Prien – Eigentlich sollte es nur ein kurzes Erklärvideo sein. Ein Einblick in den Alltag der Bio-Bäckerei Brotquelle in Prien, so wie die Transparenz auch im Laden mit der offenen Backstube gelebt wird. Doch dieses zwölfsekündige Video ging viral – sprich, deutlich mehr Menschen klickten rein als der Instagram-Account der Bäckerei sonst erreicht. Mehr heißt in diesem Fall nicht Tausende oder Hunderttausende, sondern Millionen. 5,1 Millionen Mal wurde das sogenannte Reel inzwischen aufgerufen. Dabei erklärt das Video doch nur, wie hinter dem Verkaufstresen die Butter in die Brezn kommt.
5,1 Millionen
Aufrufe im Netz
„Es gab hin und wieder Kunden, die uns gefragt haben, wie das denn mit der Butter in der Breze funktioniert. Das war die Intention des Videos“, erklärt Marianne Quelle im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Ihnen sei nicht bewusst gewesen, was da passiert, beteuert Quelle, die zusammen mit ihrem Mann Michael die Bäckerei betreibt. Das Besondere an der Brotquelle-Butterbrezen: Die Butter wird nicht auf die aufgeschnittene Breze geschmiert, sondern in den Bauch der Teig-Spezialität gespritzt. Fast noch schlimmer: Die bayerische Breze (oder auch Brezn) wird als schwäbische Brezel vermarktet. Das sorgte in den inzwischen über 600 Kommentaren größtenteils für Unverständnis: Viele bevorzugen eine handgeschmierte Breze. Einige finden die Idee aber auch gut. Teilweise ging die Diskussion aber noch weiter: Eine schwäbische Brezel wird im oberbayerischen Prien verkauft? Prominentester Nörgler: der TV-Allestester Jumbo Schreiner: „Ist ganz nett, aber definitiv kein Ersatz für eine geschmierte Butterbrezel.“ Apropos TV.
Kurz vor dem Jahreswechsel kam ein Team des Bayerischen Rundfunks zum Dreh vorbei. Ausgestrahlt wurde der Beitrag am vergangenen Donnerstagabend in der Sendung „quer“. Auch die Fernsehredaktion wurde durch das Instagram-Video auf die Bäckerei aufmerksam. Dabei ist die Butterbrezelmaschine, produziert von einem Start-up im schwäbischen Wald, schon seit der Eröffnung der Bäckerei im Frühjahr 2024 im Einsatz.
„Wir haben die Brezel mit einem Lineal auf Papier gelegt und abfotografiert, damit die Düsen, aus denen die Butter kommt, im richtigen Abstand und mit der für unsere Brezel richtigen Größe sind. Die Maschine ist also perfekt auf unsere Breze programmiert“, sagt Marianne Quelle. Dadurch sei jede Butterbrezel immer mit genau 13 Gramm Butter befüllt. Die Vorteile der Maschine: Jede Brezel geht eine frische Verbindung mit der Butter ein, liegt nicht länger als nötig hinter der Theke und fürs Verkaufs-Team geht die Befüllung auch schneller als das Schmieren, gerade bei größeren Bestellungen. Und gekühlt wird die Butter in der Maschine auch ständig.
Viel Verständnis in der
örtlichen Backstube
Mit den negativen Kommentaren gehen die Quelles gelassen um: „Die meisten Kommentare haben sich mit unserer Bäckerei und unserer Arbeit gar nicht befasst. Der Großteil kennt uns nicht, kommt nicht von hier, das können wir über die Statistik gut einsehen.“ Vor Ort in der Bäckerei kam es gerade am Anfang vor, dass Kunden zurückkamen und meinten, sie hätten nur eine normale Breze ohne Butter bekommen, weil der sonst offensichtliche Schnitt nicht zu sehen war. „Viele waren überrascht, wir haben es ihnen dann gezeigt und erklärt, dann war es auch gut. Geschimpft hat keiner“, erinnert sich Quelle an die Reaktionen im echten Leben. Und wenn mal einer herumschimpft? „Der muss unsere Brezel ja nicht kaufen, es gibt noch andere Bäckereien in Prien und alle können machen, was sie wollen.“
Aber wie kommt eine schwäbische Brezel an das bayerische Meer? „Die Bayerischen gibt’s hier schon überall“, so die simple Antwort der Bäckereiinhaberin, und sie führt weiter aus: „Wir wollen uns auf verschiedenen Ebenen abheben. So eben auch bei der Brezel. In der schwäbischen ist mehr Butter drin, neben Mehl, Wasser, Salz, Sauerteig und einem kleinen Stück Hefe.“ Das Besondere sei aber hauptsächlich die Form: Die bayerische Breze ist gleichmäßiger, sodass sie komplett aufgeschnitten werden kann. Die schwäbische Brezel ist an der Verknotung dagegen knackiger und kann nur am Bauch aufgeschnitten werden, dort, wo bei den Quelles die Butter eingespritzt wird.
Virales Video als
Inspiration für mehr
In der Bäckerei selbst hat die hauptsächlich ältere Kundschaft vom Internet-Hype kaum was mitbekommen. Durch den TV-Beitrag sind dagegen gleich am nächsten Vormittag ein paar Butterbrezeln mehr verkauft worden. Auch wenn der virale Hit nicht geplant war, darauf aufbauen möchten die Quelles schon: „Wir haben ein paar Ideen, wie wir das weiterspinnen wollen. In den Kommentaren waren auch einige Vorlagen dabei: Anstatt geschüttelt oder gerührt wie beim Martini ist bei der Brezel jetzt die Frage gespritzt oder geschmiert.“
So abwegig ist die Technik in Bäckereien ohnehin nicht, Krapfengebäcke werden auch gespritzt. Auch der Priener Gemeinderat sei laut Quelle gespalten bei der Butterbreze(l)-Frage: „Die Brezn für die Gemeinderatssitzungen werden abwechselnd bei uns und woanders bestellt, manche wollen die geschmierten, andere bestehen auf die aufgestrichenen.“
Geschmiert oder gestrichen, knackig oder teigig – die Brezel und das Video der Brotquelle zeigt in jedem Fall, wie Social Media funktionieren kann: kurzes, einfaches Video, ausgefallene Technik und ein Thema, zu dem gefühlt alle eine Meinung haben und munter drauflos schreiben. Eine Garantie auf Reichweite gibt es aber durch die intransparenten Algorithmen der Plattformen nicht.
„Was geht
hier ab“
Seit sechs Wochen ist das Video inzwischen online. Marianne Quelle erinnert sich noch gut an die ersten Tage: „Am ersten Tag dachten wir schon: ‚Oh, das sind aber viele Aufrufe.‘ Ab den ersten 100.000 war es dann ein ‚Was geht hier ab‘. Es konnte keiner glauben, welche Wellen das geschlagen hat.“