Prien – Der Name „Prien“ geistert derzeit durch sämtliche Medien. Als Gewinner des Titels „Abriss des Jahres“. Auch so werden Menschen auf den Kurort am Chiemsee aufmerksam. Selbst wenn der Anlass kein wirklich schöner ist.
Der Bürgermeister sieht es eher entspannt: „Einen Wettbewerb, der medial sehr gepusht wird, der aber trotzdem nur 2300 Teilnehmer in Bayern hat, einen Wettbewerb, der 2024 die Sprengung der Kühltürme des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld zur Abstimmung stellt, den nehme ich nicht ernst“, sagt Andreas Friedrich. 471 Stimmen gab es für das Lechnerhaus – bayernweit. Was ihn mehr ärgert als der zweifelhafte Titel: Es gab im Vorfeld keinerlei Nachfrage, keinerlei Kontakt mit der Verwaltung des Marktes Prien. Da hätte einiges geklärt oder erklärt werden können.
Bis 2006 zum
Teil bewohnt
Denn das 1893 erbaute Lechnerhaus hatte nicht nur Geschichte, sondern auch Vorgeschichte. 1991 hatte die Gemeinde das ehemalige Domizil des Regensburger Holzstofffabrikanten Josef Leonhard Lechner gekauft. Nach ihm ist es benannt. Lechners Familie betrieb nur einen Steinwurf entfernt einst in Prien ein Sägewerk mit einer Mühle und später eine Holzzellstofffabrik.
Bis 2006 war das Lechnerhaus zum Teil noch bewohnt, seitdem stand es leer. Schon vorher gab es verschiedene Überlegungen, was man mit dem stattlichen Gebäude anfangen könnte. Kreisheimatpfleger Karl Aß erinnert sich, dass der ehemalige Bürgermeister Lenz Kollmannsberger das Lechnerhaus als Veranstaltungsort nutzen wollte. Neben dem alten Haus sollte ein Konferenzsaal entstehen. So, erzählt Aß, wollte Kollmannsberger die Verbindung vom kleinen Kurgarten zum Eichental herstellen.
Friedrich, der seine Ausbildung in der Verwaltung der Marktgemeinde absolvierte, erinnert sich an verschiedene Anfragen zur Nutzung des Gebäudes, unter anderem als Künstlerhof. Das hatte sich meist spätestens dann erledigt, wenn die Interessenten sich das Gebäude mal angesehen hatten, sagt der Bürgermeister im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.
2006 zog die letzte Mieterin aus. Seitdem stand das Lechnerhaus leer. Und verfiel zunehmend. Michael Anner, seit 2008 Mitglied des Marktgemeinderates, kann sich nicht daran erinnern, dass es im Gremium eine konkrete Entscheidung gab, das Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert verfallen zu lassen. „Der Gemeinderat hat sich aber auch nicht einigen können, was mit dem Gebäude passieren soll“, so Anner.
Zumal phasenweise das Grundstück an der Beilhackstraße laut Anner auch für eine Innenortsumgehung vorgesehen war. Und: Es liegt im Bereich der Priental-Schutzverordnung. Baurecht auf dem knapp 7000 Quadratmeter großen Grundstück zu bekommen, ist da nicht so einfach.
Das wäre knapp zehn Jahre später nicht das Problem gewesen, denn während der ersten großen Flüchtlingswelle 2015/2016 war im Baurecht einiges gelockert worden, weil dringend Wohnraum gebraucht wurde. Damals sollte auf dem Grundstück eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. Deswegen fiel im Marktgemeinderat 2016 der Beschluss, dafür das Lechnerhaus abzureißen.
Was nicht geschah. Der Abrissbeschluss von 2016 wurde aufgehoben, als die Regierung von Oberbayern erklärte, man brauche dort keine Unterkunft für Geflüchtete. 20 Jahre, nachdem Karl Aß geschrieben hatte: „Zumindest der Baukörper mit der gewaltigen östlichen Balkonanlage sollte unter Denkmalschutz gestellt werden.“ Aß, seit den 1980er-Jahren Kreisheimatpfleger, hat immer den Standpunkt vertreten, dass das Lechnerhaus nicht abgerissen werden sollte. Schließlich stand es auch für die örtliche Industriekultur. Den Abriss im vergangenen Winter findet er deswegen „sehr, sehr bedauerlich“.
Nicht nur er. Ein Einsender beim Wettbewerb schrieb: „Dieter Wieland (Dokumentarfilmer mit Schwerpunkt Denkmalschutz, Anm. d. Red) hat einmal gefragt, warum der Mensch den Fortschritt nicht im Erhalten sieht. Hier wird Architektur, Qualität und Handwerk abgerissen, das nie wieder erstehen wird. Das Herz blutet.“
Eine weitere Stimme, die den Landesverein für Heimatpflege im Rahmen der Abstimmung erreichte: „Kommunen sollten für Best Practice (das bestmögliche Vorgehen, Anm. d. Red.) stehen und nicht schlimmer als private Eigentümer ein Gebäude verfallen lassen, um es abreißen zu können. Traurig!“ Gegen diese Annahme verwahrt sich Friedrich: In Prien werde sehr wohl Wert auf den Erhalt alter Gebäude gelegt. Dafür stünden unter anderem die alte Post – heute Musikschule – und das alte Amtsgericht – heute Bücherei und Tourist-Info. „Die Entscheidung, ein Gebäude abzureißen, fällt man als Gemeinde fast noch schwerer, als ein Privatmann“, sagt Friedrich.
„Irgendetwas ist schiefgelaufen in den vergangenen 25 Jahren, denn das Lechnerhaus bietet heute einen traurigen Anblick“, schrieb Dirk Breitfuß 2016 in der Chiemgau-Zeitung. „Nur ab und an rührt sich etwas, dann aber richtig. Die Polizei nutzt das Lechnerhaus manchmal zu Übungszwecken, trainiert dort wohl das Vordringen in Gebäude.“
Die Priener Polizei war es nicht, heißt es aus deren Reihen. Eventuell die Bundespolizei. Deren Pressemann Dr. Rainer Scharf meldet sich auf die Anfrage der Redaktion hin zurück: Auch in seinem Haus wisse niemand etwas davon, „aber es gibt in der Region ja reichlich Polizeieinheiten“. Eine davon werde es schon gewesen sein. Schließlich nutzen Polizei und Feuerwehr leer stehende Gebäude gerne für Übungen.
Polizeiübungen
im Gebäude
Bei allem Verfall, der 2016 schon so weit fortgeschritten war, dass nach Erinnerung von Aß selbst das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege einräumte, das Lechnerhaus sei nicht mehr zu retten, gab es aber Einzelteile im Lechnerhaus, die Begehrlichkeiten weckten: Das Holz der Balken im Dachstuhl und in Türstöcken war gehackt, nicht, wie heutzutage üblich, gesägt. Für solche seltenen und antiken Bauteile gab es über Jahre hinweg Anfragen im Rathaus. Als dann im Februar vergangenen Jahres die Abrissbagger anrückten, war das wohl in Vergessenheit geraten. Die Balken sind weg. Sie hätten pro laufendem Meter mindestens 25 bis 30 Euro eingebracht.
„Vorbei ist vorbei. Das Haus ist weg“, bedauert Aß. Lediglich einige Ziegel sind vom Lechnerhaus noch erhalten. Die Waldorfschule hat daraus einen Pizzaofen gebaut.