Chiemgau/Mühldorf/Region – „Als Tierärztinnen und Tierärzte, die täglich mit der Gesundheit und dem Wohlergehen von Nutztieren befasst sind, wenden wir uns mit großer Sorge an Sie.“ Mit diesen Worten beginnt der offene Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Die Initiatoren: Rund 350 Veterinäre aus ganz Deutschland. Sie fordern ein Ende der Anbindehaltung von Rindern.
Auch Namen aus der Region sind unter dem Schreiben zu finden, welches auf der Website www.foodwatch.org veröffentlicht wurde: die Tierärztinnen Elisabeth Schuegraf und Clarissa Kämmerer aus Rosenheim, Barbara Enthaler aus Marquartstein und Miriam Fett aus Bad Endorf.
Eine Million Rinder
werden angebunden
Wie es in dem Brief heißt, würden in Deutschland rund eine Million Rinder angebunden gehalten werden, insbesondere in Süddeutschland. Und genau diese Haltungsform sei aus tierärztlicher Sicht nicht vertretbar.
Die Anbindehaltung schränke die artgemäße Bewegungsfreiheit der Tiere erheblich ein. Rinder können laut dem Schreiben weder ihr natürliches Sozialverhalten ausleben, noch dem Bewegungsdrang nachkommen. Dies führe zu physischen und psychischen Belastungen, die vermeidbar wären. „Es ist unsere Pflicht, Leiden zu verhindern“, heißt es. „Maßnahmen, die den Tieren unnötiges Leid zufügen, verstoßen nicht nur gegen das Tierschutzrecht, sondern widersprechen auch grundlegenden Prinzipien der Tiermedizin.“
Daher lautet der Appell an Landwirtschaftsminister Rainer, sich für ein verbindliches und zeitnahes Ende der Anbindehaltung einzusetzen. Es brauche einen klaren gesetzlichen Rahmen mit realistischen Übergangsfristen und gezielten Förderprogrammen für tiergerechte Haltungsformen. Das gebe den Landwirten Planungssicherheit und würde das Tierwohl entscheidend verbessern.
Aber sehen das die Landwirte in der Region genau so? Johann Steiner, Traunsteiner Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) befürchtet mit einem Verbot einen massiven Strukturumbruch. Zum einen werde die reine Anbindehaltung nur noch selten gehandhabt, lediglich von kleinen Betrieben, die in naher Zukunft aufhören. „Dass die jetzt noch auf die letzten Jahre Geld in die Hand nehmen müssen, um die Haltung zu ändern ist Humbug“, betont Steiner.
Meist eine
Kombihaltung
Die meisten Landwirte halten Rinder bereits in Laufställen oder in einer sogenannten Kombihaltung, welche auch von Qualitätsprogrammen anerkannt wird. Tiere werden dabei nur periodisch angebunden und haben ansonsten Auslauf. Zum Beispiel wenn sie über den Sommer auf der Alm oder Weide sind. Lediglich über den Winter werden sie im Stall angebunden – und das auch nur außerhalb der Trockenstellung. Hier kommen die Milchkühe in großzügige Liegeboxen, wo sie sich frei bewegen können.
Gemeint ist damit die rund zweimonatige Phase vor der nächsten Kalbung. Die Kuh wird nicht mehr gemolken, um dem Euter und dem gesamten Körper eine Ruhe- und Erholungsphase zu gönnen. Die ist für die Regeneration des Gewebes, die Vorbereitung auf die nächste Laktation und die Verbesserung der Eutergesundheit entscheidend. Auch Kälber kommen nach der Geburt in Boxen.
Fällt aber außerhalb dieser Zeiten die Anbindehaltung weg, ist auch die Kombihaltung nicht möglich und einige Landwirte können ihren Betrieb nicht mehr aufrecht halten. „Wenn jetzt ein kleiner Bauer einen Laufstall bauen muss, weil er im Winter nicht mehr anbinden darf, dann ist der dafür bis zu 400.000 Euro los“, betont der Traunsteiner Kreisobmann: „Wenn der aber nur 20 Tiere hat, ist die Rentabilität dafür nicht gegeben.“
Zudem macht Steiner auf weitere Probleme bei der Almen- und Weidenbewirtschaftung in den Bergen aufmerksam. Die betreffen die gesamte Alpenkette. Es seien ohnehin schon zu wenig Tiere oben. Zum Einen, weil die Bewirtschaftung der Almen zusätzlich Arbeit bedeutet, außerdem bereite der Klimawandel Schwierigkeiten. „Es wird immer wärmer. Die Vegetation geht circa zwei Wochen eher an und endet zwei Wochen später als gewohnt. Jetzt wächst das Gras oben schneller und du brauchst mehr Tiere.“ Denn die Rinder essen das Gras nicht mehr, wenn es zu alt ist. Es braucht nach einer gewissen Zeit eine neue Koppel, auf der sie fressen können.
