Traunstein – In der Stichwahl Mitte Juli hat Andreas Danzer der CSU den Posten des Traunsteiner Landrats abgenommen – nach 55 Jahren. Jetzt ist der Mann von den Freien Wählern 100 Tage im Amt. Wie hat sich sein Leben verändert? Was ist noch ungewohnt? Was macht Danzer anders als Vorgänger Siegfried Walch und wie steht es um die Großprojekte im Landkreis Traunstein? Die Chiemgau-Zeitung hat den neuen Landrat zur exklusiven Bestandsaufnahme getroffen.
Andreas Danzer, Sie sind jetzt 100 Tage Landrat. Wie geht‘s Ihnen? Finden Sie sich schon gut zurecht im Landratsamt?
Ja, mir geht’s gut und vor allem bin ich im Amt gut aufgenommen worden von den Mitarbeitern. Es herrscht ein positives und vertrauensvolles Miteinander, das macht wirklich Spaß. Das Landratsamt ist ja ein Riesenladen. In der gesamten Landkreis-Konzernfamilie haben wir 1000 Mitarbeiter.
Haben Sie da schon jeden kennengelernt? Oder wie geht man da überhaupt vor?
Eine große Mitarbeiterversammlung, bei der ich mich vorne hinstelle, wollte ich nicht. Bei so vielen Mitarbeitern geht das ja auch nicht. Ich gehe lieber zu den Kollegen bewusst hin, in die einzelnen Abteilungen, und rede mit den Leuten, das ist mein Ansatz. Aber alle Sachgebiete habe ich noch nicht durch, da muss man sich Zeit nehmen.
Im Wahlkampf haben Sie ja damit geworben, Ihre Lehre selbst im Landratsamt gemacht zu haben.
Ja, das war 1990, die Lehre zum Verwaltungsfachangestellten. Meine Einstellung war noch unter Landrat Leonhard Schmucker, bevor er das Amt an Jakob Strobl übergeben hat. Also: Ich kenne das Haus, das kommt positiv an und ich kenne von damals auch noch einige Leute.
Was hat sich für Sie persönlich geändert? Wie viel Zeit nimmt die Arbeit als Landrat in Anspruch?
In der Woche komme ich auf 70 bis 80 Stunden, da werden die Tage schon mal lang. Die Kunst ist es, etwas Freizeit zu finden, zum Berggehen oder Radlfahren. Aber das ist schwierig. Seit dem Tod meiner Frau im Januar gibt es auch daheim umso mehr zu tun. Und woran ich mich auch gewöhnen musste: Ich werde jeden Tag vom Fahrer abgeholt und heimgefahren. Im ersten Moment fühlt man sich da gar nicht so wohl. Aber es gibt jeden Tag Termine, man verbringt viel Zeit im Auto. Es ist wie ein zweites Büro.
Was wollen Sie anders machen als Amtsvorgänger Siegfried Walch?
Ich habe großen Respekt vor der Arbeit meiner Vorgänger. Die zentralen Schlüsselprojekte haben wir in den vergangenen Jahren gemeinsam im Kreistag auf den Weg gebracht – und wir halten an ihnen fest. Gleichzeitig habe ich natürlich meinen eigenen Stil und meine eigenen Schwerpunkte. Ein Ziel ist, die Kreisumlage, die die Kommunen an den Landkreis abführen, schrittweise wieder Richtung 50 Punkte zu senken. Auch finanzschwächere Kommunen, die Schulden machen, um ihre Pflichtaufgaben zu erledigen, sollen Luft zum Atmen haben. Aber es ist ein schwieriges Ziel. Die wirtschaftliche Lage ist nicht mehr so gut wie in den letzten beiden Legislaturperioden, gleichzeitig steigt der Bedarf im Sozialbereich stark an. Und es ist nicht so, wie oft gesagt wurde, dass sich der Landkreis auf Kosten der Kommunen entschuldet. Auch der Landkreis hat gut zwölf Millionen Euro Schulden, dazu kommen die Tochtergesellschaften und insbesondere das Kommunalunternehmen für unsere großen Bauprojekte. Und wir haben auch Aufgaben, von denen alle profitieren, wie die weiterführenden Schulen, die Kliniken und das soziale Netz.
Wie oft haben Sie denn mit Walch Kontakt, wie kann man sich das Verhältnis vorstellen?
Jeder macht seine Arbeit, jeder will die Region voranbringen. Und Siegfried Walch hat mir ja auch gleich nach der Wahl seine Zusammenarbeit angeboten. Wir verstehen uns gut, über die Parteigrenzen hinweg. Freilich, wenn man sich bei Terminen trifft, spricht man über das ein oder andere. Aber es ist nicht so, dass wir regelmäßige Abstimmungen oder ein wöchentliches Jour fixe hätten.
Kurz zum wahrscheinlich größten Projekt des Landkreises: dem „Campus Chiemgau“. Auf manche Traunsteiner wirkt es so, als würde bei der Baugrube hinterm Bahnhof nichts weitergehen.
Wir sprechen hier von einem äußerst komplexen und in dieser Form einzigartigen Bildungsprojekt, das weit über einen klassischen Schulbau hinausgeht. Wir stimmen uns eng mit der Stadt Traunstein ab, um das Gelände optimal in die Stadtstruktur einzubinden, aktuell wird der städtebauliche Vertrag ausgearbeitet. Die Baugenehmigung könnte bis Ende November vorliegen. Landkreis und Stadt ziehen an einem Strang – und spätestens, wenn es in die Höhe geht, wird man sehen, was hier Großartiges entsteht.
