Prien – Bis Mitte November bestreitet der Caritasverband die sogenannten Armutswochen. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr die unzureichende Finanzierung der Allgemeinen Sozialberatung (ASB). Unter dem Motto „Türen offen halten: Allgemeine Sozialberatung sichern“ wollen der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising e.V. sowie die Fachverbände Sozialdienst katholischer Frauen München e.V. (SkF) und der Katholische Verband für soziale Dienste in Deutschland e.V. (SKM) auf dieses Problem aufmerksam machen. Auch in Prien gibt es die ASB bei der Caritas. Ein Gespräch mit Verena Hinze, Zentrumsvertretung Gemeindecaritas Prien und Co-Fachdienstleistung Soziale Dienste Prien, und Elke Haas, Beraterin soziale Beratung und Leiterin der Tafel erklären die Lage.
Welche Bedeutung hat
die Allgemeine Sozialberatung?
Verena Hinze: Die ASB ist ein kostenloses und vertrauliches Angebot, das Menschen in sozialen und wirtschaftlichen Notlagen unterstützt. Sie bietet Hilfe bei Problemen wie finanziellen Schwierigkeiten, Wohnungslosigkeit, Überschuldung oder persönlichen Lebenskrisen und leitet bei Bedarf an spezialisierte interne und externe Beratungsstellen weiter.
Aber wir wollen auch aktive Hilfestellung zur eigenen Problemlösung leisten, also gemeinsam mit unseren Klientinnen und Klienten Perspektiven entwickeln.
Elke Haas: Wir sehen uns als eine wichtige Stütze im Sozialsystem. Und die Rückmeldungen unserer Klienten geben uns dabei recht. Oftmals geht es auch allein um die Zeit, die wir uns für den Klienten nehmen. Also um das Menschliche, was heutzutage durch Anträge per online oder Medien sowieso untergeht. Es tut den Menschen gut zu wissen, dass es Lösungen gibt und sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht alleine sind.
Wer nimmt die Dienste der Allgemeinen Sozialberatung in Anspruch?
Hinze: Mit der Allgemeinen Sozialberatung finden Menschen in prekären Lebenssituationen die notwendige direkte Ansprache. Die Nachfrage nach diesem Angebot steigt stetig. 2024 waren laut Statistischem Bundesamt bundesweit 20,9 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, was 17,6 Millionen Menschen entspricht.
Die Armutsgefährdungsquote steigt aktuell in Gruppen, die nur schwer von den Hilfesystemen erreicht werden – zum Beispiel Senioren und Seniorinnen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen in Wohnungsnot oder multiplen Belastungen. Gleichzeitig stehen Hilfesuchende einer zunehmenden Unübersichtlichkeit und Digitalisierung des Antragswesens gegenüber.
Haas: Rund 70 Prozent unserer Klienten sind Frauen, zwei Drittel sind zwischen 30 und 65 Jahren alt. Aber auch Männer nehmen zunehmend unsere Dienste in Anspruch.
Seit dem Jahr 2023 sind die Zahlen auffällig gestiegen. In 2023 waren es 52 in unserer Region, ein Jahr später 65 und auch heuer erwarten wir wieder eine ähnliche Dimension.
In Stadt und Landkreis Rosenheim kann man eine vergleichbare Tendenz ausmachen: 2023 waren es 248, 2024 schon 444 und im laufenden Jahr 2025 werden hochgerechnet mindestens 460 Menschen unsere Dienste in Anspruch nehmen.
Der Caritasverband der Erzdiözese München-Freising, der SkF und der SKM pochen auf eine öffentliche Diskussion, wie die Allgemeine Sozialberatung (ASB) nachhaltig gesichert und weiterentwickelt werden kann. Bereits im vergangenen Jahr musste ein Viertel der Träger das Angebot einschränken oder sogar aufgeben.
Hinze: Ein Aus wäre entsetzlich. Die ASB hat eine Lotsenfunktion, ist eine zentrale, kostenlose und niedrigschwellige erste Anlaufstelle. Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier hat gesagt, dass die ASB der Grundpfeiler der sozialen Infrastruktur direkt bei den Menschen vor Ort sei. Leider gibt es aber bisher keine gesetzlich verankerte Pflicht für eine staatliche Refinanzierung einer unabhängigen ASB. Das muss sich ändern. Hier sind nicht nur die Kirchen in der Pflicht, es braucht zusätzlich eine planbare Kofinanzierung durch Kommunen und Länder.
Haas: Es gibt nicht einmal eine ganz Vollzeitstelle für unseren Job für den Landkreis Rosenheim, zu dritt teilen wir uns Rosenheim, Prien, Wasserburg und Bad Aibling. Dabei ist unsere Arbeit für unsere Klienten so wertvoll. Sie kommen nicht freiwillig, sondern nur, wenn die Umstände sie dazu zwingen.
Welche Angebote leistet denn die Caritas hier vor Ort?
Hinze: Seit über 50 Jahren gibt es die Priener Caritas für Menschen, die Unterstützung bedürfen, und seit drei Jahren sind wir im Neubau an der Beilhackstraße zu finden. Mehrere Fachdienste und Fachbereiche wie die Frühförderung, Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle, Jugendhilfe, sozialpsychiatrischer Dienst, Asyl-Integrationsberatung, Soziale Beratung und Tafel, Schuldnerberatung und die Fachstelle für pflegende Angehörige sind hier unter einem Dach vereint.
Haas: Viele finden erst über den Kontakt für die Aufnahme bei der Tafel den Weg in eine längerfristige Beratung bei der Caritas. Zudem gibt es das Haus Nala, eine Jugend-WG. Wir haben den Gerontopsychiatrischen Dienst Rosenheim und die OBA Prien (Außenstelle der Offenen Hilfen für Menschen mit Behinderung). Wir sind dankbar, dass wir so viel Unterstützung aus Prien und Umgebung erfahren. Über 60 ehrenamtliche Helfer wirken bei uns bei der Tafel in Prien und Bad Endorf mit. Und auch seitens der Gemeinde erfahren wir viel Unterstützung für unsere Arbeit.
Elisabeth Kirchner