Prien – Elke Czarnecki streicht sich durch ihr graues Haar. „Ich bin überzeugte Katholikin, aber deshalb nicht kritiklos. Immer den Mund zu halten, ist keine Option“, sagt sie der Chiemgau-Zeitung mit einem Lächeln. Als Pfarrgemeinderätin in Prien ist sie ganz nah dran an den Themen, die die Gläubigen im Pfarrverband Westliches Chiemseeufer umtreiben. Zum Gespräch hat sie einen offenen Brief mitgebracht, den neben ihr sechs weitere Personen unterschrieben haben. Aber der – so steht es unter dem Schreiben – „im Namen vieler“ Katholiken aus der Region verfasst wurde.
Heftige
Vorwürfe
Es ist ein Brandbrief mit heftigen Vorwürfen gegen Kardinal Marx. Es geht konkret um seine öffentliche Reaktion zum dritten Zwischenbericht der Untersuchung „Sexueller Missbrauch von Minderjährigen sowie hilfs- und schutzbedürftigen erwachsenen Personen durch Kleriker/Laien im Zeitraum von 1946 bis 2021 im Verantwortungsbereich der Diözese Trier.“ Marx war ab 1. April 2002 Bischof von Trier. Am 2. Februar 2008 gab er den Posten wieder ab, als er sein jetziges Amt des Erzbischofs von München und Freising übernahm.
Die Gläubigen vom Chiemsee zeigen sich „erschüttert und entsetzt“ vom Verhalten von Marx. „Wesentliche Erinnerungslücken sind bei derart bedeutsamen Ereignissen wie sexuellem Missbrauch vollkommen inakzeptabel und unglaubhaft. Vielmehr zeigt uns dies mangelndes Interesse, Ignoranz und Hochmut“, schreiben die Katholiken in ihrem Brief. Es gebe Zweifel am „christlich-ethischen Weltbild des Kardinals“ und Frust über die „jahrelange Verschleppung“ des Themas durch die Kirche. Statt einer aufrichtigen Entschuldigung gebe Kardinal Marx nur verklausulierte Erläuterungen ab: „Dies ist beschämend und vollkommen inakzeptabel!“
Reden, bekennen und handeln gingen bei Marx weit auseinander. In dem Schreiben der Gläubigen vom Chiemsee wird der Kardinal zum Rücktritt aufgefordert, den dieser freilich 2021 schon einmal angeboten hatte. Der damalige Papst Franziskus lehnte jedoch ab: „Ich stimme dir zu, dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben: der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit bis vor Kurzem umgegangen ist.“ Trotzdem solle er als Erzbischof von München und Freising weitermachen.
Das Erzbischöfliche Ordinariat in der Erzdiözese München und Freising weist die im offenen Brief getroffenen Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück. „Kardinal Marx bat bei vielen Gelegenheiten, nicht zuletzt auch in persönlichen Gesprächen, Missbrauchsbetroffene um Entschuldigung und um Verzeihung.“ Er selbst und die Erzdiözese reklamiere „angesichts des Missbrauchs im Raum der Kirche einen Lernprozess, ein Umdenken und auch strukturelle Veränderungen“.
„Längst etablierte Gremien und Strukturen der Beteiligung, Verantwortung und Synodalität (wie etwa Pfarrgemeinderäte und Kirchenverwaltungen) durch weitere synodale Prozesse wurden nachhaltig gestärkt. Dazu zählen etwa der Synodale Weg in Deutschland und ortsbezogen das Synodale Gremium im Erzbistum München und Freising“, heißt es weiter. Dazu bemerkt Elke Czarnecki, dass das in diesem Zusammenhang auf Ortsebene ins Leben gerufene Pastoralkonzept nach zwei Gesprächsrunden nicht fortgeführt wurde und seit über einem Jahr nicht mehr stattfinde.
Die Erzdiözese bemerkt abschließend: „Schließlich sei noch einmal hingewiesen auf die Etablierung und Stärkung fester und nachhaltiger Strukturen zur Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch sowie vor allem auch zur Unterstützung von Betroffenen.“
Immer neue schlimme Details in den Missbrauchs-Gutachten lassen zumindest Gläubige vom Chiemsee trotzdem daran zweifeln, ob Kardinal Marx mit dem Thema adäquat umgeht. „Der Schaden an unserer Kirche ist immens, das Volk der überzeugten Gläubigen schwindet zunehmend, der katholische Glaube verdunstet“, heißt es im Brief. Die Institution Kirche oder den Glauben an Gott wolle niemand in Frage stellen, aber: „Grundsätzlich muss dringend und zwingend ein Umsteuern unserer Kirche stattfinden, die Umsetzung unserer christlichen Grundwerte bei vielen Kirchenführern korrigiert und restauriert werden.“
Offener Austausch
erwünscht
Begleitet werden diese deutlichen Worte vom Wunsch, dass es endlich zu einem offenen Austausch zwischen der Kirchenspitze und der Basis kommt. „Wir brauchen endlich eine offene Diskussion, nicht nur über das Missbrauchs-Thema. Sondern auch über die Frage, was Kirche für uns heißt. Was wir besser machen können. Und wie wir die Erosion der Kirche stoppen können“, so Czarnecki. Auch 2024 ging die Zahl der Katholiken im Erzbistum München und Freising wieder um 2,7 Prozent auf jetzt 1,42 Millionen Katholiken zurück. Der Weg über einen offenen Brief war für die Gläubigen-Gruppe vom Westlichen Chiemseeufer alternativlos – nachdem sie sich beim Streit um den Abschied von Priens Pfarrer Gottfried Grengel verraten gefühlt hatten.
