Traunstein – Beleidigungen, Bedrohungen und umgefahrene Ausrüstungsgegenstände – mit all dem sehen sich Feuerwehrleute seit einigen Jahren immer häufiger konfrontiert. Besonders oft kommt es zu solchen Vorfällen bei Straßensperrungen infolge von Verkehrsunfällen oder im Rahmen von Veranstaltungen, also immer dann, wenn Verkehrsteilnehmer ihre geplante Route nicht wie vorgesehen nutzen können. Die Feuerwehr Traunstein hat dieses zunehmende Problem vor wenigen Tagen in einem Video in den sozialen Medien thematisiert.
Knapp 90.000
Aufrufe
Christian Schulz, Kommandant der Feuerwehr Traunstein, resümiert zur Veröffentlichung des Videos: „Wir haben hier sehr viel Zuspruch erhalten.“ Allein auf Facebook wurde das Video rund 65.000-mal angesehen und mit etwa 1.300 „Likes“ versehen. Auf Instagram erreichte der Beitrag knapp 90.000 Aufrufe und rund 2.200 „Likes“.
„Hinter jeder Uniform steckt auch ein Mensch“, betont der Traunsteiner Kommandant. Es seien Frauen und Männer, die sich freiwillig in den Dienst am Nächsten stellten und bei Veranstaltungen sowie Einsätzen im Straßenverkehr für die notwendige Sicherheit sorgten. Schulz stellt klar: „Niemand sperrt eine Straße ohne Grund und die Feuerwehr hat keinerlei Interesse daran, Verkehrsteilnehmer zu schikanieren oder zu gängeln.“
Wenn Feuerwehren im Straßenverkehr tätig werden, liegt in der Regel ein Verkehrsunfall zugrunde. Verletzte Menschen müssen gerettet oder getötete Personen aus Fahrzeugen geborgen werden. „Bei Veranstaltungen wird eine Straßensperrung meist durch das Ordnungsamt der jeweiligen Kommune angeordnet“, erklärt Christian Schulz weiter. „Darüber hinaus wird dies im Vorfeld in den Amtsblättern kommuniziert.“
Gerade bei wiederkehrenden Veranstaltungen wie dem Traunsteiner Georgiritt, der jedes Jahr am Ostermontag durch die Innenstadt führt, stellt sich der Aktivenchef immer wieder dieselbe Frage: „Warum sind es ausgerechnet viele einheimische Verkehrsteilnehmer, die unsere Einsatzkräfte regelmäßig beschimpfen und beleidigen?“ Auswärtige Fahrzeuglenker reagierten seiner Beobachtung nach häufig deutlich gelassener und entspannter auf diese ungeplanten Situationen.
Rund 40 Vorfälle verbaler Entgleisungen oder Sachbeschädigungen wurden in diesem Jahr allein bei der Feuerwehr Traunstein registriert. Diese reichten von Beschimpfungen wie „dummer Hund“ oder „Trottel“ bis hin zu Beleidigungen aus der sprichwörtlich „untersten Schublade“. Besonders drastisch werde es für ihn, so Schulz, „wenn das Auto als Waffe eingesetzt wird und Einsatzkräfte bewusst mit Fahrzeugen bedrängt oder durch Aufheulen des Motors eingeschüchtert werden“. Mehrfach musste die Wehr bereits Ausrüstungsgegenstände wie Verkehrsleitkegel oder Faltsignale ersetzen, die mutwillig umgefahren wurden. Christian Schulz bedauert: „Gerade bei vergleichsweise kleinen Schäden werden Anzeigen aufgrund der Geringfügigkeit häufig nicht weiterverfolgt.“ Zudem sei festzustellen, dass es weder zwischen Frauen und Männern noch zwischen verschiedenen Altersgruppen der Fahrzeuglenker nennenswerte Unterschiede im Verhalten gebe.
Gerade im innerstädtischen Bereich beschränken sich die Vorfälle nicht nur auf Autofahrer. Der Kommandant berichtet: „Wir erleben auch immer wieder Radfahrer, die ein ausgeprägtes Machtverhalten an den Tag legen, Absperrungen ignorieren oder mit Schwung auf Einsatzkräfte zufahren.“ Fußgänger hingegen ließen sich in der Regel gut an Einsatzstellen oder Absperrungen vorbeileiten. Lobende Worte findet Christian Schulz auch für viele Lkw-Fahrer: „Diese reagieren bei Streckensperrungen häufig sehr gelassen und nutzen die Situation beispielsweise für ihre vorgeschriebene Pause.“ Gleichzeitig betont er: „Natürlich darf man nicht alle Autofahrer über einen Kamm scheren. Viele von ihnen reagieren gelassen und situationsangepasst. Dennoch ist eine Zunahme von Beleidigungen und Bedrohungen gerade von dieser Personengruppe spürbar.“
Selbstkritisch äußert sich der Traunsteiner Kommandant insbesondere in Bezug auf die Ausrüstung. „Die Fahrzeugbeleuchtung hat sich in den vergangenen Jahren zwar deutlich verbessert, doch unsere Einsatztechnik, etwa Warnlampen, entspricht teilweise noch dem Stand von vor 20 Jahren“, so Christian Schulz. Gleichzeitig appelliert er an die Feuerwehrausrüster, die Technik dringend an die heutigen Gegebenheiten anzupassen.
Auch die Ausbildung innerhalb der Feuerwehren sieht Christian Schulz selbstkritisch. Er sagt: „Wir sind in vielen Bereichen ein ‚Mädchen für alles‘ und ausbildungstechnisch breit aufgestellt. Bei der deeskalierenden Gesprächsführung gibt es jedoch sicherlich noch Lernfelder.“ Neben der Persönlichkeit jedes einzelnen Feuerwehrmitglieds seien auch rhetorische Kompetenzen erforderlich, um mit aufgebrachten Verkehrsteilnehmern angemessen umgehen zu können. Zwar achten die Gruppenführer bei der Personalplanung während der Anfahrt zur Einsatzstelle darauf, für Aufgaben wie Straßensperren möglichst geeignete Persönlichkeiten einzuteilen, doch lasse sich dies bei Freiwilligen Feuerwehren nicht immer steuern. Christian Schulz schildert aus der Praxis: „Gerade tagsüber sind wir oft froh, wenn wir alle benötigten Fahrzeuge überhaupt besetzen können. Entsprechend schwieriger wird dann auch die Personalauswahl.“
Es braucht mehr
Gelassenheit
Zusammenfassend wünscht sich Christian Schulz für alle Feuerwehren ein spürbares Mehr an Gelassenheit im Umgang miteinander. Er betont: „Natürlich darf man auch einmal Druck abbauen und seinen Unmut über ein ungeplantes Ereignis äußern. Darüber ist aufseiten der Feuerwehr niemand eingeschnappt.“ Gleichzeitig richtet er einen klaren Appell an alle Verkehrsteilnehmer: „Wenn es uns gelingt, ein Gespräch ohne Beleidigungen oder Bedrohungen zu führen, dann haben wir bereits viel erreicht.“ Die entscheidende Frage lautet für den Traunsteiner Kommandanten daher: „Möchte ich selbst so behandelt werden?“
Es sei wichtig, sich immer wieder selbst zu reflektieren und zu hinterfragen, wie das eigene Verhalten auf andere wirke. Christian Schulz abschließend: „Wenn dadurch auch nur eine Handvoll verbaler Entgleisungen verhindert werden kann, ist das ein Gewinn.“