Elsa Sophia von Kamphoevener verzaubert Unterwössen

von Redaktion

Im Gemeindesaal hat der Heimat- und Geschichtsverein Achental einen Vortrags- und Märchenabend über eine große Erzählerin veranstaltet

Unterwössen – Rund 30 Zuhörer erlebten im Wössner Gemeindesaal einen außergewöhnlichen Vortrags- und Märchenabend des Heimat- und Geschichtsvereins Achental. Im Mittelpunkt stand Elsa Sophia von Kamphoevener, eine Frau, die mit 73 Jahren zur berühmtesten deutschen Märchenerzählerin wurde und ihre letzten zwölf Lebensjahre in Marquartstein verbrachte.

Vereinsvorsitzender Dr. Hans-Jürgen Grabmüller führte in das neue Veranstaltungsformat des Vereins ein, das Referat, künstlerischen Beitrag und Musik miteinander verbindet. Er stellte die Referentin Christiane Giesen sowie die beiden Schwestern Alessandra und Silvia De Crescenzo vor.

Die Journalistin und Autorin Giesen deckte auf, dass die legendären Geschichten über Kamphoeveners Jugend in Anatolien größtenteils erfunden gewesen seien. Die Vorstellung einer als Mann verkleideten Reiterin, die an den Nachtfeuern der Karawansereien türkische Märchen sammelte, sei reine Fantasie gewesen. Die 1878 in Hameln geborene Tochter eines deutschen Militärberaters sei in wohlhabenden Verhältnissen in Konstantinopel aufgewachsen. Ihre Märchen habe sie eher auf den Basaren Istanbuls gesammelt. Die Marquartsteinerin Giesen sei jedoch überzeugt, dass Kamphoevener ihre eigenen Fantasien später als Realität im eigenen Bewusstsein verankert habe. Die Germanistin Helga Möricke habe diese Zusammenhänge bereits 1995 in ihrer Dissertation aufgedeckt.

Giesen erzählte anschließend die bemerkenswerte Geschichte von Kamphoeveners spätem Ruhm: 1951, nach einem Leben voller Brüche – vier Ehen, dem Verlust des gesamten Besitzes im Bombenkrieg und der Flucht aus Berlin – habe ein junger Journalist die damals 73-Jährige in der Kantine des Süddeutschen Rundfunks angesprochen. Noch am selben Abend habe sie im Studio gesessen und ihre Märchen erzählt. Sie habe einen Stuhl verweigert und mit baumelnden Beinen auf dem Tisch gesessen. Innerhalb weniger Minuten habe sich im ganzen Gebäude herumgesprochen, dass eine fantastische Märchenerzählerin im Sender sei.

Dies sei der Beginn einer beispiellosen Karriere gewesen: In den folgenden Jahren habe sie stundenlang ihre Märchen aufgenommen – kraftvoll, suggestiv, immer freigesprochen und als Meisterin der Improvisation. Ihre Sendungen seien in nahezu allen deutschsprachigen Rundfunkanstalten gelaufen. Ab 1956 seien ihre Märchen bei Rowohlt und anderen namhaften Verlagen mit großem Erfolg erschienen. Insgesamt seien 27 Stunden und 45 Minuten ihrer Rundfunkaufnahmen erhalten geblieben, die 2008 erstmals vollständig auf MP3-CDs veröffentlicht wurden. Dieser Zauber wurde in Unterwössen lebendig: Märchenerzählerin Alessandra De Crescenzo trug das Märchen „Die Karawane“ vor und riss alle mit. Völlig freihändig, ohne Blatt, gestaltete sie jede Nuance mit Mimik und Gestik, mit vollem Körpereinsatz. Sie wechselte auch nach langer Erzählzeit noch zuverlässig und pointiert zwischen den Charakteren. Hier der dicke, unförmige Derwisch, den eine ganze Dienerschar aus seinen Kissen heben musste, wenn er – wie im Märchen beschrieben – mit der Sänfte den Ort wechselte. Dort der in sich ruhende, bescheidene Mattenflechter oder der mächtige, autoritäre Sultan. Es war mitreißend und bezaubernd.

In den Redepausen schuf die Blockflötensolistin Silvia De Crescenzo mit ihren Klängen von Georges I. Gurdjieff – etwa dem Derwisch-Tanz – eine besondere orientalische Atmosphäre. Sie ist Musiklehrerin und Leiterin der Musikakademie Schwabing. Die großen Tücher mit arabischen Mustern im Bühnenhintergrund trugen dazu bei.

Der Abend machte deutlich: Auch wenn die Lebensgeschichte teilweise erfunden gewesen sei, bleibe das literarische Werk wertvoll. lfl

Artikel 10 von 11