Traunstein – Kurt Kiesel war ein Brauer mit Leib und Seele, ein angesehener Bierbrauer und ein begnadeter Tüftler. Er verwirklichte immer wieder revolutionäre Ideen im Brauwesen und in anderen Bereichen. Kiesel-Bier und alkoholfreie Getränke aus der Braustätte an der Haslacher Straße in Traunstein hatten im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts einen hohen Marktanteil im Chiemgau und in den angrenzenden Gebieten.
Brauer mit
viel Erfindergeist
In ihrer Blütezeit hatte die Brauerei einen jährlichen Ausstoß von mehr als 100000 Hektolitern. Wirtschaftliche Probleme führten dazu, dass Kurt Kiesel seinen Betrieb im Jahr 2001 aufgeben musste. Im Jahr 2010 ist der Braupionier im Alter von 83 Jahren verstorben. Kurt Kiesel hatte die Brauerei Pirkl, vormals Maximiliansbräu, im Jahr 1958 erworben und zehn Jahre später in Kiesel-Bräu umbenannt. Im Jahr 2001 wurde aus dem Kiesel-Bräu wieder die Maximiliansbräu, vormals Kiesel-Bräu, in welche die neuen Eigentümer sie wieder umbenannt hatten.
Auf den Chiemsee-Dampfern gab es Kiesel-Bier. Kiesel-Bräu produzierte für die GEG (eine Einkaufsgenossenschaft mit Sitz in Traunstein) unter der Marke Chiemseer Fass- und Flaschenbier, unter anderem auch für die Schiffsflotte der Familie Fessler auf dem Bayerischen Meer.
Auch die Rechte für die Marke Chiemseer waren nach der Aufgabe von Kurt Kiesel im Jahr 2001 an die neuen Eigentümer übergegangen. Im Jahr 2009 konnte die älteste Tochter die Markenrechte Chiemseer zurückkaufen. Seit 2010 wird Chiemseer wieder produziert und vertrieben.
Es wäre wohl so recht nach dem Geschmack Kiesels gewesen, die erfolgreiche weitere Entwicklung seiner Brauerei-Ideen mitansehen zu dürfen. Schließlich war er zeitlebens nicht nur Brauer, der immer wieder neue Vorhaben entwickelte, sondern auch ein begnadeter Tüftler in vielen Bereichen. Anfang der 1980er- Jahre flog Kiesel in den US-Bundesstaat Hawaii, eine Inselkette im Pazifischen Ozean, etwa 3700 Kilometer südwestlich von Kalifornien.
Dort traf er sich mit dem Inzeller Unternehmer Alois Klink und errichtete mit ihm die erste Brauerei auf Hawaii. Er strafte damit den alten Schlager „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ von Paul Kuhn Lügen. Den Namen Maui-Bier gibt es dort noch heute.
Kiesel hat die Braustätte allerdings nicht weiterentwickelt, wie seine Töchter Sonja und Susanne sowie sein Sohn Hans-Peter heute bedauern. Sie trafen sich kürzlich mit dem Autor dieses Beitrags und plauderten über die Familiengeschichte. Eines hat dieses Projekt in Hawaii mit mehreren anderen gemeinsam: Kurt Kiesel war Schwabe und von Haus aus ein sehr sparsamer Mensch. Wenn es darum ging, erfolgreich angelaufene Projekte weiterzuentwickeln, scheute er hohe Investitionen. So profitierten oft andere von seinen innovativen Ideen – nicht nur im Brauereiwesen.
Einer, der von Kiesels Erfindungsgeist erzählen kann, ist Georg Kienberger aus dem Achthal bei Teisendorf. Er arbeitete sieben Jahre beim Kiesel-Bräu, begann dort als Staplerfahrer und wurde schließlich zum Experten für das Herstellen von Kunststein. Man brauchte im Betriebsgebäude an der Haslacher Straße, in dem Agnes und Kurt Kiesel mit ihren drei Kindern auch ihre Wohnung hatten, neue Fensterbretter. Kurt Kiesel kam auf die Idee, diese aus Kunststein selbst herzustellen.
