Ruhpolding – Polizei, Sicherheitsdienst, Bergwacht, Prominenz: Viel los war zu Beginn der Woche im Ruhpoldinger Zentrum. Das bayerische Kuratorium für Alpine Sicherheit hatte in den Urlaubsort geladen, gekommen waren auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Stefanie Böhler, doppelte Olympia-Medaillen-Gewinnerin im Skilanglauf. Das Ziel des Kuratoriums – Mitglieder sind verschiedene deutsche Verbände mit Berginteresse wie Alpenverein, Skiverband und der Verband der Polizeiberg- und Skiführer – ist es, durch Forschung und Prävention die Sicherheit in den bayerischen Bergen zu erhöhen und die Unfallzahlen zu senken.
Ab 50 Jahre steigt
das Unfallrisiko
Um dieses Vorhaben zu erreichen, wurde mit politischer und sportlicher Prominenz ein aufwendig ausgetüftelter BergFit-Test präsentiert. Dessen Zweck soll sein, dass Menschen sich besser selbsteinschätzen, bevor sie zu Bergwanderungen aufbrechen und dort womöglich Herz-Kreislauf-Beschwerden erleiden und die Bergwachten zum Einsatz kommen. „Leider erleben wir jedes Jahr, dass auch Leute in Bayerns Berge kommen, die die Risiken deutlich unterschätzen“, sagt Innen- und Sportminister Herrmann.
„Es ist gut, wenn sie unterwegs sind, aber sie müssen gleichzeitig auch ihre eigenen Grenzen erkennen“, so Herrmann. Er und viele andere bei der Pressekonferenz haben dabei ausdrücklich Gäste in Bayerns Bergen im Blick: „Es ist von dem ein oder anderen Besucher ungehörig, wenn er jedes Risiko beliebig eingeht, weil er im Notfall ja von der Bergwacht gerettet wird. So darf man auch mit den Mitmenschen, der Bergwacht nicht umgehen.“
Insgesamt seien im vergangenen Jahr 56 Menschen in Bayerns Bergen ums Leben gekommen. 15 mehr als noch 2023 – bis zum 1. September waren es in diesem Jahr 44 Tote.
Der Unfallchirurg Christoph Kruis ist Einzelmitglied des Kuratoriumsvorstandes und langjähriger „Bergwachtarzt“. Er verdeutlicht anhand österreichischer Unfallzahlen, dass „zwei Drittel der Verunfallten über 50 Jahre sind“. Die betroffenste Altersgruppe sei die von 50 bis 70 Jahren. Er plädiert: „Die Berge sind kein Fitnessstudio. Der BergFit-Test dient dazu, die richtige Tour auszuwählen. Aber sich nicht Fitness im eigentlichen Sinn am Berg zu erarbeiten.“
Den Testweg entwickelt und ausgetüftelt hat die Sportwissenschaftlerin Dr. Laura Eisenberger. Begonnen hatte sie das Projekt 2020 als Projektmanagerin bei der Technischen Universität München. „Unser Ziel der Studie war es, Unfälle am Berg zu reduzieren und zu vermeiden.“ Den BergFit-Test beschreibt sie folgendermaßen: „Es ist ein ein Kilometer langer Wanderabschnitt mit Steigung, der Erwachsenen die Möglichkeit bietet, die eigene Ausdauer beim Wandern zu testen. Die Besonderheit bei diesem Test ist eine subjektive Steuerung der Belastung. Das bedeutet, alle Personen, die diesen Testweg bestreiten, können das Tempo eigenständig wählen, mit einer einzigen Vorgabe: Die Intensität soll im mittleren Anstrengungsbereich sein.“
Dazu wird lediglich eine Herzfrequenzmessung benötigt, messbar zum Beispiel durch eine intelligente Armbanduhr. Außerdem muss die Zeit gemessen werden. Eine Uhr zur Pulsmessung kann im Ruhpoldinger Sportfachgeschäft Plenk ausgeliehen werden. Mit der durchschnittlichen Herzfrequenz der Teststrecke und der Zeit sowie persönlichen Angaben wie Alter, Geschlecht, Größe und Gewicht kann dann in einem Online-Formular – einsehbar über einen QR-Code am Ziel – der Fitnesszustand berechnet werden. Die Ampelfarben Rot, Gelb und Grün zeigen das Ergebnis.
Überlastungen
vermeiden
„Das Anliegen ist es, den Gästen und auch den Einheimischen die Möglichkeit zu bieten, vor großen Wanderungen die eigene Wanderfitness zu testen. Die Menschen können somit herausfinden, wie belastbar sie eigentlich sind“, sagt Eisenberger und ergänzt: „Wir wollen für die eigene Leistungsfähigkeit sensibilisieren und damit Unfälle und Überlastungen bei Wanderungen vermeiden.“ Der BergFit-Test verbinde Wissenschaft, Prävention und Naturerlebnis. Die Projektleiterin weiter: „Ich bin sehr stolz, dass wir heute den Grundstein dafür legen, dass wir Bewegung und Sicherheit am Berg miteinander verbinden.“
Ruhpolding soll dafür nur der Anfang sein: „Wir wollen, dass das vorbeugende Projekt weitergeht, dass an vielen Gemeinden Gutes getan wird. Wir sind in der Planung, dass es weitere Gemeinden geben wird, die dieses Projekt umsetzen“, sagt Kuratoriums Geschäftsführerin Christine Hammer. Mit der Gemeinde Bodenmais in Niederbayern stehe eine zweite Ortschaft bereit.
Die ehemalige Leistungssportlerin Böhler hat einen besonderen Blick auf das Angebot: „Im Leistungssportbereich unterliegt man ja einem engmaschigen Kontrollsystem: Zweimal im Jahr gibt es Gesundheitsuntersuchungen, ständig werden Laktatkurven und Herzfrequenzkurven ausgewertet.“ Nach ihrem Karriereende 2019 habe sie gemerkt, dass sie ihren eigenen Leistungsstand nicht mehr ganz so ernst nehme. „Das was hier auf die Beine gestellt wird, finde ich ganz wichtig, um präventiv zu unterstützen und die Menschen für ihre eigene Gesundheit zu sensibilisieren.“
Touristischer
Mehrwert
Für Ruhpoldings Tourismus-Geschäftsführer Dr. Gregor Matjan ist das Konzept perfekt für Ruhpolding: „Unser Marketingslogan ist ‚Rupolding, da g‘spiast di wieder‘. Und genau das wollen wir mit dem BergFit-Weg natürlich auch den Gästen erlebbar machen. Sie können lernen, sich wieder besser zu spüren, besser einzuschätzen und ein besseres Bewusstsein für ihre eigene Fitness und Gesundheit zu entwickeln – und damit sicherer unterwegs sein.“ Die Frage, ob der BergFit-Weg eine neue Tourismusattraktion sei, beantwortet Bürgermeister Justus Pfeifer positiv: „Wir werden deswegen auch ins Marketing reingehen und bewerben, weil wir dadurch einen Mehrwert sehen: Es ist etwas Besonderes.“