„Die Vorgehensweise und die Krisen-Kommunikation der Diözese damals fanden wir dramatisch schlecht“, erzählt Czarnecki. Die Glaubensgemeinde sei zwar gespalten gewesen, aber es habe damals auch etwa 5500 Unterschriften pro Grengel gegeben. Man habe x-mal vergeblich versucht, ein Gespräch mit der Führung um Kardinal Marx zu bekommen und als es dann stattgefunden habe, sei man komplett überfahren worden. „Ein ehrlicher Austausch auf Augenhöhe sieht anders aus“, so Czarnecki. Danach sei nur noch das Gefühl entstanden, dass beim Erzbischöflichen Ordinariat in München alle Infos vom „Rebellen-Pfarrverband“ Westliches Chiemseeufer „direkt im Schredder“ landen.
Beim Ordinariat sieht man die Situation im „Fall Grengel“ komplett anders: „In diesem Kontext bestand durchaus ein breites Dialogangebot vonseiten der Erzdiözese. Es fand ein Gesprächsabend vor Ort mit der Diözesanleitung in Person von Generalvikar Christoph Klingan mit allen verantwortlichen Gremien statt.“ Deshalb sei beim Thema Missbrauch und der Kritik an Kardinal Marx nur noch der Weg über die Öffentlichkeit möglich gewesen, nachdem nach Meinung von Czarnecki eine offene Diskussion von der Kirchen-Führungsspitze verhindert worden sei. Klingt dramatisch, aber ist das vielleicht nur eine subjektive Wahrnehmung? Die Chiemgau-Zeitung kontaktiert die Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats in München mit einer Handvoll Fragen, die sich auf den offenen Brief beziehen. Nach mehreren Rückfragen und Tagen geht die Antwort ein: Die Erzdiözese habe von dem „offenen Brief“ erst durch die Anfrage der Chiemgau-Zeitung erfahren und ein „offener Brief“ habe in der Regel Unterzeichner, die in dem „offenen Brief in der der Zeitung übermittelten Form fehlten.“ Die Erzdiözese wolle aber „keineswegs die Relevanz des Themas Missbrauch in Abrede stellen“.
Zuvor hatte das Ordinariat bereits drei Pressemitteilungen aus den Jahren 2020, 2023 und 2025 mit bekannten Äußerungen von Kardinal Marx als Antwort auf die Fragen an die Chiemgau-Zeitung geschickt. „Wie ich bereits mehrfach gesagt habe, ist mir im Nachdenken und in vielen neu gewonnenen Erfahrungen, insbesondere in Begegnungen mit Betroffenen, immer deutlicher geworden, dass ich in meiner Zeit als Bischof von Trier die Thematik sexualisierter Gewalt und sexuellen Missbrauchs nicht so umfassend und klar wahrgenommen habe, wie das angemessen gewesen wäre. Mir ist bewusst, dass das Handeln der Trierer Bistumsleitung während meiner Amtszeit deshalb nicht immer so eindeutig war, wie ich mir das aus heutiger Sicht wünschen würde. Mit dem Wissen von heute würde ich natürlich manches anders machen, und wir handeln ja auch heute anders. Insbesondere gilt das für die Situation direkt und indirekt Betroffener. Das bedaure ich tief und bitte die Menschen um Verzeihung, denen ich nicht gerecht geworden bin“, heißt es in der Pressemitteilung zum jüngsten Missbrauchs-Gutachten.
„Ich lehne
Selbstherrlichkeit ab“
Die Antwort auf die Vorwürfe der Priener Gläubigen-Gruppe und ob nicht ein generelles Umsteuern mit Blick auf die schwindende Zahl von Kirchen-Mitgliedern notwendig ist, bleibt offen. Elke Czarnecki überrascht all das nicht. Ein trauriges Lächeln steht in ihrem Gesicht, als sie das Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung beendet: „Ich lehne Selbstherrlichkeit ab – meinen Glauben werde ich aber deshalb nicht verlieren.“