Prien – Ihr Fahrer sei schon ziemlich genervt, denn jedes Mal, wenn Gesundheitsministerin Judith Gerlach nach Oberbayern fahre, entfahre ihr ein „so schee“. Als sie ihre Rede auf dem Neujahrsempfang der Priener CSU im König-Ludwig-Saal des Yachthotels hält, ist es draußen zwar schon stockdunkel, auf der Fahrt von München nach Prien habe Gerlach aber noch ein paar Berge sehen können. In Würzburg geboren und in Aschaffenburg aufgewachsen, ist die Ministerin eine waschechte Unterfränkin, was sie einmal mit der Aussprache ihrer Heimatstadt („Aschebesch“) auch sprachlich unterstreicht.
Plädoyer für mehr Obst
und Gemüse an Schulen
CSU-Ortsvorsitzender Michael Anner freute sich über den Besuch der Landespolitikerin, der Austausch mit Menschen außerhalb der Region sei hilfreich. Gerlachs Gastspiel in Prien eingefädelt hatte der CSU-Landtagsabgeordnete und Rosenheims Zweiter Bürgermeister Daniel Artmann, dessen Frau Annette Resch die CSU-Fraktionsvorsitzende im Priener Marktgemeinderat ist.
Zu Beginn ging Gerlach auch auf die anstehende Kommunalwahl ein und drückte den vielen anwesenden Kandidierenden ihre Wertschätzung aus: „Die Menschen in der Kommunalpolitik sind die, die den Kopf hinhalten. Schön, dass sich viele finden, die sich für demokratische Parteien aufstellen.“
Vor knapp 100 Gästen, darunter auch Landrat Otto Lederer, Priens Bürgermeister Andreas Friedrich und einige Führungskräfte aus dem Gesundheitswesen, wie dem Romed-Geschäftsführer Dr. Ulrich Schulze, gab die 40-Jährige Einblicke in ihre Arbeit in der Gesundheitspolitik. Ihr Job führe sie öfter, als ihr lieb sei, nach Berlin, aber es gehe um viele Gesetze und natürlich die Krankenhausreform. Dabei betonte sie, wie wichtig der Sektor ist: „Gesundheit betrifft uns alle, da kommt keiner raus.“ Dies mache das Thema so emotional.
Gerlach führte aus, warum es unser aller Ziel sein sollte, das Bestmögliche herauszuholen: „Gesundheit ist letztlich das Wichtigste.“ Dabei könne das Gesundheitssystem nicht so gelassen werden, wie es aktuell ist. Es gehe nicht nur um Geld, viel mehr um Strukturen – wobei es viele Rädchen gebe, an denen zu schrauben sei. Für Gerlach, die von 2018 bis 2023 die erste Digitalministerin in Deutschland überhaupt war, ist Prävention ein wichtiger Schlüssel. Deshalb betone sie ihren offiziellen Titel, bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, auch immer wieder. „Wir haben aktuell kein Gesundheitssystem, das auf Prävention ausgelegt ist“, machte sie in Prien deutlich. Dies könne nicht kleingeredet werden, und Eigenverantwortung spiele eine wichtige Rolle. Daher will sie im Alltag die Hürden für einen gesunden Lebensstil senken. Zum Beispiel mit einem Speiseplan an Schulen, bei dem auf Nähr- und Ballaststoffe geachtet wird und Obst und Gemüse auftaucht. Wie dieser Vorschlag wohl bei Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ankommt, der als Food-Influencer hauptsächlich Wurst- und Fleischgerichte aus seinem Alltag postet? „Wir müssen die Grundlagen richtig legen, indem wir den Fokus auf unsere Jüngsten setzen“, so die Politikerin.
Diese Lebensumstellung sei nicht immer vergnüglich, sorge aber langfristig dafür, dass man im eigenen Leben mobiler bleibe, sowohl körperlich als auch geistig. Das solle nicht heißen, dass das Leben nur noch aus Brokkoli und Wasser besteht – es solle ein „gutes Maß und ein guter Mix“ sein, ein „guter Lebensstil mit Vorsorge, der dann auch wahrnehmbar ist“. Deutschland müsse „atmen, eine gesunde Gesellschaft zu sein, eine Gesellschaft, die sich unterstützt, gesund zu sein“. Als Beispiele nannte sie Krafttraining bis ins hohe Alter, Bewegung, weniger Alkohol und eine gesunde Ernährung.
Gerlachs Rede gab auch spannende Einsichten in ihren Arbeitsalltag. Sie sprach fachlich auf hohem Niveau, ohne sich in Details zu verlieren. Auch persönliche Einblicke teilte sie, etwa als sie von Videotelefonaten im Auto mit ihren Kindern erzählte. Zu vielen Punkten fand sie klare Worte – auch gegen Unions-Positionen. So äußerte sie sich skeptisch, dass eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, wie sie Kanzler Friedrich Merz fordert, viel bringen würde. Nur rund ein Prozent machten die telefonischen Krankschreibungen aus – „das macht den Bock nicht fett“, so Gerlach. Im Gegenteil sei die telefonische Krankschreibung schnell und zügig und würde das System entlasten.
Gerlach berichtete, dass die Krankenhausreform auf einem guten Weg sei. „Es ist ein entscheidendes Jahr in der Gesundheitspolitik. Am Ende des Tages muss einfach entschieden werden“, zeigte sich Gerlach sicher. Dabei sei diese Entscheidung nicht vergnügungssteuerpflichtig und es gehe auch nicht um Einsparungen, sondern um Strukturen. Eine bessere Steuerung helfe am Ende den Menschen. Wobei insgesamt viel erklärt und Technologie besser und effizienter eingesetzt werden müsse, das machte Gerlach auch deutlich. „Wir wollen kluge und mutige Entscheidungen treffen, aber dafür sind wir als CSU bekannt“, schloss sie ihren Vortrag, der ihr viel Applaus bescherte.
Anner bedankte sich für den Besuch und zeigte sich froh über Politikerinnen, die „wir nicht so häufig sehen“. Als Geschenk gab es eine Prien-Tasse, nachdem empfohlen wurde, einer Gesundheitspolitikerin keinen Alkohol zu schenken. Was in die Tasse komme, könne Gerlach dann selbst entscheiden.
Gerlach: Kassensystem
soll so bleiben
Viel Zeit für weitere Gespräche hatte Gerlach anschließend nicht. Die OVB-Nachfrage, ob es eine Option für sie sei, am bestehenden Krankenkassensystem aus Gesetzlich- und Privat-Versicherten zu rütteln, beantwortete sie mit einem Nein.
Ihre Haltung begründete sie damit, dass „das System so gut funktioniert, und weil wir Rückstellungen haben im privaten Krankenkassenbereich, die dann auch wieder ausgezahlt werden müssten“. Außerdem gebe es Anspruchshaltungen, die Privatversicherte haben, die dann aber von den gesetzlichen Krankenversicherungen auch gezahlt werden müssen. „Das heißt, am Ende kommt dabei raus, dass ich nicht nur Bezahlende drin habe, sondern auch Leute, die Ansprüche haben.“