Bäume müssen Hochwasserschutz weichen

von Redaktion

Fällaktion an der Tiroler Achen sorgt bei Bürgern für Entsetzen – Wasserwirtschaftsamt begründet das Vorgehen

Übersee – Entlang der Tiroler Achen im Überseer Gemeindegebiet zeigt sich derzeit ein Bild, das viele Einwohner überrascht hat. Flächen, die noch vor Kurzem dicht beschattet waren, sind nun kahl. Gesunde Bäume wurden gefällt, Wurzelstöcke sollen sogar vollständig ausgefräst werden. Rastplätze liegen nun in der warmen Jahreszeit in der prallen Sonne. Und auch vielen Tieren wurde der Lebensraum genommen, nicht zuletzt durch die Entfernung ökologisch wertvoller Schlehensträucher. Rodungen und starke Rückschnitte betreffen eben nicht nur einzelne Pflanzen, sondern greifen in funktionierende Lebensräume ein.

Vom Kahlschlag
überrascht

Die Veränderungen sind tiefgreifend und unumkehrbar. Sie betreffen einen Abschnitt, der für viele Menschen zum Alltag gehört – als Spazierweg, Rastplatz oder kurzer Rückzugsort am Wasser. Entsprechend emotional fallen die Reaktionen aus. Übersees Alt-Bürgermeister Peter Stöger (CSU) und eine naturverbundene Überseerin, die hier oft unterwegs ist, sprechen über ihre Überraschung und über das Gefühl, dass hier ohne ausreichende Erklärung in ein vertrautes Landschaftsbild eingegriffen wurde. Denn die Dimension des Rückschnitts sorgt im Ort für Diskussionen. Wer die Ufer seit Jahren kennt, erkennt manche Stellen kaum wieder.

Besonders irritiert viele, dass nicht nur einzelne, womöglich kranke Bäume entfernt wurden, sondern ganze Abschnitte freigestellt sind. Die Naturliebhaberin aus Übersee beschreibt ihre erste Reaktion als Schock. „Ich konnte meinen Augen kaum trauen, als ich die kahle Stelle an der kleinen Achen-Brücke sah, direkt bei der Bank, die zuvor so schön schattig lag.“ Aus ihrer Sicht seien die gefällten Bäume – Buchen, Eschen und Bergahorn – vollkommen gesund gewesen. „Das sieht man an den Schnittstellen.“ Unklar sei auch für sie, warum die Arbeiten weiter Richtung See, teilweise im Naturschutzgebiet, radikal durchgeführt wurden. „Es ist eine Sauerei!“

Kritik äußert sie auch am Umfang der Maßnahmen. Sie habe schon erlebt, dass selbst abgelegene Wege jenseits der Fahrradwege vollständig vom letzten Schnittgut befreit wurden, teils unter Einsatz benzinbetriebener Laubbläser. Für sie wirft das Fragen nach Aufwand und Kosten auf – gerade vor dem Hintergrund allgemein knapper öffentlicher Mittel.

Auch Alt-Bürgermeister Peter Stöger (CSU), der ganz in der Nähe der kleinen Achen-Brücke lebt, zeigt sich irritiert. Als Vorsitzender des „Tourismusvereins Übersee-Feldwies“ war er Anfang Dezember dienstlich in Dortmund unterwegs. Bei seiner Rückkehr sei der Bereich ohne Vorankündigung stark verändert gewesen. „Dass die Bäume auf der Außenseite des Achendamms gefällt wurden, hat mich sehr überrascht“, sagt Stöger. Aus seiner Sicht sollten diese gesunden, außen am Damm wachsenden Bäume den Wasserdurchfluss nicht maßgeblich beeinträchtigen.

Auf Nachfrage der Chiemgau-Zeitung erläutert das zuständige Wasserwirtschaftsamt Traunstein die Hintergründe der Maßnahme. Demnach handelt es sich bei der Fällung um eine zwingend notwendige Maßnahme im Zuge einer anstehenden Sanierung des Achendamms. Deiche seien technische Bauwerke, die dem Hochwasserschutz dienen, und müssten dauerhaft frei von Gehölzen gehalten werden.

Verbleibende Wurzelstöcke stellten ein erhebliches Risiko dar: Verfaulende Wurzeln könnten Hohlräume bilden, bei Hochwasser entstünden sogenannte Sickerwege, die innere Erosion begünstigten und im schlimmsten Fall die Standsicherheit des Deiches gefährdeten. Daher müssten auch sie entfernt werden. Die dadurch gegebene bessere Mähbarkeit diene auch dem Ziel, auf den Deichen artenreiche Blühwiesen anzulegen.

Das betroffene Gebiet erstreckt sich zwischen der Autobahn A8 und der Staatsstraße 2096. Sollte es aus zeitlichen Gründen notwendig sein, könnten weitere Arbeiten ab Oktober 2026 fortgesetzt werden. Die Kosten der Maßnahme trägt vollständig der Freistaat Bayern. Angaben zur genauen Höhe macht das Wasserwirtschaftsamt nicht, da es sich um einen Sammelauftrag handelt, der neben den Arbeiten an der Tiroler Achen auch weitere Maßnahmen an anderen Standorten umfasst. Den Auftrag erhielt eine Fachfirma aus dem Landkreis.

Standsicherheit
der Deiche sichern

Die Gemeinde Übersee sei zwar grundsätzlich über die Notwendigkeit der Freistellung von Deichen informiert gewesen, eine zusätzliche Einzelbenachrichtigung im Vorfeld der Arbeiten habe es jedoch nicht gegeben. Damit bleiben zwei Perspektiven nebeneinander bestehen: Auf der einen Seite die fachliche Begründung einer technisch zwingenden Maßnahme, auf der anderen Seite der Verlust eines vertrauten Landschaftsraums, der für viele Überseer mehr war als nur ein funktionaler Deich.

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