt ursprünglich aus Belgien und gibt seit vielen Jahren Führungen als Naturranger, seit 2001 am Chiemsee. Heute zusammen mit seinem Kollegen Peter, der ab Übersee das Steuer übernimmt.

„Waren alle auf Toilette?“, fragt Stefan die Gäste, die sich mittlerweile alle auf ihre Sitzplätze begeben haben. Auf dem alten Schiff gebe es keine, lediglich ein Camping-Chemieklo für äußerste Notfälle, das Stefan mal kurz zur Auflockerung auf den Motorblock zwischen den Leuten positioniert. Der erste und nicht der letzte Lacher des Tages, die Fahrt kann beginnen.

Dreimal hupen – wir fahren wieder rückwärts, mit dem Schiff nur kurz, aber auf unserer Zeitreise lang. Ganze 12000 Jahre entführt uns Stefan in die letzte Eiszeit. Nachdem die Alpen durch die Kollision zweier Kontinente entstanden sind, erklärt er anschaulich, seien die riesigen Gletscher jener Zeit die Bildhauer unserer Landschaft gewesen – und haben bei ihrem Abschmelzen Täler und auch den anfangs noch wesentlich größeren Chiemsee hinterlassen. Geologie hautnah. Fossilien werden herumgereicht, Schautafeln zeigen, welche Orte damals unter Wasser gewesen waren.

„Das ist Wahnsinn, besser als jede Power-Point-Präsentation, der erklärt das so gut, da könnten sich Lehrer was abschauen.“ Der Mann, ein Österreicher, der gerade mit seiner Frau Urlaub im Chiemgau macht, ist schwer begeistert. Das war aber nur der Theorieteil, denn beim nächsten Stopp verwandelt sich die MS Birgit zum Forschungsschiff: Aus dem kleinen Stauraum am Bug des Bootes zaubert Stefan Mikroskope, Temperaturmessgeräte, Seile und verteilt sie unter den 22 Gästen. Jetzt hat jeder eine Aufgabe.

Zusammen mit meinem österreichischen Sitznachbarn lasse ich ein Seil ins Wasser, am Ende eine weiße Platte. Wir halten die Tiefe fest, ab der wir die Platte mit bloßem Auge nicht mehr erkennen können. So kann man auf sehr einfache Weise eine Trübemessung durchführen.

Andere holen Seeton vom Grund, messen in verschiedenen Tiefen die Wassertemperatur oder sieben Plankton. Stefan hält die Ergebnisse auf einem Whiteboard fest. Die Passagiere kommen sich vor wie auf einer Forschungsexpedition. Es folgt eine ausführliche Erklärung zu den kleinsten Lebewesen im Chiemsee – dem Phytoplankton und dem Zooplankton.

Unter der Lupe lernen die Fahrgäste Glaskrebse, Wasserflöhe und Ruderkrebse kennen und auch, wie die Nahrungskette im Ökosystem See vom Plankton bis zum großen Fisch funktioniert. Letztere wiederum werden in Form von Plüschtieren aus einer Kiste geholt, um einige Beispiele regionaler Arten zeigen zu können. Seeton, Plankton und auch die Plüschfische werden wieder eingepackt. Es geht zur letzten Station des Ausfluges: dem Deltabereich der Tiroler Ache.

Dass dieser Teil des Chiemsees nach und nach verlandet, erklärt Stefan, sei ein ganz natürlicher Prozess. Die Flüsse aus dem Gebirge würden jedes Jahr circa 1400 Lkw-Ladungen Kies und 25000 Lkw-Ladungen Schlamm, also sogenannte Schwebstoffe, in den See transportieren, wo sie sich ablagern. Das schafft eine einmalige Naturlandschaft, die vielen Tieren einen perfekten Lebensraum bietet.

„Auch wir dürfen nur bis zu den Bojen fahren“, erklärt Stefan: Das gesamte Gebiet steht unter strengem Naturschutz, Betreten und Befahren ist absolut verboten. Jedes Jahr machen Bootsfahrer und Stand-Up-Paddler Schlagzeilen, weil sie unbefugt die Uferbereiche betreten. Wir bleiben auf Abstand, dafür bekommen die Gäste Ferngläser ausgeteilt. Es wird ganz still auf der MS Birgit. Alle beobachten das Geschehen an Land. Silberreiher sammeln sich, starten und landen, ein idyllisches und friedliches Bild: „Es sind wirklich wenig Tiere da“, der Satz von Stefan durchbricht die Stille. Wir schauen ihn fragend an und eine Passagierin sagt, was wohl alle denken.

Perfekter
Lebensraum

„Ich bin ja heute das erste Mal hier, also ich bin zufrieden mit dem, was ich sehe.“ Das freut auch Stefan und Peter, obgleich sie es wohl gewohnt sind, dass sich wesentlich mehr Tiere im Deltabereich aufhalten. Sie vermuten, dass vielleicht die Betreten-verboten-Schilder tags zuvor erneuert wurden und viele Wildtiere deshalb verschreckt sind.

Die Überlegung des Rangers zeigt auch auf, was schon das einmalige Betreten dieses Naturidylls für immense Auswirkungen hat und warum es Sinn macht, der Flora und Fauna am Achendelta einen Raum ohne menschlichen Eingriff zu schaffen. Voll mit Plankton und Bildern von Silberreihern im sonnendurchfluteten Abendlicht fahren die Passagiere zurück zum Hafen in Übersee. Eine Erlebnisreise, bei der die Besonderheit des Chiemsees und der Tiroler Ache mit allen Sinnen erfahren wird.

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