Auch für Inline-Skater bringt die geschlossene Lücke Vorteile. Foto KRAIBURG STRAIL
Prien – „Muss erst jemand sterben?, fragte Mona Guthmann-Wunsam nach ihrem schweren Radl-Sturz am Übergang der Chiemsee-Bahn in der Seestraße. Der Artikel in der Chiemgau-Zeitung über den schon seit Jahrzehnten bekannten Unfall-Schwerpunkt sorgte für vielfältige Reaktionen. Unter anderem meldete sich Leser Franz Gmeiner mit einem Hinweis, wie man solche Unfälle künftig möglicherweise verhindern könnte: „Ein Fachmann sagte mir, dass man sehr wohl Übergänge mit einem Strail-Bahnübergangssystem sicher machen könnte. Warum kann ein solches System in Prien keine Verwendung finden?“
Sicheres System
braucht mehr Platz
Der Leserwunsch war der Redaktion gerade mit Blick auf die Unfälle der vergangenen Jahre im Tourismusort Auftrag genug. Also führte die erste Recherche zur Kraiburg Strail GmbH, deren Hauptquartier in Tittmoning gerade mal 50 Auto-Kilometer entfernt von Prien liegt. Dort ist zunächst zu erfahren, dass das sogenannte VeloStrail-System in 18 Ländern weltweit bereits in über 1200 Bahnübergängen eingebaut wurde. In Neuseeland zum Beispiel ist es beim Staatlichen Bahnunternehmen KiwiRail Standard an von vielen Fahrrad-Fahrern benutzten Übergängen. Auch in Österreich wurde die Lösung bereits über 300-mal eingebaut, unter anderem bei der Salzburger Lokalbahn.
In Deutschland dagegen kommen bisher nur 155 Systeme fast ausschließlich bei Firmen oder Privatbahnen zum Einsatz, unter anderem auf dem Großteil der Bahnschienen im Hamburger Hafen. VeloStrail besitzt seit 2016 die uneingeschränkte Zulassung des Eisenbahnbundesamtes für Geschwindigkeiten bis 80 km/h, dennoch wird es auf Strecken der Deutschen Bahn bisher nicht eingebaut: Als Grund dafür gilt der Einsatz von Gleismesszügen. Sie fahren über die Strecken und liefern wichtige Daten über den Zustand der Schienen und Schwellen – bei Einsatz des VeloStrail-System wird der Daten-Fluss wegen des Gummi-Einsatzes unterbrochen. Aber ist das wirklich ein veritabler Grund, wenn die Gesundheit von Menschen an Bahnübergängen auf dem Spiel steht?
Die Chiemsee-Bahn in Prien ist eine Privatbahn, unterliegt also nicht der Zuständigkeit der Deutschen Bahn. Das Problem: „Das System ist technisch und bauartbedingt auf die normalen Gleise der Deutschen Bahn abgestimmt“, schreibt Priens Bürgermeister Andreas Friedrich auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung: „Bei VeloStrail verdrängen die Spurkränze die Gummieinlage in einen Kasten, der in der Mitte der Schienen liegt. Dafür braucht es Platz und die Schienen, die die Chiemseebahn verwendet, sind niedriger als die normalen Schienen. Insofern gibt es nicht genug Verdrängungsraum.“ Das führe dazu, dass sich die Gummiprofile schneller abnutzten und möglicherweise sogar aus dem Profilkasten herauskommen würden. „Eine Garantie, dass das System funktioniert, wollte damals meines Wissens keiner geben“, so Friedrich weiter. Daraus geht hervor, dass sich Gemeinde und Betreiber in der Vergangenheit schon mit dem Thema VeloStrail beschäftigt haben.
Technisch ließe sich wohl auch das Problem mit den Schienen in Prien durch eine „Tieferlegung“ der Schienen auf der Straße lösen, aber die Kosten würden dadurch weiter steigen. Allein für das VeloStrail-System in der Seestraße müssten wohl „50.000 Euro plus x“ berappt werden. Scheitert eine Verbesserung der Sicherheit des ohnehin durch Warnschilder bestückten Bahnübergangs also auch an den Kosten? Das möchte Betreiber Michael Feßler so nicht stehen lassen.
„Das Thema VeloStrail wird von Nichteisenbahnern leider gerne als Allheilmittel für die Sicherheit an Bahnübergängen gesehen. Tatsächlich hat die VeloStrail den Vorteil, dass man diesen Belag schnell entfernen, an den Schienen arbeiten und danach wieder auflegen kann ohne aufwendige Belagsarbeiten durchzuführen“, schreibt der Priener Gemeinderat an die Chiemgau-Zeitung: „Das eigentliche Problem des spitzen Winkels löst man damit aber nicht. Insofern stellt sich auch die Frage nach den Kosten beziehungsweise einem möglichen Einbau nicht.“
Offenbar kein
Allheilmittel
Es muss also damit gerechnet werden, dass es weitere Radl-Stürze in der Priener-Chiemseestraße geben wird. Bleibt die Hoffnung, dass sich die Befürchtung von Mona Guthmann-Wunsam nie erfüllt und nichts Schlimmeres passiert.