Prien – Schmerzen hat Mona Guthmann-Wunsam immer noch, auch wenn die schlimmsten körperlichen Blessuren inzwischen geheilt sind. Es war an einem Samstag, als die fitte Frau aus Stephanskirchen mit ihrem neuen Rennrad einen Ausflug an den Chiemsee machte. Das Malheur passierte am Bahnübergang Seestraße, der vor allem bei Touristen beliebten Chiemsee-Bahn, die vom Bahnhof Prien runter ans Seeufer tuckert. Mona Guthmann-Wunsam geriet mit ihrem schmalen Reifen in die Schiene und stürzte schwer.
Bekannte
Gefahrenstelle
„Ich bin regelrecht in die Schiene reingezogen worden, habe den Abgang gemacht und bin auf dem Kopf gelandet. Neben dem Schädel waren auch Wirbelsäule, Hüfte, Schulter und Rippen schwer geprellt, dazu ein Band gezerrt. Ich war wochenlang krankgeschrieben“, berichtet die Bankkauffrau der Chiemsee-Zeitung: „Der Arzt hat gesagt, dass es noch ganz anders ausgegangen wäre, wenn ich nicht meinen Helm aufgehabt hätte.“ Der Inhaber des nahe des Bahnübergangs gelegenen Geschäfts „Deichslerei“ eilte nach dem Crash sofort zu Hilfe und rief den Sanka.
In der Notruf-Leitstelle ist er schon ein guter Bekannter. „Wenn ich Seestraße 24 sage, kommt sofort die Antwort: ‚Kennen wir schon‘. An dieser Stelle hat es schon vor 50 Jahren Leute geschmissen“, erzählt Geschäftsinhaber Matthias Deichsel: „Ich habe auch schon erlebt, dass drei hintereinander in 15 Minuten geflogen sind. Vor allem Ortsunkundige lenken da so in die Schiene rein, dass sie stürzen.“ Die Gefahrenstelle ist durch jede Menge Unfälle Jahrzehnte bekannt: Genau das ist es, was Mona Guthmann-Wunsam so maßlos aufregt.
„Ich will finanziell von niemandem etwas haben, die Schäden am Rad sind durch die Versicherung abgedeckt. Aber mich macht es wahnsinnig wütend, dass dort immer weiter Unfälle passieren. Muss erst jemand sterben?“, fragt sie provokant. Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings feststellen, dass Radler und Biker auf der Seestraße vor den für sie gefährlichen Schienen auf der Seestraße zweimal explizit gewarnt werden. Erst gibt es ein Schild mit der Warnung vor Spurrillen, dann ein auf die Straße aufgemaltes großes Ausrufezeichen.
Das reicht vor allem bei ortsfremden Radlern offenbar nicht aus, die oft mit ordentlicher Geschwindigkeit Richtung See unterwegs sind. Priens Bürgermeister Andreas Friedrich sagt, dass „die Gemeinde an der Stelle nicht mehr viel tun kann: Der Bahnübergang ist gemäß den Vorgaben aus der StVO richtig beschildert, zusätzlich haben wir am Boden Piktogramme Achtung! aufgebracht und noch Hinweisschilder auf schräge Spurrillen angebracht, um die Radfahrer an dieser Stelle für die Gefahrensituation durch den Bahnübergang zu sensibilisieren.“
Darüber hinaus habe die Gemeinde im Bereich des Bahnübergangs Tempo 30 und ein Überholverbot für mehrspurige Kraftfahrzeuge angeordnet. Damit hätten die Radfahrer genügend Platz, um die Schienen sicher im rechten Winkel zu queren. „Auch die Fahrradschutzstreifen wurden an dieser Stelle bereits vor einiger Zeit entfernt – hier haben wir beobachtet, dass der ‚Korridor‘ der Schutzstreifen nicht groß genug war, um die Schienen im rechten Winkel queren zu können“, so Friedrich. Seit Umsetzung dieser Maßnahme vor ein paar Jahren seien die Unfallzahlen an der Stelle auch erfreulicherweise deutlich zurückgegangen. Einen Rückgang der Crashs bestätigt auch Matthias Deichsel. Trotzdem gibt es weiterhin Unfälle. Aber auch Michael Feßler, der mit der Firma Chiemsee-Schifffahrt seiner Familie auch Betreiber der Chiemsee-Bahn ist, sieht keine weitere Möglichkeit für eine Entschärfung der Gefahrenstelle. „Der Bahnübergang an der Seestraße entspricht den Bauvorschriften, ist technisch in Ordnung, korrekt beschildert und von der Aufsichtsbehörde abgenommen. Tatsächlich gab es einige Stürze. Deshalb wurde in Abstimmung mit der Polizei durch die Gemeinde in diesem Bereich Tempo 30 eingeführt und Fahrräder dürfen nicht überholt werden. Zudem wurde ein sogenannter Fahrradschutzstreifen wieder entfernt“, schreibt der Mann, der in Prien auch Marktgemeinderat ist, der Chiemsee-Zeitung.
Weitere Unfälle
könnten folgen
„Eine Umleitung für Radfahrer ist aufgrund fehlender Wege nicht möglich und ein Fahrverbot für Radfahrer wurde ebenfalls mit Vertretern von Polizei, Landratsamt und Gemeinde diskutiert, aber nicht als sinnvoll erachtet.“ Also muss man an dieser Stelle auch in den nächsten fünf Jahrzehnten mit Stürzen rechnen.