Traunstein – Wenn man mit einem Kramperl zum Interview verabredet ist, dann ist klar: Der Advent steht vor der Tür. In diesem Fall sind es sogar zwei – Anton Gnadl, Kassier der „Dobe Boch Deifen“, und Andi Wurm, Vorsitzender des Vereins. Das Treffen findet bei Anton Gnadl in der Garage statt. Statt Autos liegen an diesem Tag Schädel, Felle und Ruten auf der Bierbank ausgebreitet. Sie sind bereit für die kommenden Veranstaltungen – unter anderem für den ersten Krampuslauf der Stadt Traunstein.
Keine blutigen
Horrormasken
„Wir waren die letzten drei Jahre schon am Stadtplatz, aber nur mit unserer eigenen Gruppe. Dieses Mal kommen 27 Gruppen – aus Bayern, Österreich, bis hinunter nach Klagenfurt.“ Die „Dobe Boch Deifen“ haben ihren Sitz offiziell in Waging am See, erzählt Gnadl. „Aber wir beide, der Andi und ich, arbeiten bei der Stadt Traunstein, ich lebe hier. Deswegen sind wir natürlich auch hier aktiv.“
Gegründet wurde die Gruppe 2020, „auf Initiative von meinem Kollegen hier, vom Wurm Andi. Wir waren vorher schon bei anderen Passen dabei und haben gesagt: Warum machen wir nicht selber was? Angefangen haben wir mit 15, 16 Leuten – und jetzt sind wir 73 Mitglieder.“ Rund 50 davon sind aktiv – als Engel, Hexen, Perchten oder Kramperl. Von Beginn an war klar: Bei den „Dobe Boch Deifen“ dürfen alle mitlaufen. „Unsere Zweite Vorsitzende ist die Nina Wurm – die läuft in allen Variationen mit“, sagt Gnadl. „Wir haben das bewusst offen gehalten.“ Auch Gnadls Tochter ist aktiv im Verein – als Kramperl oder Hexe. Nicht selbstverständlich, denn in einigen anderen Gruppen sind Frauen nach wie vor ausgeschlossen. Das würde sich laut Gnadl aber zunehmend ändern, schon deshalb, weil teilweise der Nachwuchs fehlt.
„Wir haben keine blutverschmierten Horrormasken. Das steht auch so in unserer Satzung. Wir sind klar in der Brauchtumsschiene.“ Gerade Familien prägen die Gruppe. „Wir haben Familien, wo Vater, Mutter und zwei Kinder mitlaufen“, erzählt Gnadl. „Die Eltern helfen oft als Ordner, die Kinder sind mit dabei – das ist das, was uns ausmacht.“
Warum will man Kramperl oder Percht sein? „Wenn du den Schädel aufsetzt, bist du in einer anderen Welt. Du strahlst Macht aus – aber du musst aufpassen und entsprechend damit umgehen“, sagt Gnadl. „Die Kinder sollen Respekt haben, ja, aber keine Panik. Bei uns kann man bedenkenlos mit kleinen Kindern kommen.“ Es sei aber vor allem auch die Gemeinschaft im Verein, die stark verbinde – und das rund ums Jahr. Neben den Läufen gibt es Sommerfeste und gemeinsame Ausflüge. So wird aus dem Krampus-Brauchtum ein lebendiges Vereinsleben.
Andi Wurm erklärt den Unterschied: „Der Krampus ist der Begleiter vom Nikolaus – der, der die Kinder erziehen soll, mehr oder weniger. Ab dem 20. Dezember fangen dann die Raunächte an – da kommen die Perchten. Die vertreiben den Winter, die bösen Geister.“ Auch optisch ist der Unterschied deutlich: „Der Krampus hat zwei Hörner, Perchten mindestens vier – oft mit einem Widderkopf und echten Hörnern drauf.“
Deshalb würden vor dem 20. Dezember ausschließlich Kramperl, Engel und der Nikolaus auftreten, aber „Hexen sind geduldet“, räumt Gnadl ein. Danach übernehmen die Sagengestalten der Perchten die Bühne, die Kramperlzeit ist vorbei. Die „Dobe Boch Deifen“ tauschen dann ihre Masken. Davon haben sie mittlerweile einige: „Unsere Schädel sind handgeschnitzt – aus Zirbenholz“, sagt Wurm. „Eine gute Maske kostet ab 700 Euro aufwärts, Preis nach oben offen. Ich hab zurzeit rund 28 Schädel zu Hause.“
Nicht nur der Preis der Masken wiegt schwer: Je nach Schnitzart bringen sie mehrere Kilogramm auf die Waage – und genau darin besteht eine Gefahr, erklärt Gnadl: „Wenn Zuschauer meinen, es sei lustig, uns an den Hörnern zu ziehen, dann täuschen sie sich.“ Durch das Gewicht könnten schwere Genickverletzungen entstehen – wie zum Beispiel vergangenes Jahr bei einem Krampuslauf in Kärnten. Er appelliert daher an die Zuschauer: „Anfassen verboten!“ Für den Schutz der Läufer werden jedes Jahr eigens Ordner eingesetzt: „Die Leute denken immer, es ginge um den Schutz der Besucher, aber eigentlich geht es dabei vor allem um unseren Schutz.“
Der große Krampuslauf findet am 21. November statt. „Start ist in der Maxstraße“, erklärt Gnadl. „Die Gruppen laufen bis zum Maxplatz, wo sie vorgestellt werden, dann weiter über die Bahnhofstraße bis zum Landratsamt – dort gibt’s eine Fotozone für Familien.“
Am 12. Dezember sind die „Dobe Boch Deifen“ wieder auf dem Traunsteiner Christkindlmarkt zu Gast. „Da kann wirklich jeder kommen, da braucht keiner Angst zu haben“, sagt Gnadl. „Das ist unser Aushängeschild.“ Und am 20. Dezember folgt der Perchtenlauf rund ums Hofbräuhaus Traunstein. „Zehn ausgesuchte Brauchtumsgruppen sind dabei“, erzählt Wurm.
„Anfassen
verboten“
Beide sind sich einig – ein großer Dank gebührt der Stadt Traunstein. „Sie ist am 21. November auch Veranstalter“, sagt Gnadl. „Ohne die ginge gar nichts – wir organisieren, aber ohne die Unterstützung der Stadt wäre das alles nicht möglich.“ Am Ende des Gesprächs bleibt eines hängen: Hinter den Masken der „Dobe Boch Deifen“ stecken keine Gruselgestalten, sondern Menschen mit Herz, Humor und Respekt fürs Brauchtum. Wer also demnächst lautes Glockengeläut in Traunstein hört, sollte nicht fliehen – sondern stehen bleiben und staunen. Vielleicht steckt ja ein Nachbar unter der gewaltigen Maske.