Grabsteine mit
leichtem Kern
Er schickte seinen Staplerfahrer zu einem Verwandten in die Nähe von Heidenheim, der Chemiker war und dem Kienberger alles Nötige beibrachte. Das Material, Kies und Sand holte man aus Kiesgruben in Italien und Österreich, die Kunstharzmischungen stellte Kienberger selbst zusammen. Nach dem erfolgreichen Bau der Fensterbretter sann Kurt Kiesel darauf, wie man dieses Wissen auch für andere Produkte anwenden könnte. Und er kam auf die Idee, Grabsteine herzustellen. Ihr Kern sollte aus leichtem Material sein, um das Gewicht zu reduzieren und so den Transport der Grabsteine zu vereinfachen. Nach einigen Fehlversuchen gelang es Kienberger, so dass nun mit der Produktion in Traunreut und später in Höpfling bei Siegsdorf begonnen werden konnte.
Kienberger sagt mit einem verschmitzten Lächeln: „Da haben die andern geschaut, wenn wir große Grabsteine zu zweit auf den Friedhof getragen haben, während sich die Mitbewerber mit viele Zentner schweren Vollsteinen abplagen mussten.“ Kiesel-Kunststein wurde schnell bekannt und man bekam die Anfrage, ob man den U-Bahn-Bereich am Odeonsplatz in München damit ausstatten könnte, erinnert sich Kiesels Tochter Sonja. Doch das hätte hohe Investitionen in Produktionsanlagen erfordert. Da verkaufte ihr Vater das aufblühende Unternehmen beziehungsweise die Rezepturen für den Kunststein lieber an einen großen Steinmetzbetrieb in Bad Kreuznach.
Nach Ansicht vieler Bierliebhaber braute Kiesel das beste Weißbier weit und breit. Aber über Geschmack lässt sich streiten, deshalb sollte man diese Aussage nicht überbewerten. Eines aber ist sicher: Kiesel war der erste Bräu in weitem Umkreis, der Weißbier mit neuester Technik hergestellt hat.
Sein langjähriger Geschäftsführer Herbert Seidl erzählte einmal, wie Bieragenten aus den USA in der Brauerei an der Haslacher Straße vorsprachen und anfragten, ob Kiesel sich vorstellen könnte, die größte Brauerei in den USA mit Weißbier zu beliefern. Man hatte im Jahr davor Weißbier von verschiedenen Brauereien in Bayern gekauft, in Bremerhaven verschifft und in mehrmaligen, aufwendigen Laboruntersuchungen in den Vereinigten Staaten ermittelt, dass das Produkt aus Traunstein den Schiffstransport am besten „verkraftet“ hat. Auch nach vielen Monaten Lagerung war es in allen untersuchten Kriterien immer noch stabil. Andere Produkte waren längst „umgekippt“ und hatten ihre Qualität eingebüßt.
Der Mann, der Kiesels innovative Ideen im täglichen Braubetrieb perfekt umgesetzt hat, war der langjährige Braumeister Richard Wührer, der vor zwei Jahren verstorben ist. Statt dem Wunsch nachzukommen, Weißbier für Amerika herzustellen, bot Kiesel an, dort eine Brauerei zu bauen und das nötige Know-how zu liefern. Seine Töchter erzählten mit Begeisterung über die Flüge in die Staaten und über das, was sie dort erleben durften.
Aber vermutlich haben auch bayerische Brauer vom Wissen, Können und Erfindergeist Kiesels profitiert. Tochter Sonja berichtet, dass unter anderem der Chef von Erdinger-Weißbier, Werner Brombach, mehrfach in Traunstein war, um mit ihrem Vater ausführlich über dessen Herstellungsmethoden zu sprechen.
