Übersee/Chiemgau – Zwischen Dankbarkeit und Wehmut: Für den Ukrainer Andrej – oder, wie er seit seiner Ankunft in Bayern lieber genannt wird: Andreas – ist Weihnachten in diesem Jahr ein Fest im Dazwischen. Sicher untergebracht im Landkreis Traunstein, die Familie über Europa verteilt, die Gedanken oft noch im Kriegsgebiet.
Reibungspunkte
im Wohnheim
In Übersee hat er dennoch Halt gefunden – auch deshalb, weil seine Lebensgefährtin Viktoria mitsamt Hund Lala im „alten Hotel“ untergebracht ist – so nennen die beiden das ehemalige Hotel „Zur schönen Aussicht“ in Übersee am Westerbuchberg liebevoll, wo derzeit rund 50 Menschen aus verschiedenen Regionen der Ukraine untergebracht sind – viele in unvollständigen Familien oder allein. Einfach sei das jedoch nicht immer, so Andreas. Unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung, vom Zusammenleben und vom Umgang mit gemeinschaftlichen Räumen führten immer wieder zu Reibungspunkten. Es sei ein Nebeneinander mit punktueller Nähe.
Andreas – seinen vollen Namen will er nicht nennen – wurde in der späten Sowjetunion geboren, wuchs in Konotop auf und erlebte die politischen Umbrüche der Ukraine aus nächster Nähe. Sein früheres Leben war geprägt von Arbeit, Verantwortung und Selbstständigkeit: handwerkliche Tätigkeiten, ein autarkes Leben auf dem Land, ein großer Garten, Tiere, Bienenvölker.
Weihnachten war dabei stets ein fest verankerter familiärer Moment – ruhig, gemeinschaftlich, mit festen Ritualen. Mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs zerbrach diese Normalität abrupt. Als am Morgen des 24. Februar 2022 eine Rakete in niedriger Höhe über sein Haus flog, wurde für ihn klar, dass nichts mehr sein würde wie zuvor.
Zunächst blieb Andreas, half bei der Organisation vor Ort, unterstützte die Armee, ließ sich zum Drohnenpiloten ausbilden und erlebte Besatzung und Befreiung seines Gebiets. Doch der anhaltende Druck, fehlende Perspektiven und die Trennung von seiner Lebensgefährtin führten schließlich zur Entscheidung, die Ukraine zu verlassen. Der Weg führte über Krakau und München nach Oberbayern – zunächst in große Sammelunterkünfte, später in den Landkreis Traunstein.
Ankerpunkte
gefunden
„Ein starker Moment des Ankommens war, als ich nach der langen Trennung am Bahnhof in Übersee wieder vor Viktoria stand, eine bayerische Brotzeit und ein helles Augustiner in der Hand und die Alpen im Hintergrund, von denen ich vorher nur auf der Karte gelesen hatte.“ In Übersee habe er zum Glück Ankerpunkte gefunden. Der Gemeinschaftsgarten ist für ihn mehr als Arbeit: Er ist Ort des Austauschs, der Sprachpraxis und ein Stück Normalität. „Hier merkt man, dass man als Nachbar wahrgenommen wird“, sagt er. Für wie viel frischen Wind und tatkräftige Unterstützung Andreas gesorgt hat, bestätigt Jutta Weber, Mitinitiatorin des Gartenbauvereins: „Schon bald war uns Gartenleuten klar: Andrej kann alles. Wann immer es an den gemeinschaftlich genutzten Bereichen Arbeit zu verrichten galt, waren Andrej und Viktoria zur Stelle: beim Pflanzen der Streuobstwiese, dem Brunnenbau, der Reparatur von Geräten oder auch der Versorgung der drei Laufenten.
Auch bei den geplanten oder spontanen Festen oder Grillabenden überraschten sie die Feiernden mit ukrainischem Gebäck und Grillspezialitäten. Ihr Engagement geht aber über die Mitwirkung im Gemeinschaftsgarten hinaus. Viktoria, die eigentlich Ärztin ist, wäre so gern Floristin. Diese Neigung stellt sie dem Gartenbauverein zur Verfügung. Als der Verein sich bei den großen Festen um den Blumenschmuck kümmerte, half sie mit. Auch der Adventsmarkt des Frauenvereins wurde von ihr mit Weihnachtsgestecken unterstützt.“ Die Advents- und Weihnachtszeit macht Andreas nachdenklich: „Das Wichtigste ist, nicht allein zu sein“, sagt er nach einer Weile. „In der Ukraine war Weihnachten immer ein Familienfest.
Trotz sowjetischer Unterdrückung religiöser Bräuche wurden Rituale weitergegeben: das gemeinsame Essen, traditionell zwölf Fastenspeisen, das Warten auf den ersten Stern…“ Die Bedeutung des Festes lag für ihn weniger im Äußeren als im Zusammensein. Umso schmerzhafter ist es, dieses Fest nun fern der Familie zu erleben.
Die Feiertage selbst bleiben für Andreas ambivalent. „Ich verspüre große Dankbarkeit für die Sicherheit, ein Dach über dem Kopf und die Unterstützung – und tiefe Wehmut, weil Familie, Freunde und Heimat weit weg sind oder im Krieg leben. Dazu kommt Scham, wenn einige Landsleute sich hier respektlos verhalten und ein schlechtes Bild abgeben.“
Immer ein
Fünkchen Hoffnung
Hoffnung sei trotzdem da, vor allem auf ein Ende des Krieges und die Möglichkeit, dass viele zurückkehren und das Land wieder aufbauen. Für das kommende Jahr wünscht sich Andreas vor allem Frieden. Persönlich möchte der Tausendsassa noch besser Deutsch lernen und auf eigenen Füßen stehen.
Weihnachten ist für ihn in diesem Jahr kein festliches Ziel, sondern ein Moment des Innehaltens. Ein leiser, nachdenklicher Abschnitt in einem Leben, das noch immer zwischen zwei Welten steht – und doch langsam neue Wurzeln schlägt.