Mit Christoph 14 in 20 Minuten in München

von Redaktion

Interview Notfallsanitäter Robert Portenkirchner spricht über Möglichkeiten und Grenzen der Luftrettung

Traunstein – Es herrscht Verunsicherung in der Region. Seit die Schön-Klinik Vogtareuth die Schließung mehrerer Fachzentren bekannt gegeben hat, machen sich einige Menschen Sorgen um die medizinische Versorgung rund um den Standort. In dringenden Notfällen sollen Patienten künftig nach München transportiert werden – bestenfalls mit dem Hubschrauber. Doch wo liegen die Grenzen? Robert Portenkirchner, Notfallsanitäter im Luftrettungsdienst mit Hubschrauber Christoph 14, beantwortet die Fragen der Chiemgau-Zeitung exklusiv.

Sie sind leitender TC-HEMS beim Christoph 14. Was bedeutet das?

Das TC steht für Technische Crew. Und das HEMS steht für Helicopter Emergency Medical Service. Einfacher gesagt: Notfallsanitäter im Luftrettungsdienst.

Wie schnell ist denn der Hubschrauber im Einsatz?

Der Hubschrauber ist in der Regel zwischen zwei und drei Minuten nach der Alarmierung in der Luft. Und dann hängt es natürlich davon ab, wo es hingeht. Wenn wir im Reiseflug sind, fliegen wir in einer Minute rund drei Meilen (Anm. d. Red.: circa 4,83 Kilometer). Da kommt man natürlich relativ schnell recht weit, wenn man ohne Ampeln und Kurven mit einer Geschwindigkeit von über 200 Kilometern pro Stunde unterwegs ist.

Wie lange brauchen Sie dann nach München?

In München sind wir in circa 20 bis 25 Minuten.

Wie viele Einsätze fliegen Sie pro Tag im Schnitt?

Im Durchschnitt fliegen wir vier Einsätze pro Tag. Das ist im Sommer wesentlich häufiger als im Winter, da im Winter der Tourismus in der Region weniger ist und weniger Menschen in Bewegung sind.

Wie sieht es denn aus, wenn das Wetter schlecht ist? Heute zum Beispiel ist es sehr neblig…

Wir haben Sichtfluguntergrenzen, die nicht unterschritten werden dürfen.

Wie oft passiert es, dass es so neblig ist, dass gar nichts mehr geht?

Das passiert hauptsächlich in den Monaten November und Dezember. Da können wir dann einfach nicht starten und müssen auf besseres Wetter warten.

Manchmal tut sich auch eine kleine Lücke auf, sodass es doch in eine Himmelsrichtung geht. Das Wetter wird jedenfalls den ganzen Tag von uns regelmäßig überwacht.

Bei einem zeitkritischen Notfall greift man in solchen Situationen dann wohl eher auf den bodengebundenen Transport zurück, oder?

Ja. Der Hubschrauber ist kein Standard-Rettungsmittel. Wir sind ein Sonderrettungsmittel und werden für besondere Lagen eingesetzt. Also im Gebirge, im Wasser und bei Notarztindikationen, bei denen wir die wesentlich schnellere Transportmöglichkeit sind. Wenn wir nicht können, muss ein bodengebundener Notarzt hinfahren.

Stichwort Notarztindikationen: Können auch instabile Patienten mit dem Hubschrauber transportiert werden?

Ja, man kann einen instabilen Patienten im Hubschrauber transportieren. Den müssen wir allerdings so stabil machen, dass er während des Fluges für uns keine Überraschung bietet. Oder die entfernte Klinik hat für ihn so einen großen Vorteil, dass man das in Kauf nimmt und unter diesen Bedingungen eine Klinik anfliegt.

Ansonsten wird es bevorzugt, einen instabilen Patienten im Rettungswagen mit Arztbegleitung zu fahren.

Kann man einen Patienten im Hubschrauber auch reanimieren?

Ja, man kann reanimieren. Man kann auch die mechanischen Reanimationsgeräte anbringen, die das für uns dann in dieser Zeit übernehmen. Das ist alles möglich. Auch defibrillieren kann man im Hubschrauber.

Ein Notfall, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt, sind Aortenrisse. Diese sollen künftig auch hauptsächlich mit dem Hubschrauber nach München transportiert werden…

Ja, das machen wir oft. Bei Aortendissektionen, also einem Riss im Bindegewebe der Aorta, bringt ein schneller Transport in eine Herzklinik mit Herzchirurgie einen riesigen Vorteil mit sich. Wenn es irgendwie möglich ist, sind diese Patienten am besten mit dem Hubschrauber zu transportieren.

Das heißt also auch, wenn jemand im Klinikum in Rosenheim mit einer solchen Diagnose vor Ort ist, fliegen Sie hier in Traunstein los, sammeln den Patienten in Rosenheim auf und fliegen dann weiter nach München?

In einem solchen Fall muss man schauen, welche Wegstrecke noch Sinn ergibt. Von Rosenheim aus ist man relativ zügig auf der Autobahn. Da kann es schon sein, dass das der schnellere Weg ist.

Das muss letztlich aber die Integrierte Leitstelle in jedem Fall individuell entscheiden.

Gibt es auch Fälle, in denen ein Transport mit dem Hubschrauber vollkommen ausgeschlossen ist?

Da gibt es eigentlich nur einen Fall: Wenn der Patient ganz leicht verletzt ist und große Flugangst hat.

Wenn das mit seiner Erkrankung oder Verletzung vereinbar ist, werden wir niemanden zwingen, mitzufliegen.

Patricia Huber

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