Traunstein – Wie lassen sich die Ortskerne der Städte und Gemeinden auch im Zeichen von Struktur-, Demografie- und Klimawandel, sozialen Veränderungen und der Notwendigkeit zum Flächensparen lebendig und zukunftsorientiert gestalten? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Jahrestagung der Städtebauförderung in Oberbayern im Kulturforum Klosterkirche in Traunstein. Das Thema lautete „InnenLeben – Vitale Gemeinden“.
Neue Akzente
im Zentrum
Regierungspräsident Dr. Konrad Schober steckte zum Auftakt vor knapp 240 Teilnehmern aus Kommunalverwaltungen, Behörden und Planungsbüros den Aufgabenbereich ab.
Über alle Programme hinweg stünden für das laufende Jahr in Oberbayern 42 Millionen Euro an Bundes-, Landes- und EU-Mitteln als Förderhilfen zur Verfügung. Als Ausdruck bayerischer Baukultur und Identität komme speziell der Innenentwicklung der Ortschaften eine zentrale Funktion zu.
Die Revitalisierung von Bestandsgebäuden, die Nutzung von Brachen und die Nachverdichtung bei Baulücken würden der Zersiedlung entgegenwirken, der Natur zugutekommen und wertvolle Flächen sparen. Kompakte und gemischt genutzte Quartiere mit kurzen Wegen ermöglichten zudem den Verzicht aufs Auto und die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen.
Als gelungene Beispiele im Tagungsort Traunstein hob Schober die Neugestaltung des historischen Stadtplatzes, die Sanierung und Modernisierung des ehemaligen Kapuzinerklosters mit der Klosterkirche zu einem Kunst- und Kulturzentrum sowie die Umgestaltung des Maxplatzes von einer Verkehrsdrehscheibe zu einem Ort von Begegnung und Austausch hervor.
Seit den ersten Aktivitäten der Stadt in der Städtebauförderung Anfang der 80er-Jahre seien insgesamt 25 Millionen Euro an Zuschüssen geflossen. 60 Millionen Euro habe die Stadt selbst investiert.
Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer hob hervor, dass man „echt etwas bewegen“ könne, wenn Stadtgesellschaft, Planer, Regierung und Behörden sowie die Baufirmen „gemeinsam an einem Strang ziehen“. So sei der Maxplatz nach jahrzehntelangen Diskussionen innerhalb eines guten Jahres geplant, beschlossen und gebaut worden. Angesichts der aktuellen „Stadtbild-Diskussionen“ und der Klage über klamme Kassen machte sich Hümmer dafür stark, die Bedeutung der Kommunen neu zu bewerten: „Wir sind nicht die letzte Ebene des Staates, sondern die erste, weil wir am nächsten dran sind am Bürger.
Das ist auch wichtig für die Fortentwicklung unserer Demokratie.“ Städtebau-Sachgebietsleiter Ralph Imhof von der Regierung von Oberbayern rief die Teilnehmer angesichts strengerer rechtlicher Vorgaben dazu auf, Anträge, Anmeldungen und Änderungen zur Städtebauförderung unbedingt frist- und regelgerecht einzureichen oder zu melden, um keine Zuschüsse zu verlieren. Referatsleiter Ingo Schötz vom Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr stellte die Bedeutung des Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) als Planungs- und Fördergrundlage für die Städtebauförderung heraus.
Er hob ebenso hervor, dass in den aktuellen Förderrichtlinien die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung deutlich gestärkt worden seien.
Prestigeprojekt
als Zankapfel
Flächensparmanager Dr. Matthias Schuh von der Regierung von Oberbayern zeigte auf, wie sich durch effizientere Flächennutzung im Wohnungsbau zum einen Kosten und Energie sparen, zum anderen zukunftsweisende Siedlungsstrukturen erreichen ließen. Als positives Beispiel dafür nannte er das Mehrgenerationenhaus in Kirchanschöring.
An fünf konkreten Beispielen stellten im Anschluss die Bürgermeister der jeweiligen Orte gelungene Beispiele für die Revitalisierung der Ortskerne dank Unterstützung durch die Städtebauförderung dar. Ludwig Entfellner aus Unterwössen schlug den Bogen vom 1974 eröffneten „Prestigeprojekt Hallenbad“ über explodierende Kosten und hochaufgeheizte Bürgerdiskussionen zu Folgenutzungen bis hin zur Umgestaltung als multifunktionales Bürgerzentrum und interkommunale Tourismus-Einrichtung für vier Achental-Gemeinden. Fünf der acht Millionen Euro Kosten des 2019 eröffneten Baus wurden von der Städtebauförderung getragen. Weitere Sanierungsprojekte im Altbestand brachten Unterwössen 2023 eine Auszeichnung als „flächenbewusste Kommune“ ein.
Bürgermeister Manfred Sterz zeigte, wie in Scheyern (Landkreis Pfaffenhofen a.d. Ilm) durch Sanierung und Umbau einer 450 Jahre alten Waldbauernschule zu einem Bürgerzentrum samt benachbartem Rathausneubau aus Holz eine vielbesuchte neue Ortsmitte entstanden ist. Sie wurde heuer mit dem Preis für Baukultur der Metropolregion München ausgezeichnet. Den Umbau des alten Zitzmerstadels im Zentrum von Ampfing (Landkreis Mühldorf a. Inn) zu einer Veranstaltungshalle ohne Heizung stellte Bürgermeister Josef Grundner vor.
Preis für neu gestaltete
Dorfmitte in Tyrlaching
Wie im Markt Rennertshofen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) ein ehemaliges Dorfkino als Kulturtreff wiederbelebt wurde, erläuterte Zweite Bürgermeisterin Ulrike Polleichtner. Ebenfalls mit dem diesjährigen Preis für Baukultur in der Metropolregion München ausgezeichnet wurde die für 7,5 Millionen Euro sanierte „Neue Ortsmitte“ im 1000-Einwohner-Dorf Tyrlaching (Landkreis Altötting). Details zu Planung und Umsetzung in Kooperation mit der „Dorfwerkstatt“ aus engagierten Bürgern erläuterten Bürgermeister Andreas Zepper und Eva Beham vom „Planungsbüro nonconform“ aus Wien.