Bernau – 4800 Kilometer von Teneriffa nach Martinique – nun ist der Bernauer Skipper Severin Ohlert mit seiner Crew auf die nächste Etappe seiner Atlantik-Überquerung gestartet. Geschätzte drei Wochen im Katamaran im „Blauwasser“, wie das die Seeleute nennen. Also in alle Himmelsrichtungen nur das tiefblaue Meer und kein Land in Sicht. Klingt gefährlich, schließlich ist gerade Hurrikan Melissa genau über diesen Ozean gezogen. Schreckliche Verwüstungen in Jamaika und anderen Ländern der Karibik-Region wie Ohlerts Endziel Kuba hat der schreckliche Wirbelsturm angerichtet, viele Todesopfer gefordert.
Atlantik-Überquerung
als Erfüllung eines Traums
Man könnte sich also durchaus mit einem mindestens kleinen Bauchgrummeln auf den weiten Weg über den Ozean machen. Doch vor schlechtem Wetter oder Stürmen hat Severin Ohlert zwar Respekt, aber keine Angst. Die Atlantik-Überquerung im Katamaran „Bolubo“ ist die Erfüllung eines Traums für den 36-jährigen Mann. Er ist ansonsten für die österreichische Segelschule „In2theblue“ als Ausbilder in der Adria am Heimathafen Punat auf der kroatischen Insel Krk unterwegs. Jetzt aber hat er auf eigenen Wunsch als Skipper – also Boss einer Segelcrew – den weiten Weg von Mallorca nach Kuba über den Atlantik angetreten. Er überführt das schmucke Boot eines reichen Eigners, der künftig statt im Mittelmeerraum lieber in der Karibik herumschippern will.
Ein Kollege fuhr das Boot aus dem kroatischen Tribunj zunächst nach Mallorca. Dort übernahm Severin Ohlert und startete Mitte Oktober vom Marina-Hafen La Lonja den Segeltrip seines Lebens. Dass dieser aber nach einem vergleichbar ruhigen Auftakt im Mittelmeer und der Fahrt durch die Straße von Gibraltar so gefährlich werden sollte, hatte der Skipper vom Chiemsee freilich nicht geahnt. Etwa 60 Seemeilen vor der Küste von Marokko segelte er mit seinem Katamaran samt siebenköpfiger Crew durch den Atlantik, als sich plötzlich drei schwarze Boote näherten. Die sogenannten RIB‘s (Rigid Inflatable Boat) sind Schlauchboote mit einem festen Rumpf, die wegen der guten Kombination aus Stabilität und Schnelligkeit von Küstenwache, Militär oder Seenotrettung benutzt werden. Aber auch von Flüchtlingsschleppern oder Piraten.
SOS und ein
„schlechtes Bauchgefühl“
„Die haben das SOS-Zeichen gemacht, aber ich hatte irgendwie ein schlechtes Bauchgefühl. Deshalb haben wir einen zweiten Motor gestartet, sind vorbeigefahren und haben ihnen gezeigt, dass sie gern ihren Notruf durchfunken dürften“, erzählt Ohlert der Chiemgau-Zeitung. Doch die teils vermummten Männer auf den RIB‘s wollten das gar nicht, starteten plötzlich ihre Motoren und fuhren in größeren Kreisen um die „Bolubo“ herum. Der Skipper fand das mehr als ein „bisschen schräg“, sah seine Bootsbesatzung als akut bedroht an und setzte ein Mayday-Signal ab. Das bedeutet auf See eine unmittelbare Gefahr für menschliches Leben. Zudem telefonierte Ohlert mit dem MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre) in Bremen, den Seenotrettern.
„Daraufhin wurde ich dann von der Bundespolizei auf dem Handy angerufen und da ging auf einmal eine riesige Rettungskette los“, berichtet Ohlert: „Wir haben uns dann von einem Containerschiff zum nächsten durchgefunkt und haben gesagt: ‚Hey, dürfen wir bei euch ein bisschen in die Nähe fahren, wir haben da ein bisschen Sorge‘.“ Die drei schwarzen Boote blieben daraufhin auf einmal hinter dem Katamaran zurück. Dass es sich bei den teils vermummten Männern um Fischer gehandelt haben könnte, hält Ohlert für unwahrscheinlich. „Die hätten sich anders verhalten, das war seltsam.“ Irgendwann verschwanden die Boote hinterm Horizont, doch damit war das gefährliche Abenteuer nicht beendet.
Kriegsschiff aus
Marokko taucht auf
„Auf einmal bekamen wir einen Funkspruch von der marokkanischen Coast Guard, wir sollen bitte die Motoren stoppen und auf sie warten, sie hätten ein paar Fragen an uns“, erzählt Ohlert. Der Schiffskapitän kontaktierte sicherheitshalber erneut das MRCC in Bremen, das bestätigte, dass dies wirklich ein offizieller Einsatz des marokkanischen Staates sei. „Also haben wir auf die gewartet. Jetzt hatte ich erwartet, dass da die Coast Guard anrückt, dabei kam auf einmal ein marokkanisches Navy-Schiff herangefahren. Also die Marine mit einem Kriegsschiff.“ Mit einem echten Flakgeschütz an Bord.
Die Militärs ließen dann ein Beiboot mit fünf Soldaten zu Wasser und umkreisten den Katamaran. „Drei sind dann an Bord gegangen, zwei haben das Schiff gefühlt einmal auseinandergenommen und der Letzte hat ein paar Daten von uns aufgenommen. Dann hat er gesagt, in Marokko gäbe es keine Piraterie.“ Aber was steckt dann hinter dem Auftauchen der schwarzen Schnellboote mit den vermummten Männern? Zumal eine andere Segelyacht im gleichen Seegebiet von einem ähnlichen Zwischenfall berichtete.
Ohlert hat abseits vom Piraterie-Verdacht noch andere Vermutungen: „Entweder waren es Schmuggler, die auf die Übergabe von Sachen von einem anderen Schiff gewartet haben. Oder es hatte irgendwas mit Flüchtlingen zu tun, die dort übernommen werden sollten.“ Die zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln sind ein beliebter Anlaufpunkt von Schleusern vom afrikanischen Festland. Ob es Piraten, Schmuggler oder Flüchtlingsschleuser waren – Severin Ohlert und seine Crew werden es vielleicht nie erfahren.
Was bleibt, ist Dankbarkeit für die Hilfe des MRCC Bremen, der Bundespolizei und anderer Boote. Dazu die Erinnerung an eine unglaubliche Geschichte und jede Menge Stoff zum Nachdenken auf den 4800 Kilometern von Teneriffa nach Martinique. Fortsetzung folgt.