Reit im Winkl – Franz Schlechter, eine Institution in Reit im Winkl, ist genau einen Monat vor seinem 102. Geburtstag gestorben. Generationen von Einheimischen und Gästen werden sich noch lange an seine Auftritte im Theaterverein, bei Heimat- und Begrüßungsabenden, als Musikant, Skilehrer sowie als Bademeister im gemeindlichen Freibad erinnern, wie es in einem Nachruf der Gemeinde heißt.
Franz Schlechter wurde 1924 im Schneiderhäusl in Reit im Winkl geboren. Zu Kriegsbeginn hatte er eine Maurerlehre angefangen. Mit 17 Jahren kam er zum Reichsarbeitsdienst nach Forstenried bei München.
Hochzeitslader von
„Gold-Rosi“ Mittermaier
Als der Krieg vorbei war und sich das Leben in seinem Heimatdorf langsam normalisierte, wurde er ein gefragter Mann im Ort. Er war geschickt, half, wo er konnte, wurde Musikant, Theaterspieler, Hochzeitslader und ein beliebter sowie geachteter Skilehrer. Mit seiner Frau Charlotte, einer Kriegswitwe, hatte er sieben Kinder und war im Dorf bekannt wie ein bunter Hund. Als Hochzeitslader managte er etwa die Hochzeit von „Gold-Rosi“ Mittermaier und Christian Neureuther. Nach Kriegsende trat er 1946 der Reit im Winkler Singspielbühne bei. An der Seite von Maria Hellwig spielte er in Operetten wie „Im weißen Rössl“. 1952 wurde er zum Vorsitzenden gewählt und prägte in dieser Zeit den Theaterverein. Jahrzehntelang studierte er als Spielleiter Stücke ein.
Als gelernter Maurer konnte er sein Haus selbst bauen und seinen sieben Kindern eine Heimat geben. Obwohl er nur kurze Zeit im Gemeinderat tätig war, blieb er immer politisch interessiert.
Seine großen Verdienste liegen vor allem im Vereinswesen. So gehörte er 80 Jahre lang der Musikkapelle an, spielte in der Blaskapelle, agierte zudem über 40 Jahre als Ansager bei Trachtenveranstaltungen und war sehr begehrt als Hochzeitslader. Die Skischule in Reit im Winkl hat Schlechter aufgebaut und diese zur größten Skischule weitum mit 120 staatlich geprüften Skilehrern entwickelt.
Er konnte sich noch an Winter erinnern, in denen Reit im Winkl wegen der riesigen Schneemengen von der Außenwelt abgeschnitten war.
Weil er beim Ausspionieren feindlicher Stellungen in Südfrankreich wagemutig einen Fluss durchschwommen hatte, bekam der 20-Jährige gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einige Tage „Tapferkeitsurlaub“. Als er nach strapaziöser Fahrt mit der Eisenbahn seine Heimat erreicht hatte, zeichnete sich schon ab, dass es nur noch eine Frage von Tagen, höchstenfalls Wochen sein würde, ehe das „Tausendjährige Reich“ Geschichte ist.
„Mein Vater hat mich nicht mehr weggelassen“ – eine Entscheidung, die damals fatale Folgen hätte haben können. Denn was der Vater befohlen hatte, war nichts anderes als Fahnenflucht. Und im Ort wimmelte es von SS-Leuten, die hier bis zuletzt fanatisch Hitlers Wahnsinnsvisionen verteidigten. Aber Gesetz war damals in den meisten Familien das, was der Vater sagte. Und so versteckte sich der junge Franz bis zur bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht.
„Wo?“ – das verriet er nicht, obwohl das Geschehen schon 80 Jahre zurücklag, denn: „Kameraden verrät man nicht…“ Als er von seinem Versteck aus den ersten Panzer mit dem Ami-Stern auf einer kleinen Anhöhe sah, wusste er, dass die Gefahr, als Fahnenflüchtiger standrechtlich erschossen zu werden, nun endgültig gebannt ist. „Ich bin lebend durch das Schlamassel gekommen“, sagte er rückblickend über jene unselige Zeit. „Ich war nicht der Einzige. Überall kamen Soldaten aus ihren Verstecken“, erzählt er.
In Groissenbach war die Kommandantur der Amerikaner. Hier wurden alle Wehrmachtssoldaten registriert. Weil die Arbeitskraft von Franz Schlechter im kleinen Hof der Eltern, dem Schneiderhäusl, gebraucht wurde, bekam er eine „Heimschläferbestätigung“. Dennoch musste er sich täglich melden. Etliche Tage später wurden die ehemaligen Wehrmachtssoldaten von den Amerikanern mit Lastwagen nach Kirchanschöring gebracht. „Dort wurden wir sortiert. Ich habe mitbekommen, wie etliche auf Züge verladen und in Richtung Südfrankreich gebracht wurden, wo sie in einem Karbidwerk arbeiten sollten.“ Franz Schlechter durfte heim in sein Bergdorf, weil er auf dem Hof gebraucht wurde. Dort, erzählt er, waren inzwischen nicht nur Amerikaner, sondern auch Franzosen und Engländer. Aber alle seien froh gewesen, dass der Krieg aus war. Die Amerikaner hätten sich gut verhalten, die Kinder hätten von ihnen immer etwas bekommen, vor allem Kaugummis.
Franz Schlechter berichtete in einem Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung auch, wie man all diese Erlebnisse verarbeitet. Er sagte: „Eigentlich ganz gut.“ Aber ein Gesicht werde er nicht vergessen: Man suchte in der Nähe eines französischen Dorfes nach Partisanen und plötzlich pfiff eine Kugel knapp an Schlechters Kopf vorbei. Er ging zu einem Dickicht, schob die Daxen zur Seite und schaute in das Gesicht des Schützen. Der habe nur gesagt: „Nicht schießen, Kamerad.“ Er habe gesagt: „Geh nach Hause. Dieses Gesicht werde ich nie vergessen und davon träume ich noch heute.“
„Ich bin ein Glücksmensch“
Franz Schlechter atmet damals beim Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung tief durch, denkt kurz nach und sagt zum Abschied zu seinem Besucher: „Ich bin ein Glücksmensch.“