Herreninsel/Prien – Momentan haben die Kutschpferde auf der Herreninsel Ferien. Sie dürfen „von Dezember bis Februar den ganzen Tag auf den Koppeln der Insel ausspannen und die Freizeit genießen“, wie es die Bayerische Schlösserverwaltung liebevoll umschreibt. Eine wohlverdiente Ruhepause für die etwa „30 Mitarbeiter im öffentlichen Nahverkehr“ nach all dem Touristen-Stress von Ostern bis Ende Oktober. Pferdekutschen sind nämlich das einzige Transportmittel für Besucher auf der Herreninsel, die sich statt 20 Minuten Fußweg zum Neuen Schloss lieber kutschieren lassen wollen.
„Dem technischen
Fortschritt öffnen“
Zumindest bisher wird hier auf dem Kleinod mitten im Chiemsee auf reine Pferdestärken gesetzt. Zukünftig könnte sich das ändern, wenn die spektakuläre Idee von Klaus Stöttner tatsächlich umgesetzt wird. Den Präsidenten des Bayerischen Tourismusverbandes treibt die Frage um, wie man den Status von Herrenchiemsee als Unesco-Weltkulturerbe für die ganze Chiemsee-Region in bare Münze verwandeln könnte.
„Laptop in Verbindung mit der Lederhose – das ist in Bayern gelebte Praxis. Wir müssen die Tradition bewahren und uns für den technischen Fortschritt öffnen“, sagt Stöttner der Chiemsee-Zeitung: „Wie wäre es, wenn wir vom Steg zum Schloss Herrenchiemsee eine Modellstrecke für autonomes Fahren einrichten?“
Ein entsprechendes Angebot eines Anbieters liegt dem Vermarktungs-Experten vor. Natürlich will Stöttner die beliebten Pferde-Kutschfahrten nicht abschaffen oder die vierbeinigen ÖPNV-Mitarbeiter von der Herreninsel arbeitslos machen. „Aber wenn die Kutschen nicht rollen, wäre das doch eine tolle Ergänzung“, findet der Mann, der einst auch die Idee für den Welterbe-Status der bayerischen Königsschlösser inklusive Herrenchiemsee mit auf den Weg gebracht hatte. Die autonomen Taxis könnten also zum Beispiel dann fahren, wenn die Pferde erschöpft oder wie jetzt gerade in den Ferien sind.
Kritikern hält Stöttner entgegen, dass ja auch Bayern-König und Märchenschloss-Bauer Ludwig II. ein Wegbereiter des technischen Fortschritts gewesen sei. Das zeigen zum Beispiel die moderne Beheizung der 60.000-Liter-Badewanne und das „Tischlein-deck-dich“ auf Herrenchiemsee. Die Idee mit dem autonomen Fahren als Ergänzung zur Kutschen-Tradition dürfte trotzdem Schlagzeilen generieren. Aber genau das ist auch das Kalkül – und nicht nur von Klaus Stöttner.
„Im Vergleich zu den Besucherzahlen von Neuschwanstein oder Linderhof führt Herrenchiemsee noch ein Schattendasein. Wir haben jetzt etwa 340.000 Gäste – das waren schon mal fast doppelt so viele“, sagt Priens Bürgermeister Andreas Friedrich: „Wir hoffen, dass sich die Zahlen stabilisieren.“ Schließlich, so hatte das Bayerns Kunst- und Wissenschafts-Minister Markus Blume in seiner Rede bei der Übergabe der Unesco-Weltkulturerbe-Urkunde in München wunderschön formuliert, „haben wir uns nun für die Champions League der Denkmäler der Welt qualifiziert“.
„Das ist eine Riesenchance für die Region. Jeder muss sich jetzt schick machen, wenn die gut zahlenden Kulturreisenden aus der ganzen Welt kommen“, findet Stöttner. Mit dem „schick machen“ meint der Tourismus-Experte auch, dass die Gemeinde Prien als Ausgangsort für die Schifffahrten zur Herreninsel aufgepeppt wird: „Man könnte zum Beispiel die Promenade am See aufwerten und über ein neues Hotel nachdenken.“ Priens Ortschef Friedrich räumt ein, dass für die Gäste hochwertige Hotel-Betten in der ganzen Chiemsee-Region bereit stehen müssten.
Den größten Handlungsbedarf sieht er aber nicht an der Promenade, sondern an der schnöden Straße zum Chiemsee. „Der Weg dorthin schaut noch genauso aus wie vor 35 Jahren. Wir könnten das endlich zu einer richtigen Fußgängerzone umbauen.“
Problematische Umsetzung
Das Problem in Sachen Umsetzung: Für eine Neugestaltung bräuchte es neben verkehrstechnischen Planungen auch neues Pflaster – und das sei wegen der angespannten Haushaltslage derzeit schwierig umzusetzen. Friedrich kündigt allerdings an, dass man als Gemeinde in die Werbung um Gäste aus aller Welt gehen werde: „Wir wollen Pakete anbieten mit Übernachtung und Kultur. Prien und Schloss Herrenchiemsee in Kombi mit Salzburg und München.“
Es könnte also gut sein, dass die Kutschpferde auf Herrenchiemsee bald mehr Arbeit bekommen. Vielleicht ja künftig unterstützt von modernen, autonomen Helfern, die keine Ferien auf den Koppeln der Herreninsel brauchen.