Ruhpolding – Trotz zweier Ausstrahlungen in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“, einer eigenen Ermittlungsgruppe „Säugling“, Öffentlichkeitsfahndung mit Plakaten in und um Ruhpolding sowie einer Belohnung von 5000 Euro gibt es auch nach fast drei Jahren keine heiße Spur zu dem abscheulichen Verbrechen von Ruhpolding.
Ein toter Säugling war am Sonntag, 4. Dezember 2022, gegen Mittag im Bereich des Wanderparkplatzes Seekopf in Richtung Förchensee südlich der Gemeinde von einem elfjährigen Mädchen gefunden worden. Das Neugeborene wurde auf brutalste Weise misshandelt. Die Rechtsmedizin in München stellte einen gebrochenen Oberschenkel, Strangulation, Hämatome am Kopf, an der Brust und an der Lendenwirbelsäule fest. Gestorben ist es aber nicht an den Misshandlungen, sondern an Unterkühlung.
„Wir geben nicht auf, bleiben an dem Fall dran, die Ermittlungsgruppe bleibt bestehen“, sagte Alexander Stenglein, Kriminalhauptkommissar der Kripo Traunstein und leitender Sachbearbeiter, gestern auf Anfrage. Er war auch Gast im „XY“-Studio am Dienstag, 8. Oktober.
„Der Fall wird wohl nie geklärt“, hatte Stefan Sonntag, Teamleiter der Presseabteilung im Polizeipräsidium Oberbayern Süd, ein gutes halbes Jahr nach der schrecklichen Tat orakelt. Bislang hat er leider recht.
„XY brachte über 20 Anrufe, alle Hinweise wurden abgearbeitet, aber es gab keinen neuen Ermittlungsansatz“, teilte Sonntags Kollegin Lisa Maier gestern auf Anfrage mit. Die Social-Media-Expertin nahm auch Stellung zu der möglichen Spur nach Österreich. Ein Anrufer aus dem Nachbarland hatte in der „XY“-Sendung mitgeteilt, dass es einen ähnlichen Fall in Österreich gebe; die Frau, die ihr Kind umgebracht haben soll, sitze in U-Haft. „Auch diese Spur war nicht brauchbar“, stellte Maier klar.
„Auch wenn es bislang keinen Erfolg gab, werden wir weiterhin jeder Spur nachgehen, die Kollegen sind alle sehr motiviert“, teilte Stenglein mit. Dies geschehe auch unabhängig von der „XY“-Sendung. So würden weiterhin DNA-Abgleiche mit EU-Ländern durchgeführt. Wie berichtet, wurden eine DNA-Bestimmung für Kind und Mutter und eine forensische Typisierung in der Rechtsmedizin vorgenommen.
Derweil kümmert sich die Gemeinde Ruhpolding rührend um die letzte Ruhestätte des Säuglings am Ruhpoldinger Friedhof. Auf der ovalen Gedenktafel auf dem Grabstein, die ein Kind sitzend in einem Halbmond mit vielen Sternen zeigt, steht geschrieben: „Unbekanntes Kind, geboren Dezember 2022, gestorben Dezember 2022.“ Täglich brennt ein Licht am Grab, das immer vorbildlich gepflegt wird.
Immer wieder kommen Trauergäste vorbei, halten inne und beten für den unbekannten Säugling, der am Mittwoch, 28. Dezember 2022, am Tag der unschuldigen Kinder, seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Zuvor waren knapp einhundert Bürger zu einer ökumenischen Gedenkandacht in die katholische Pfarrkirche Sankt Georg gekommen und anschließend zur Mariensäule. Kripobeamte hatten sich damals unter die Trauergäste gemischt und auf Auffälligkeiten gehofft. Dem war aber nicht so.
Ruhpoldings Bürgermeister Justus Pfeifer sagte damals: „Der tote Säugling berührt den gesamten Ort, das sieht man an der großen Anteilnahme. Wir hoffen, dass die Polizei bei aller Tragik den Fall lösen kann.“ Bislang allerdings nicht.
Karlheinz Kas