Schleching – Wie groß die Sorge um die Zukunft des Dorfes ist, zeigte sich jüngst: Mehr als 160 Bürger sind der Einladung der kürzlich gegründeten Wählervereinigung „Bürger für Schleching“ gefolgt und füllten den Pfarrsaal bis auf den letzten Platz, um sich über zentrale Fragen der Gemeinde zu informieren – insbesondere über die langfristige Sicherstellung der medizinischen Versorgung sowie über tragfähige Konzepte für den Dorfladen als wesentlichen Bestandteil der Nahversorgung und als sozialen Treffpunkt.
Martina Hammerl-Tiefenböck, Gemeinderätin und Vorsitzende der Wählergruppe „Bürger für Schleching“, machte deutlich, dass ein Dorf neben Schule, Kindergarten und Kirche auch verlässliche Nahversorger braucht – wie die beiden Läden in Ettenhausen und Schleching und die verschiedenen Hofläden.
Andreas Nohl, Allgemeinmediziner und Hausarzt in Schleching, konnte zu Anfang seiner Ausführungen den Schlechingern aktuell die Angst nehmen: „Nein“ – er habe zwar das Rentenalter bereits erreicht, denke aber gegenwärtig nicht ans Aufhören. Dennoch werde auch für ihn der Tag kommen, an dem er seine Praxis übergeben müsse. Dem Landkreis Traunstein attestierte Andreas Nohl im Vergleich zum Durchschnitt im Freistaat derzeit einen guten und ausreichenden Versorgungsgrad mit Hausärzten. Doch seien gegenwärtig 34 Prozent der rund 140 Landärzte im Landkreis 60 Jahre oder älter und viele Landärzte stünden vor der Pensionierung. „Um die 50 Hausärzte in unserem Landkreis suchen für die nächsten Jahre einen Nachfolger für ihre Praxis. Und es ist nicht zu übersehen oder gar zu beschönigen: Wir haben bei uns einen eklatanten Mangel an jungen Ärzten“, so Andreas Nohl.
Ein Dorf müsse jedoch nicht tatenlos dabei zusehen, dass die medizinischen Säulen durch Ruhestand oder Krankheit ausfallen und es zu einer schmerzlichen Versorgungslücke komme. Der Schlechinger Hausarzt: „Eine Dorfgemeinschaft kann durchaus selbst Anreizsysteme schaffen, um eine ärztliche Nachfolge zu unterstützen. Sie kann beispielsweise Praxisräume zur Verfügung stellen, Zuschüsse für die Miete und Ausstattung einer Praxis gewähren oder Prämien ausloben. Andere Dörfer stellen Ärzten und ihren Familien auch Baugrund zur Verfügung, um sie langfristig ans Dorf zu binden“, fügte Andreas Nohl hinzu.
Dass sich Mut zum Risiko beim Thema Dorfladen auszahlen kann, zeigt das Beispiel der Tiroler Gemeinde Schwendt. Jürgen Kendlinger, Bürgermeister der 940-Seelen-Gemeinde, stellte auf der Versammlung das Konzept des dortigen Dorfladens vor. Nachdem der Laden von den ursprünglichen Betreibern aufgegeben wurde, überzeugte der Bürgermeister seinen Gemeinderat, völlig neue Wege zu gehen, um die Nahversorgung sicherzustellen. Der Laden wurde mit Überwachungskameras und einem besonderen Kassensystem ausgestattet, sodass er den Kunden nunmehr an sieben Tagen in der Woche von morgens um 6.30 Uhr bis abends um 22 Uhr zur Verfügung steht. Werktags werden die Kunden vormittags persönlich bedient, ab Mittag und in den Abendstunden sowie am Wochenende ist der Dorfladen individuell mit der persönlichen Bankkarte zu betreten; in dieser Zeit kann der Kunde ausschließlich mit der Bankkarte bezahlen.
Christine Zaiser, Beirätin im Dorfladen Schleching, erläuterte, dass steigende Energiepreise und regelmäßige Mindestlohnerhöhungen dazu führen, sich mit neuen Modellen für die Zukunft des Dorfladens auseinandersetzen zu müssen. Gleichzeitig bleibe es eine dauerhafte Herausforderung, ausreichend Personal zu finden.
Trotz dieser Rahmenbedingungen sei es Ziel, weiterhin Öffnungszeiten mit persönlicher Bedienung anzubieten, um den Dorfladen als sozialen Treffpunkt zu erhalten. Ergänzend solle ein attraktives Einkaufsangebot für Einheimische und Gäste durch die erweiterten Öffnungszeiten mit Selbstbedienung geschaffen werden.