Studiert wird in Traunstein schon eine ganze Zeit.
Ja, schon seit drei Jahren. Aktuell sind 220 Studenten in Traunstein eingeschrieben. Neben dem Gebäude am Traunsteiner Stadtplatz ist auch das frühere Klinikum in Ruhpolding angemietet für Studienräume und Wohnungen. Ende Oktober ist unser Studentenwohnheim hinter dem Gesundheitsamt bezugsfertig. Und beim Campus-Gelände am Bahnhof sind wir auf einem guten Weg.
Thema MVV-Beitritt: Der frühere Landrat war ja klar dagegen und wollte einen Verkehrsverbund mit Salzburg und den Nachbarlandkreisen. Ist das auch Ihr Standpunkt?
Ich schaue nach vorne: Welche Regelung bringt für die Bürger die meisten Vorteile? Wohin pendeln die Menschen? Noch unter meinem Amtsvorgänger wurde eine Prüfung gestartet, dem Salzburger SVV beizutreten. Aber ich will auch den Vergleich zu einem MVV-Beitritt prüfen. Wenn wir fundierte Zahlen und Fakten haben, gibt es eine Diskussion in den Gremien und dann eine vernünftige Entscheidung der Gremien.
Neben Rosenheim ist jetzt auch Mühldorf beim MVV. Ist da ein eigener Verkehrsverbund der südostbayerischen Landkreise, womöglich mit Salzburg, überhaupt noch realistisch?
Es gibt nur ein Entweder-oder. Wir können nicht in zwei Verkehrsverbünden gleichzeitig sein. Auch der Freistaat zahlt nur Zuschüsse für einen Verbund. Mühldorf hat sich entschieden, die brechen für uns weg. Jeder Landkreis muss es für sich selbst bewerten. Und uns muss klar sein: Österreich hat ein anderes System, deren Klimaticket ist mit dem Deutschlandticket nicht kompatibel. Am Ende werden auch wir uns einem Verbund anschließen.
Im Bundesverkehrsministerium hat sich jüngst eine Finanzierungslücke aufgetan. Hat das Auswirkungen auf die Pläne für die Altenmarkter Ortsumfahrung oder den A8-Ausbau bis Siegsdorf?
Auch wenn es Bundesangelegenheiten sind: Ich stehe hinter beiden Projekten, dem sechsspurigen Autobahnausbau und der Umfahrung Altenmarkt. Die Autos werden einfach mehr, die Zeiten ändern sich. Die Gelder für Altenmarkt dürften zumindest teilweise schon bereitgestellt sein. Und bei der A8 scheint der Ausbau von Rosenheim bis zum Bernauer Berg gesichert. Aber darüber hinaus kommt man ins Grübeln.
Als Grabenstätter haben Sie die Autobahn-Thematik ja direkt vor der Haustür. Rosenheim und das Berchtesgadener Land haben bei Stau an Wochenenden Abfahrtssperren erlassen, um die Anwohner vorm Durchgangsverkehr zu schützen. Warum nicht auch Traunstein?
Die Situation ist bei uns einfach anders. Auch mit unseren Bürgermeistern haben wir geredet. Wir haben die Situation beobachtet, ob wir tätig werden müssen. Wenn man in Rosenheim oder dem Berchtesgadener Land schon nicht mehr abfahren darf, ist der zusätzliche Nutzen bei uns nicht erkennbar. Hinzu kommt, dass die neuen Abfahrtsverbote in den Nachbarlandkreisen explizit nur bei Stau gelten – das heißt, im Falle einer Vollsperrung wegen Unfalls oder Baumaßnahmen muss der Verkehr über die anliegenden Gemeinden ausweichen, durch die in den meisten Fällen fest ausgeschilderte Bedarfsumleitungen führen. Wir sind dabei immer auch in enger Abstimmung mit der Polizei, die mehrfach erläutert hat, dass Kontrollen nur möglich sind, wenn Kapazitäten vorhanden wären. Ich finde: Maßnahmen müssen auch glaubwürdig vollzogen werden können. Wir entlasten niemanden, wenn wir Regeln erlassen, die am Ende niemand überwachen kann. Deshalb gehen wir mit Augenmaß vor und reagieren, wenn es wirklich nötig ist.
Sie sind auch Kreisvorsitzender der Freien Wähler. Wie schauen Sie auf die Kommunalwahlen im März 2026? Sehen Sie sich als Landrat überparteilich oder ist es klares Ziel, die Freien Wähler zu stärken?
Ich trenne klar zwischen Amt und Partei. Als Landrat bin ich neutral. Ich arbeite mit jedem zusammen, politische Gesinnungen spielen keine Rolle. Gleichzeitig trage ich als Kreisvorsitzender der Freien Wähler auch Verantwortung für die 35 Ortsverbände im Landkreis. Wir wollen unsere Fraktion im Kreistag stärken: Erstmals gelistet auf Platz zwei des Wahlvorschlags, mit einem Landrat und mit einem Landtagsabgeordneten, Martin Brunnhuber, bin ich zuversichtlich, dass uns das gelingen kann.
Xaver Eichstädter