Von Bären, Pest und Gerichtstagen

von Redaktion

Neue Anthologie blickt auf 900-jähriges Bestehen Grassaus zurück

Grassau – „Von Krieg und Liebe und einem Gerichtstag in Grassau“ lautet der Titel der Anthologie, die Angeline Bauer zum 900. Geburtstag der Marktgemeinde Grassau herausgegeben hat. Sieben Autoren erzählen in 14 Geschichten über Grassau, seine Menschen, die Landschaft, Begebenheiten, Gewohnheiten und Lebenswirklichkeiten aus neun Jahrhunderten.

In der Grassauer Bücherei stellten Angeline Bauer und Sandra Altmann, zwei der sieben Autoren, das Buch nun vor. Eine spannende Geschichte folgt der nächsten in diesem Buch.

In frühere
Zeiten hineindenken

Bürgermeister Stefan Kattari freute sich über das Engagement der Autoren, mit diesem Buch besonders zum Jubiläum der Gemeinde beizutragen. Der Rathauschef informierte, dass die Gemeinde formal jünger geworden sei, und verwies auf die 1000-Jahr-Feier, die bereits 1933 begangen wurde und auf einem Dokument basierte, das fälschlicherweise Grassau zugeordnet worden war. Er betonte, dieses Buch sei ein weiterer Höhepunkt der vielen Aktionen und Feierlichkeiten, die dieses Jahr bereits passiert seien.

Angeline Bauer berichtete von den Anfängen, der Idee für dieses Buch und der nicht einfachen Umsetzung. Sie erklärte, dass anfangs 13 Autoren beteiligt gewesen seien, sich letztlich aber sieben engagiert hätten. Es sei nicht einfach, eine historische Geschichte zu schreiben, zumal man sich in einer unbekannten Welt bewege, die erst recherchiert werden und in die man sich hineindenken müsse.

Die Menschen in den unterschiedlichen Jahrhunderten lebten, aßen, verhielten sich anders, waren anders geprägt und hatten andere Ängste und Zwänge. In diesem Buch könne man, so Angeline Bauer, erfahren, wie sich die Zeiten und auch der Ort von 1125 bis 2025 verändert haben. Dennoch seien es fiktive Geschichten, die sich allerdings durchaus so zugetragen haben könnten, da sie sich auf die Begebenheiten und den Zeitgeist beziehen.

Zwei der insgesamt 14 Geschichten wurden vorgetragen. Angeline Bauer begann mit der Geschichte „Die Bärin“, die um 1823 an verschiedenen Orten in den Bergen spielt und sich auf die Zeit beruft, in der Bären in den Chiemgauer Alpen noch ansässig waren. Diese wurden massiv verfolgt, gejagt und vollständig ausgerottet.

Aus ihrer Recherche wusste sie, dass es sehr wenige Bärenangriffe gab und Menschen nicht in das Beuteschema der Bären passen. Dennoch stellten Bären früher eine große Gefahr für die Nutztiere und damit die Nahrungsquelle der Menschen dar. Es war eine schöne, schaurige Geschichte über eine Bärin, die ihre Jungen durch den Winter bringen möchte, einen Hund, der seine Menschen beschützen will, und einen harten, unsympathischen Wilderer, dessen Sohn und Frau unter dem bösen Menschen leiden – eine Geschichte, die unter die Haut geht.

Sandra Altmann reiste mit ihrer Erzählung weiter zurück in die Geschichte, nämlich in das Jahr 1634, in die Zeit der Pestilenz, der Ausgrenzung von Menschen und der größten Pandemie mit unzähligen Toten.

Die Quellenlage gestaltete sich schwierig, so die Autorin. Sie erklärte, dass es zum einen die Pestsäulen im Ort gebe und zum anderen Geburtenregister. Dabei erinnerte man sich an die Corona-Zeit, an die Angst vor dem Ungewissen und daran, wie gerade in solchen Zeiten der Glaube wieder wichtig wird. Gut dokumentiert sei die Pest in Wasserburg, informierte sie, was ihr geholfen habe, die Grassauer Geschichte zu schreiben.

Die Geschichte ist mit „Kreuztage“ betitelt. Dies sind die vier Tage vor Christi Himmelfahrt, an denen früher an jedem Tag eine Prozession gefeiert wurde. Sie beschreibt, wie sich damals die Menschen vor der Kirche trafen, Neuigkeiten austauschten, Frauen ihrer Herkunft nach verurteilt wurden und Männer ihre Macht ausspielten. Einfühlsam beschreibt sie, wie die Pest unbemerkt nach Grassau kommt, laut von einem Mann angekündigt wird und sich dann in die Familien schleicht. Auch diese Geschichte war nur schwer zu ertragen.

Angeline Bauer erklärte, dass die Welt damals so düster war und man die Zeit auch realistisch darstellen wollte. Gerhard Waschin, der sich sehr mit der Geschichte auseinandersetzt und ein Kenner der Grassauer Geschichte ist, fügte hinzu: „Die gute alte Zeit, die gab es nicht. Es waren harte Zeiten.“ Er lobte auch die Wahl der Wasserburger Pest als Beispiel. Er bedauerte, dass die Matrikelbücher von Grassau im 18. Jahrhundert verbrannt seien, weshalb nur wenig über die Pestopfer zu erfahren sei.

Im Winter
auf dem Chiemsee

Im Buch wird zudem thematisiert, wie früher Verurteilte im Winter in einem Kahn auf dem Chiemsee ausgesetzt wurden, wie in Grassau Gericht gehalten wurde, die Schlacht am Klaushäusl geführt und auch Kirchturmbrände die Menschen ängstigten. Der jüngeren Zeit sind ebenfalls Geschichten gewidmet, die unter anderem ein Bergdrama beschreiben und das Leben einer Arbeiterin der Körting-Werke beleuchten.

Als weitere Autoren wirkten Corinna Huber, Heidi Lackner, Helge Streit, Melanie Sondershaus und Michael Lichtwarck-Aschoff mit.

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