Die Aufgabe
des Heimdienstes
Sohn Hans-Peter Kiesel und seine Schwestern Sonja und Susanne scheuen sich auch nicht, über das bittere Ende der Brauerei zu berichten. Tragende Säule im Vertrieb sei der Heimdienst gewesen. Zu den besten Zeiten hatte die Brauerei 38 Fahrzeuge, um die Kunden in einem Umkreis von etwa 60 Kilometern zu beliefern. Das war zunächst ein Alleinstellungsmerkmal des Kiesel-Bräu, ehe nach und nach auch andere Brauereien diesen Vertriebsweg für sich entdeckten.
Kurt Kiesel begann jedoch, mehr auf andere Absatzmöglichkeiten, wie zum Beispiel Getränkemärkte, zu setzen und seine Bierfahrer dazu zu bewegen, sich selbstständig zu machen – eine fatale Fehlentscheidung, wie Hans-Peter Kiesel heute bilanziert. Als schon nichts mehr zu retten war, übernahm er die Geschäftsführung, scheiterte aber daran, dass sein Vater in notwendige Entscheidungen nicht einwilligte. Durch die Insolvenz hat Kurt Kiesel am Ende alles verloren. Seinen Lebensabend verbrachte das Ehepaar Kiesel in einer Wohnung, die ihnen ihre Kinder finanziert hatten.
Hans-Peter Kiesel hat den Beruf gewechselt und ist Pilot geworden. Tochter Susanne lebt in Traunstein, ist gelernte Brauerin und arbeitet jetzt als Psychoanalytikerin in Traunstein. Die älteste Tochter Sonja arbeitet bei der Schörghuber-Gruppe in München, zu der auch Paulaner und die Rosenheimer Spezialitäten Brauerei gehören, in welcher Chiemseer seit 2011 seine Heimat gefunden hat.
Ihr Mann Dirk Steinebach ist dort als Geschäftsführer tätig. Er ist damit auch erster Repräsentant der Marke Chiemseer, die er mit seiner Frau seit 2010 aufgebaut und entwickelt hat. In einem Gespräch für diesen Beitrag erzählte er, dass er wegen der Marke Chiemseer nach Bayern gekommen ist. Bei seiner ersten Besichtigung in der Kiesel-Brauerei entdeckte er in einem Lagerraum Fässer mit der Aufschrift „Chiemseer“, die ihn inspirierten, unter diesem Namen deutschlandweit Chiemseer zu vermarkten.
Noch kurz ein Blick in die Geschichte der Brauerei Kiesel, die einst mit dem Slogan „100 Jahre Brautradition“ geworben hat. Das kommt daher, dass die Ursprünge des Kiesel-Bräu in der Traunsteiner Maximiliansbrauerei liegen. Ein Georg Holzner hat im Jahr 1883 für seinen Maximiliansbräu vom Stadtmagistrat die Ausschankgenehmigung bekommen. Im Jahr zuvor war ihm der Bau eines Wohnhauses mit Brauerei an der Maxstraße 4 genehmigt worden. In diesem Haus ist heute die Metzgerei Rührgartner ansässig, die hier auch die letzte verbliebene Metzgereigaststätte in Traunstein betreibt.
Als seine
Gattin streikte
Nach einem ersten Besitzerwechsel im Jahr 1885 erwarb der Gastwirtssohn Johann Pirkl aus der Au die Brauerei und die Gastwirtschaft. Für die Braustätte errichtete er im Jahr 1902 einen Neubau an der Haslacher Straße, in dem bis zu Beginn dieses Jahrtausends gebraut wurde. Nach dem Neubau wurde die Firma in Pirkl-Bräu umbenannt und die Schänke wurde der Pirkl-Keller. Im Jahr 1958 kaufte dann Kurt Kiesel die Brauerei. Mit seiner Frau war er durch halb Bayern gefahren und hatte nach einer geeigneten Brauerei für sich gesucht. In Traunstein blieb er nach Aussagen seiner Kinder nur deshalb hängen, weil seine Frau nach zahllosen Besichtigungen gestreikt hat und nicht mehr weitersuchen wollte. Im Jahr 1969 schließlich wurde das Unternehmen in Kiesel-Bräu umbenannt.