Doch hier tauchen die nächsten Schwierigkeiten auf. Zu Beginn der Almsaison liegt in höheren Lagen noch Schnee, das Angebot ist also begrenzt. Außerdem brauchen neue Koppeln einen Trinkwasserzugang. Denn die Tiere halten sich nur dort auf, wo sie auch was zu trinken haben. Das bedeutet somit zusätzliche Arbeit für Leitungsverlegung und eine Umzäunung in den höheren Lagen.
„Bauern sterben
mit ihren Tieren“
Steiner weist außerdem darauf hin, dass die Rinder für die Weide- und Almhaltung trainiert werden müssen: „Die Tiere müssen Personen kennen, den Zaun, sie müssen wissen, wo es Wasser gibt und dass sie selbst Gras fressen müssen“. Dass die Landwirte den Jungtieren das noch zusätzlich beibringen, dafür fehle meist die Zeit. Sie müssen deshalb im Stall bleiben. „Und wenn jetzt noch die Anbindehaltung verboten ist und ich einen Laufstall bauen muss, wofür ich aber kein Geld habe, dann bleibt mir letztendlich nichts anderes übrig, als die Tiere wegzugeben.“
Der Kreisobmann und Landwirt sieht also zusammengefasst mit einem Anbindeverbot Existenzen gefährdet. Den Tieren geht es bei der Anbindehaltung auch nicht schlecht, fügt er hinzu. „Klar, die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkter. Aber Landwirte kümmern sich trotzdem um das Wohl der Tiere.“ Ein Landwirt, der sich nicht um seine Tiere kümmert, hat auch keinen Ertrag, betont Steiner weiter, und genau den brauchen die Bauern, um ihren Betrieb aufrecht halten zu können. „Bauern leben und sterben mit ihren Tieren.“
Ulrich Niederschweiberer, BBV-Kreisobmann im benachbarten Landkreis Mühldorf schließt sich hier der Meinung von Steiner an. „So schlecht, wie die Anbindehaltung dargestellt wird, ist sie nicht. Den Bauern liegt das Tierwohl am Herzen“, betont Niederschweiberer. Zudem sei der Umgang mit den Tieren so sicherer. Sind die Tiere angehängt, können sie die Landwirte nicht so leicht verletzen.
Niederschweiberer spricht bei der reinen Anbindehaltung ebenso von einem Auslaufmodell, das überwiegend in kleinen Betrieben zur Anwendung kommt. Seit ein paar Jahrzehnten würden keine Anbindeställe mehr genehmigt und somit auch nicht mehr gebaut werden.
„Die, die es haben sollen das noch weiterhin so handhaben dürfen“, sagt Niederschweiberer und weist auf ein weiteres Problem hin. Denn kleine Betriebe erhalten keine Förderung, wenn sie ihre Wirtschaftlichkeit nicht nachweisen können. „Daher ist das sehr kontraproduktiv, wenn man sagt, die bekommen keine Förderung für den Bau eines Laufstalls und dann verbietet man ihnen die Haltung und sie müssen mit der Tierhaltung aufhören“, betont der Landwirt aus dem Landkreis Mühldorf.
Förderung
erhöhen?
Beide Kreisobmänner sind sich zudem einig: Sollte sich ein Verbot durchsetzen, müssen die Landwirte entlastet werden, was Auflagen und Kosten angeht. „Ich bin dafür, dass man diese Förderungen für den Stallbau bei kleineren Betrieben erhöht und mehr möglich macht, um einen Umstieg zur Laufstallhaltung zu ermöglichen“, sagt Niederschweiberer. „Und wer das nicht macht, weil z.B eine Aufgabe der Landwirtschaft im Raum steht, soll den Betrieb so noch auslaufen lassen können.“
Wie reagiert Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer auf den Appell der Tierärzte? Er und sein Ministerium haben auf eine Anfrage der Chiemgau-Zeitung bis Redaktionsschluss nicht geantwortet.