Studie über Depressionen am Arbeitsplatz

von Redaktion

Überlastung im Job zeigt sich oft durch schleichende Symptome wie längere Krankheitsausfälle, Konzentrationsprobleme oder sozialen Rückzug. Eine Rosenheimer Studie untersucht nun neue Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene, die unter arbeitsbedingtem Stress und Depressionen leiden.

Prien/Rosenheim – Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Ruth Rossi arbeitet am Schön-Klinik-Institut für Psychotherapie in Rosenheim, in dessen großer Institutsambulanz zukünftige Psychotherapeuten ausgebildet werden.

„In der Ambulanz behandeln wir zahlreiche Patienten, die unter psychischen Problemen leiden. Dadurch haben wir zudem die Möglichkeit, im ambulanten Bereich Studien durchzuführen“, erklärt Rossi die Hintergründe zur derzeit laufenden Studie zum Thema „Burnout/Stress am Arbeitsplatz“, die an fünf Ambulanzstandorten in ganz Deutschland durchgeführt wird. Ziel der Studie: neue Behandlungsmöglichkeiten für arbeitsgestresste, depressive Menschen zu untersuchen.

„Wir möchten Personen, die sich weiterhin im Berufsleben befinden, gleichzeitig aber an einer diagnostizierten Depression leiden, mithilfe von gruppentherapeutischen Behandlungen und Rollenspielen fördern sowie unterstützen. Es geht darum, die eigene Kommunikations- und Konfliktfähigkeit zur Problemlösung zu verbessern und die Beziehungen am Arbeitsplatz näher zu betrachten. Stichwort Stressmanagement: Es ist essenziell, zu erkennen, welche Strategien die Person benötigt, um den Arbeitsaufwand ohne Überlastung zu bewältigen.“

Professor Dr. Dr. Andreas Hillert ist Chefarzt der Psychosomatik und Psychotherapie an der Schön-Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Er weiß: Eine Depression ist durch die Weltgesundheitsorganisation oder die Psychiatriegesellschaften mit Kriterien definiert.

„Wer mindestens zwei Wochen niedergeschlagen und antriebslos ist sowie einen Freudenverlust hat, erhält die Diagnose Depression.

Bei Burnout hingegen fühlen sich die Betroffenen dem deutschen Begriff zufolge ausgebrannt, auch dann, wenn sie klinisch völlig gesund sind. Es handelt sich also um ein subjektives Störungsmodell“, erklärt Hillert. Im Schnitt identifizieren sich 30 bis 35 Prozent der berufstätigen Deutschen stressbedingt mit dem Begriff „ausgebrannt“. Es handelt sich somit um ein „sehr verbreitetes Phänomen in unserer immer schnelllebigeren Zeit“.

Heutzutage einen Arbeitsplatz zu finden, in dem es genügend Mitarbeiter, kreative Freiräume und kaum Arbeitsplatzkonflikte gibt, ist in den Augen Hillerts eine Herausforderung. Dazu kommen wirtschaftlicher Druck, hohe Anforderungen, Konkurrenzkampf, Generationenwechsel und aus alledem resultierende unbesetzte Arbeitsstellen – und das angesichts einer zunehmenden Unsicherheit in der Weltwirtschaft.

„Ursprünglich galt Burnout als Sonderproblematik für Menschen in Sozialberufen wie Sozialtherapeuten, Lehrer oder Pfleger. Mittlerweile aber zieht sich das flächendeckend über alle Berufsgruppen“, unterstreicht Hillert den Ernst der Lage.

Was also tun, wenn erste Anzeichen einer Überlastung am Arbeitsplatz auftreten? Deutliche Warnhinweise sind Hillert zufolge chronisch anhaltende, hartnäckige Durchschlafstörungen. Ebenso ernstzunehmen ist eine Antriebslosigkeit, sei es am Arbeitsplatz oder im Privatleben, wenn man sich zurückzieht, weniger mit Freunden trifft und nicht mehr unter Leute gehen möchte.

