Unterwössen – Nach 15 Jahren an der Spitze trat der Vorsitzende Dr. Hans-Jürgen Grabmüller ab. Er hinterlässt ein bestelltes Feld und übergibt an eine Nachfolgerin, die Geschichte nicht als staubige Akte, sondern als „Vitaminspender“ für die Gesellschaft sieht. Das war der zentrale Punkt bei der Jahresversammlung im „Bistro am Rathaus“ des Heimat- und Geschichtsvereins Achental (HGV).
Wenn Dr. Hans-Jürgen Grabmüller zurückblickt, dann tut er das mit dem ihm eigenen, trockenen Humor. „Bevor ich in Rente gegangen bin, dachte ich schon, ich müsste in meinem Garten künftig nur noch als Erdkrümmler arbeiten“, scherzte der scheidende Vorsitzende. Er sei deshalb „heilfroh“ und dankbar gewesen, als sich 2011 die Aufgabe im Verein ergab: „Es hat mir unheimlich Spaß gemacht, die vergangenen 15 Jahre.“ Dass dieser Spaß auf Gegenseitigkeit beruhte, machte Grassaus Bürgermeister Stefan Kattari in einer emotionalen Würdigung deutlich. Er bezeichnete Grabmüller als „wirklichen Glücksfall für diesen Verein“. Der Historiker habe wissenschaftliche Akribie mit lokaler Verwurzelung gepaart. Die Bilanz spricht für sich: Unter Grabmüllers Ägide verdoppelte sich die Mitgliederzahl von 100 auf rund 200. Es entstanden 82 Vorträge, 47 Exkursionen und Projekte von bleibendem Wert, wie die Almendatenbank oder die archäologische Ausstellung. Kattari war es auch, der für den erkrankten Kassier Erich Kamm einsprang und dessen soliden Kassenbericht präsentierte. Der weist für 2025 einen nennenswerten Überschuss von rund 5.000 Euro aus.
In die großen Fußstapfen Grabmüllers tritt nun Annemarie Kneissl-Metz. Die 37 stimmberechtigten Mitglieder wählten sie unter Leitung des Unterwössner Bürgermeisters Ludwig Entfellner ebenso einstimmig wie den neuen Schriftführer Ludwig Flug und die Beisitzer Martin Metz und Michael Elgartz. Deren Vorgänger, Schriftführerin Susanne Tofern sowie die Beisitzerinnen Karin Raab und Erika Schwarz, hatten ihre Ämter niedergelegt.
In ihrer Antrittsrede skizzierte Kneissl-Metz ihre Vision mit einer wunderbaren Metapher von Wilhelm Busch: Die Witwe Bolte, die in den Keller steigt, um Sauerkraut zu holen. „Ist das nicht die kürzeste Zusammenfassung für Wesen und Zweck unseres Vereins?“, fragte Kneissl-Metz. „In den Keller der Vergangenheit zu steigen, sich vom Eingelagerten etwas zu holen, es zu genießen und sogar davon zu schwärmen.“ Geschichte sei wie dieses Sauerkraut: „Gesund, vitaminreich und Kraftfutter, um den Weg in die Zukunft zu meistern.“
Doch Kneissl-Metz blickt über den Tellerrand hinaus. In einer Zeit, die für viele unüberschaubar geworden sei, fungiere der Verein wie ein „Leuchtturm“, der Orientierung und Halt biete. Besonders das Thema Integration liege ihr am Herzen. „Wie werden wir es machen, wenn Menschen aus Afghanistan oder Syrien an unsere Tür klopfen? Sind wir offen?“, fragte sie in den Raum. Für sie steht fest: Eine Region muss für Neubürger zur Heimat werden.
Dass Geschichte im Achental lebendig ist und oft echte Detektivarbeit erfordert, zeigten die Berichte aus den einzelnen Gemeinden. Für Staunen sorgte Beirat Dr. Kristian Krammer aus Bergen: Er berichtete von der Sanierung des „Gelbhauses“ in der Maxhütte. Da keine Baupläne existierten, initiierte er eine dendrochronologische Untersuchung der Balken. Das überraschende Ergebnis: Das Haus stammt bereits aus dem Jahr 1708. Es gehört damit zu den allerersten Gebäuden, die nach den Zerstörungen des Spanischen Erbfolgekriegs wieder aufgebaut wurden – eine Sensation, die ohne diese wissenschaftliche Methode verborgen geblieben wäre.
Nicht minder spannend ging es in Grabenstätt zu, wo Beirat Gustl Lex vom Jubiläum „100 Jahre Wasserversorgung“ berichtete. Lex hatte sich mit einem Suchgerät auf die Spur der längst vergessenen Ursprungsquelle im Wald gemacht. Nach tagelanger Suche fand er den völlig überwucherten Schachtdeckel. „Als ich ihn aufgemacht habe, war innen alles noch intakt“, berichtete Lex voller Begeisterung.
Aus Grassau informierte Grabmüller über die Idee einer „Artothek“. Da Grassau über viele Kunstwerke verfügt, ist geplant, diese zu erfassen und (ähnlich einer Bibliothek) gegen eine geringe Gebühr an Privatpersonen oder Firmen zu verleihen.
Beirat Heinz Keizer verwies auf den neuen Kreuzweg in Unterwössen. Der führt von der Schießstatt der Gebirgsschützenkompanie am Flugplatz über den Waldweg bis zur Antoniuskapelle.
An der Unterwössner Mittelschule wendet sich ein Projekt um den Volkstrauertag gegen schwindendes Geschichtsbewusstsein, ergänzt Beisitzer Hermann Minisini. Schüler gestalten den Gottesdienst und die Kranzniederlegung am Volkstrauertag aktiv. Ein vorbereitender Schulvortrag stieß auf großes Interesse.lfl