Depressionen und Sucht: „Du bist nicht allein“

von Redaktion

Autorin Lisa Maria Schweidler und Partner Matthias Vesely sprechen in Grassauer Bücherei über die dunkle Seite

Grassau – „Du bist nicht allein“, so die Botschaft des Abends in der Bücherei Grassau mit der Autorin Lisa Maria Schweidler und Matthias Vesely. Eindrucksvoll, emphatisch und voller Offenheit berichteten beide über ihre dunkelsten Seiten, ihre schwächsten Momente, über Zeiten tiefster Depression und Drogenmissbrauch und über ihren Ausstieg.

Extremer
Leidensweg

Mit den beiden Gästen wagte sich die Bücherei Grassau an eine ganz andere Thematik heran, eine Thematik, die zum einen schambehaftet und teils nicht offen geteilt wird, von vielen gekannt und oftmals von einem extremen Leidensweg begleitet wird, an psychischen Krankheiten.

Lisa Schweidler hat ihre Erfahrungen mit Depression und Zwangsstörungen von der Seele geschrieben, sie hat ihren persönlichen Weg herausgefunden. Gefunden hat sie zudem – und zwar bei einer Lesung – ihren Partner Matthias Vesely, der aufgrund von Alkohol- und Drogenmissbrauch durch die Hölle ging. Nur kurz las sie aus ihrem Buch „Die dunkle Seite des Schmetterlings“ und widmete sich dann wieder ihrem Publikum. „In unserer Gesellschaft sind wir sehr schambehaftet und wollen alles mit uns selbst ausmachen. Doch sobald wir über die Scham sprechen, beginnt sich diese aufzulösen“, sagte die junge Frau. Zunächst erzählte die 32-jährige Autorin aus ihrem Leben, ihrer Ausbildung in Salzburg in der Tourismusbranche, ihrer Zeit in Berlin und Australien. Den Großteil ihrer Kindheit habe sie in der Angst gelebt, ihre Eltern mögen sterben, wenn sie nicht aufpasse. Vier depressive Phasen habe sie durchgestanden und Humor, Offenheit und das Wissen, sie ist nicht allein, haben sie aus den Phasen herausgebracht.

Ein elendes Leben, fremdbestimmt durch Alkohol und Drogen, mit Totalausfällen beschrieb der 37-jährige Matthias Vesely. Zwischen den Exzessen habe er funktioniert, ist seiner Arbeit nachgegangen, so lange bis ihn am Freitag die Sucht wieder einholte.

Mittlerweile ist der sympathische junge Mann seit sieben Jahren alkohol- und drogenfrei und dennoch hallt diese extreme Zeit nach, ist präsent und mit seinen Erfahrungen möchte er anderen helfen, ist deshalb nebenberuflich Suchtberater.

„Wenn wir beide nicht entschieden hätten, etwas zu ändern, würden wir heute nicht mehr dastehen“, vermutet Vesely. Abkürzungen durch den Leidensweg, so glaubt Lisa Schweidler, gebe es nicht. Sie habe das Schreiben für sich entdeckt. So habe sie auch einen Brief an ihre Depression geschrieben. Eine tiefe Depression bedeutet Apathie, Antriebslosigkeit, keine Lust auf Essen oder Sex, keine Kraft aufzustehen, keine Kraft sich zu waschen, Zähne zu putzen. Lethargie machte sich breit. Sie hatte Angst vor der Klinik, stellte sich diese wie ein „Haus voller Narren“ vor, so wie dies auch oft noch in den Köpfen verankert ist, und war dann überrascht über die Zuwendung, das Verständnis, die Offenheit und Akzeptanz in den psychiatrischen Kliniken mit Menschen, die den Menschen sehen.

Zur Depression gesellten sich Zwangsstörungen, wie extreme Fressattacken, die sie mit Sport, mit stundenlangem Laufen wieder abtrainierte. So hielt sie ihr Gewicht und keiner merkte von außen, dass hier etwas nicht rund läuft. Zusammengefasst betonte sie: „Das Leben ist ein unfassbar schönes Geschenk und jeder müsse sich vor Augen halten: Wir sind nicht alleine.“ Sie ist ihrem Körper dankbar, dass dieser dies alles so mitmachte, und sie freue sich, ihre neue Bestimmung gefunden zu haben. Erst durch die Krankheit merkte sie, dass sie gerne vor Leuten redet, sich mitteilt, Erfahrungen weitergibt. Heute werde sie als freie Traurednerin gebucht, was ihr große Freude bereite.

Offene
Stimmung

Auch Matthias Vesely ist heute mit seinem Leben zufrieden. Seine Erfahrungen teilt er gerne, um andere davor zu bewahren und zu helfen. Er schreibt Tagebuch, hat selbst noch kein Buch verfasst und hilft Betroffenen.

Dem emphatischen Paar gelang es in der kurzen Zeit, eine offene Stimmung zu erzeugen, und so setzte sich auch eine kleine Diskussion in Gang. Die Frage, wie man helfen könne, wurde gestellt. „Hinhören, aufmerksam sein, Vertrauen bieten und da sein“, lautete die Empfehlung.

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