„Das ist doch kein Zustand“

von Redaktion

Priener Bahnsteige seit zwei Jahren ohne Dach – Eltern machen Druck

Prien – Den Eltern reicht‘s. Sie sind sauer, dass ihre Gymnasiasten und Realschüler immer wieder im Regen oder Schnee stehen, wenn sie nach Schulschluss auf den Zug nach Hause warten. Nina Weinland, Elternbeirätin am Ludwig-Thoma-Gymnasium, berichtet im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung, dass viele Eltern über das abgerissene Bahnhofsdach klagten. „Mittags geht es am Bahnhof wirklich zu“, bei Hunderten von Schülern seien die vorhandenen kleinen Dächer kein Ersatz. „Bei Regen oder Schnee werden alle nass. Das ist doch kein Zustand.“ Auch für Pendler und Touristen nicht, findet Bürgermeister Andreas Friedrich. Denn auch die stehen in Regen, Schnee oder Hitze.

„Jahrelange
Nachlässigkeit“

Die Deutsche Bahn AG, Eigentümerin des Bahnhofs, sieht ihre Entscheidung zum Abriss des alten Bahnhofdaches Ende April 2023 als notwendigen Schritt zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit. Bereits 2022 habe ein Bauwerksprüfer im Zuge einer turnusmäßigen Begutachtung festgestellt, „dass die Dächer sich in einem nicht verkehrssicheren Zustand befinden“. Der Rückbau der Dachhäute sei die einzig logische Konsequenz gewesen.

Und wer ist schuld daran, dass das Dach nicht mehr verkehrssicher war? Die Eigentümerin – und Betreiberin – des Bahnhofs, die Bahn AG. Es ist ihre Aufgabe, für Verkehrssicherheit zu sorgen. Das Landesamt für Denkmalpflege formuliert es eindeutig: „Aufgrund jahrelanger Nachlässigkeit hat sich der Zustand mancher im Besitz der DB befindlicher Baudenkmäler stark verschlechtert.“ Der Bürgermeister geht davon aus, dass der Fehler im System steckt: „Der Bund fördert eher den Neubau, nicht den Unterhalt bestehender Anlagen.“ Dies führe bei der Bahn dazu, dass notwendige Instandhaltungen ausbleiben. Die Stiftung Denkmalschutz spricht in ihrem „Schwarzbuch der Denkmalpflege 2025“ von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ in Prien und nannte den Teilabriss der historischen Bahnsteigüberdachung am Priener Bahnhof einen „unwiederbringlichen Verlust“. Mit dieser Einstufung setzte die Stiftung ein nationales Zeichen.

„Dass die abgenommenen Dächer ‚unwiederbringlich verloren‘ seien, kann das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege nicht bestätigen“, erklärte Pressesprecherin Katharina Schmid nach Erscheinen des Schwarzbuchs auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung.

Tatsächlich habe ihre Behörde einen kompletten Abbau der Konstruktion verhindert und mit der Deutschen Bahn einen „Kompromiss“ entwickelt: Im Zuge der Generalsanierung der Bahnstrecke im Jahr 2027 sollen alle noch brauchbaren Teile der historischen Konstruktion geborgen, saniert und wiederaufgebaut werden. „Sollte der Schadensumfang der historischen Bahnhofsüberdachung größer sein als erwartet, werden so viele Teile nachgegossen, dass auf beiden Bahnsteigen das alte Dach […] wieder aufgestellt werden kann“, versichert das Landesamt.

Das würde den Bürgermeister freuen: „Die historische Bahnsteigüberdachung war ein prägender Bestandteil des Priener Bahnhofes“. Es gehe um den Charakter eines Ortes, der sich als traditionsreicher Fremdenverkehrsort versteht. „Sie verlieh unserem Bahnhof nicht nur einen funktionalen, sondern auch einen identitätsstiftenden Wert“, so Friedrich. Die alten Dächer hoben den Priener Bahnhof aus dem optischen Einerlei der Bahnhöfe heraus. Genau dieses Alleinstellungsmerkmal sei verschwunden.

Bis zur Generalsanierung 2027 ist noch eine Weile hin. Da können noch viele große und kleine Menschen nass werden. Wie wäre es denn mit einem Provisorium? „Auf den vorhandenen Stützen dürfen aus statischen Gründen keine temporären Dächer installiert werden“, so die Auskunft einer Bahn-Sprecherin. Aber: Anfang Dezember 2025 wurden zwei weitere Wetterschutzanlagen am Bahnsteig 2/3 errichtet. „Diese werden dann im Rahmen der Generalsanierung 2027 als zusätzlicher Wetterschutz zu den neuen Bahnsteigdächern wiederverwendet.“

Generalsanierung
für 2027 geplant

Im Rahmen der Generalsanierung der Strecke Rosenheim – Salzburg wird der Bahnhof Prien grundlegend angepasst. So finden nach Mitteilung der Bahn unter anderem Bahnsteigarbeiten, die Erneuerung der Fahrgastinformationsanlagen, die Sanierung der Personenunterführung sowie der Zugänge statt. „Ebenfalls werden in diesem Rahmen die Bahnsteigdächer errichtet; dies erfolgt in enger Abstimmung mit dem Denkmalamt.“

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