Harte Erkenntnisse in lebensbedrohlicher Situation

von Redaktion

Weltklasse-Kletterer Alexander Huber begeistert 300 Zuhörer beim Vortrag in Traunstein

Traunstein – Da, wo für viele andere die Luft dünn wird, nimmt sich Alexander Huber „Zeit zum Atmen“. Der Weltklasse-Kletterer und Hochalpinist aus dem Chiemgau kennt sich aus mit Situationen, die einem den Atem stocken lassen, angesichts der Strapazen und Schwierigkeiten in Grenzbereichen der Berge. „Zeit zum Atmen“ hat Huber auch seinen aktuellen Vortrag genannt, der das Kulturforum Klosterkirche in Traunstein angesichts des Zuschauerandrangs aus allen Nähten platzen ließ.

Das Thema des Abends zielt auf einen Buchtitel des deutschen Alpinisten, Fotografen und Schriftstellers Reinhard Karl. Dessen „Bibel für Bergsteiger“ hat auch in Huber das Feuer für die Welt der Berge entfacht. „Er hat nicht nur über seine Besteigungen geschrieben, sondern auch in unglaublichen Fotos das ganze Wesen der Erlebnisse am Berg erfasst.“ Die Zeit am Gipfel, die Zeit zum Atmen – das Über-den-Dingen-Stehen: Das war es, was schon den Elfjährigen bei einer Tour mit dem bergbegeisterten Vater und dem älteren Bruder Thomas auf seinem ersten Viertausender geprägt hat. „Auch wenn wir uns damals ganz sakrisch plagen mussten.“

Alexander Huber nimmt die Zuhörer mit auf seine von Abenteuern und Rekorden, extremen Situationen und schwierigen Entscheidungen geprägte Lebensreise. Etwa der Entschluss, seine angefangene Promotion als vielversprechender Physiker „zur Ruhe zu betten“, um sich ganz dem Bergsport widmen zu können. Der ist für ihn Berufung, Lebensschule und Leidenschaft zugleich. „Ich wusste, du musst das machen, was dich bewegt, wofür du brennst.“ Inspiriert von Bergsport-Legenden wie Hermann Buhl und Reinhold Messner oder Sportkletterer Wolfgang Güllich entwickelten er und sein Bruder Thomas bislang unerhörte Routen und definierten als die „Huber-Buam“ den Extremalpinismus neu. Mit Rekorden und sensationellen Besteigungen sorgen sie für Schlagzeilen. Unter anderem meisterte Alexander Huber zahlreiche Rotpunkt- und Erstbegehungen, die Freikletterrouten und Speed-Rekorde an den Bigwalls des Yosemite und die Free-Solo-Begehung der Direttissima an der Großen Zinne. „Von 1992 bis 2009 waren mein Bruder Thomas und ich der Zeit voraus“, sagt der 56-Jährige.

Nach den wilden Rekordjagden schlägt Alexander Huber inzwischen andere Seiten an. Als Autor zahlreicher Bücher, Keynote-Speaker vor Managern, Unterstützer der Karakorum-Hilfe oder als Botschafter zur Entstigmatisierung von Angststörungen gibt der vielfach ausgezeichnete Bergexperte sein Wissen von den Bergen als Lehrmeister weiter.

Wie sich Jung und Alt, Kraft und Erfahrung in einer Seilschaft auf ideale Weise verbinden können, schildert Huber in Traunstein mit atemberaubenden Bildern von der Bezwingung einer neuen Route („The Big Easy“, 2018) auf dem Sechstausender Choktoi Ri in Pakistan. Für Nachwuchstalent Fabian Buhl aus dem Allgäu war das äußerst strapaziöse Unterfangen in grandioser Kulisse die Feuertaufe im Höhenbergsteigen, für Huber „das Zusammenkommen von Traum und Wirklichkeit“.

Er verweist dabei auf die lebensbedrohlichen Erfahrungen und das Scheitern drei Jahre zuvor bei Vorbereitungen zur Durchsteigung der wilden Nordwand des Latok I, die die Unberechenbarkeit der Bergwelt gezeigt hatten. „Es geht auch um Respekt und das Gefühl für das Machbare. Hasardeure sind in der Welt der Berge noch nie weit gekommen.“ Der Bogen schließt sich, wenn der Wahl-Berchtesgadener in eindrucksvollen Bildern von der Tour mit seinem 81-jährigen Vater durch die Watzmann-Ostwand berichtet.

Auch ganz andere Seiten von Huber scheinen auf. Etwa wie er mit dem kletterbegeisterten Cellisten Burkard Maria Weber beim „Concerto Vertical“ nach einer Klettertour auf den Heidenpfeiler im Pfälzer Wald als Pianist mit Debussy konzertiert. Oder wie der Paul-Preuss-Preisträger von 2017 im Familienurlaub auf Sardinien an der Ostküste die ultimative Herausforderung entdeckt: einen der größten Überhänge Europas im Schwierigkeitsgrad 10+. Den Zuschauern in Traunstein stockt der Atem, als sie Huber beim waghalsigen Durchklettern des riesigen Dachs begleiten. „Das zeigt mir, dass ich heute vielleicht weniger Kraft als früher habe, aber dank des Könnens und der Erfahrung noch lange nicht Schluss ist mit großen Abenteuern.“

Axel Effner

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