Rossi appelliert darüber hinaus an die Sensibilität im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten: „Alarmierend sind Anzeichen wie ein kontinuierlicher Leistungsabfall, eine erhöhte Reizbarkeit, häufigere Krankmeldungen aufgrund einer höheren Infektanfälligkeit, nicht erholt aus dem Urlaub zurückkehren, sich zunehmend am Arbeitsplatz zurückziehen und weniger kommunizieren.

Viele fühlen sich hilflos und resignieren. Ausgleichende Aktivitäten wie Sport oder Freizeitgestaltung, die dem Wohlbefinden eigentlich guttun, werden am ehesten reduziert.“ Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob und wie man einer Überlastung am Arbeitsplatz präventiv begegnen kann. Hillert verweist darauf, dass eine diesbezügliche Verantwortung des Arbeitgebers im Gesetz verankert ist.

„Der Arbeitgeber hat prinzipiell die Aufgabe, die psychische Befindlichkeit der Mitarbeiter zu erfassen und darauf zu reagieren. In der Breite aber wird das sehr unterschiedlich gehandhabt, mit Fragebögen, Monitoring oder Supervisionen. In der Praxis heißt das leider auch: Je schlechter es einer Firma wirtschaftlich geht, umso weniger wird auf diesen Bereich geachtet.“

Ideal wären Präventionsangebote in den Firmen selbst. Denn: Viele Probleme entstehen durch Missverständnisse und Kommunikationsschwierigkeiten, die bereits in der Entstehung gelöst werden könnten.

Sich ausgebrannt zu fühlen, dieser Zustand ist heutzutage kaum mehr stigmatisiert. Traditionell genießt Burnout den Ruf, vor allem jene zu treffen, die besonders engagiert sind und mehr Leistung bringen als Kollegen – empirisch gesehen ist das laut Hillert allerdings eine Legende.

„Letztlich beinhaltet tragfähige Prävention zum einen eine diesbezügliche Verantwortungsübernahme des Arbeitgebers, der für ein konstruktives Gesamtklima sorgt, und andererseits ein die eigene Gesundheit berücksichtigendes Engagement der Mitarbeiter.“

Rossi ergänzt: „In der Regel besteht seitens des Arbeitgebers Verständnis für regelmäßige Behandlungstermine zur Verbesserung der psychischen Gesundheit. Zudem gibt es ambulante Angebote, die außerhalb der Arbeitszeit genutzt werden können.

Dies sollte schließlich im Sinne des Arbeitgebers sein, da längere Arbeitsausfälle den Wiedereinstieg in den Beruf erschweren und den Betrieb belasten.

Die darauffolgende Abhängigkeit vom Versorgungssystem bedeutet für viele langfristig eine zusätzliche Belastung. Konkreter Hinweis von Hillert: Der gesunde Mitarbeiter kann sich ungefähr zwei Stunden lang auf eine berufliche Tätigkeit konzentrieren, ehe er eine Pause von circa acht Minuten einlegt. Wer das ohne Pause acht Stunden am Tag durchzieht, bekommt unter anderem Schlafstörungen, da das vegetative Nervensystem zu hochgefahren ist und nicht abschalten kann.

Mitarbeiter, die in der Pause mit Kollegen über Berufliches sprechen, befinden sich zwar formal in der Pause, jedoch ohne, dass Entspannung einsetzen kann. Wer sich hier ertappt fühlt und es nicht schafft, in den Pausen abzuschalten, sollte seine persönliche Pausengestaltung überdenken, rät der Professor und betont, vor allem auch die kleinen Dinge nicht außer Acht zu lassen.

Am wichtigsten, da sind sich Rossi und Hillert einig, ist die individuelle Betrachtung: „Bleiben die Belastungsfaktoren in der Arbeit beständig hoch, wird sich die Situation nicht in Luft auflösen und der Körper von selbst erholen. Während dem einen höhere Belastungen keine Schwierigkeiten bereiten, hilft dem anderen womöglich nur ein Arbeitsplatzwechsel oder die Suche nach einem ganz neuen Job.

Es geht darum, sich als Person wiederzufinden, zu stärken und aus der Hilflosigkeit auszubrechen.“

Artikel 9 von 11