Qualität statt Massentourismus

von Redaktion

Öffentlicher Nahverkehr als Problem bei der Bilanz des „Achental Tourismus gKU“ ausgemacht

Marquartstein – Knapp neun Jahre nach der Gründung des „Achental Tourismus gKU“ haben Verwaltungsratsvorsitzender Andreas Scheck und Vorsitzende Elisabeth Keihl eine Zwischenbilanz gezogen, die deutlich positiv ausfällt. Der Zusammenschluss der vier Gemeinden Unterwössen, Marquartstein, Staudach-Egerndach und Schleching war ein Kraftakt, der sich offenbar gelohnt hat.

Auszeichnungen
bringen mehr Bekanntheit

Das gemeinsame Kommunalunternehmen wurde im Juli 2017 gegründet und nahm nach der Zusammenführung der Tourist-Infos der Gemeinden im Jahr 2019 operativ seine Arbeit auf. In diesem Frühjahr steht nach den Kommunalwahlen turnusmäßig ein Wechsel an der Spitze an: Der Verwaltungsratsvorsitz und die Stellvertretung werden aus den Reihen der Bürgermeister der Mitgliedsgemeinden neu besetzt.

Besonders das vergangene Jahr markierte einen Meilenstein: Mit dem Sonderpreis beim „ADAC-Tourismuspreis Bayern“ und dem zweiten Platz beim „Deutschen Tourismuspreis“ wurde das Achental bundesweit bekannter. Diese Ehrungen brachten Aufmerksamkeit und warfen die Frage auf, ob das Achental nun zum nächsten touristischen Sehnsuchtsort mit allen bekannten negativen Nebenwirkungen wird. Beide Gesprächspartner winken ab. „Overtourism ist bei uns kein realistisches Szenario“, sagt Scheck. Die Region habe eine natürliche Begrenzung: keine Hotelburgen, keine Eventkulisse und angemessene Gästezahlen. Für das Jahr 2025 werden rund 60.000 Ankünfte bei etwa 10.000 Einwohnern erwartet. Zum Vergleich wird auch die Tourismusdichte herangezogen. Zahlen aus dem Jahr 2024 zeigen folgendes Verhältnis zu den Nachbarn im angrenzenden Österreich: 2.717 Übernachtungen pro Quadratkilometer im Achental stehen 7.916 in Kössen, 6.158 im Kaiserwinkel und 15.036 im Tourismusverband Wilder Kaiser gegenüber. Der gemeinsame Slogan „Eins mit der Natur“ sei dabei mehr als Marketing, betont Scheck. Ziel sei nicht Wachstum um jeden Preis, sondern Qualität: Gäste, die Naturverbundenheit, ökologische und soziale Nachhaltigkeit schätzen.

Ein zentrales Sorgenkind bleibt jedoch die Mobilität. Auf Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr oder einen MVV-Anschluss wartet man bislang vergeblich. Auch die Nutzung der Gästekarte im Bus scheiterte an der Technik. Eigene Lösungen, wie beispielsweise das Carsharing, seien nur ein Anfang. Keihls Wunsch ist ein Chiemgau-Mobilitäts-Ticket, vergleichbar mit dem Deutschland-Ticket.

Der Kontrast zur Zeit vor 2019 könnte kaum größer sein. Damals befand sich der Tourismus im Tal im Sinkflug: Investitionsstau, fehlende Nachfolger in den Betrieben und überlastete Tourist-Infos mit Minimalbesetzung prägten die Situation.

Heute arbeitet in Unterwössen eine zentrale, professionell aufgestellte Organisation. Digitalisierung, Online-Buchbarkeit und regelmäßige Schulungen entlasten die Gastgeber und verbessern die Beratung für Gäste. Tourenvorschläge, Veranstaltungsinformationen und Serviceleistungen kommen längst nicht mehr allein vom Vermieter.

Gleichzeitig bleibt das Persönliche wichtig. Viele Gäste – jung wie alt – möchten Teil des Dorflebens sein und sich ein bisschen wie „Einheimische auf Zeit fühlen“. Dies zeigt sich beispielsweise bei Dorffesten, gemeinsamen Ostereiersuchen, Fotoausstellungen und Standkonzerten, die gemeinsam von Gästen und Einheimischen besucht werden. Oder, wie die erhaltenen Tourismuspreise zeigen, bei Aktivitäten, bei denen die Gäste „mitanpacken dürfen“, wie beim Schwenden der Almen. Dort arbeiten Gäste und Einheimische zusammen und genießen hinterher eine gemeinsame Brotzeit – ein für beide Seiten gewinnbringendes Erlebnis.

Die Bilanz seit 2019 ist positiv: ein Plus von 9,6 Prozent bei Übernachtungen und 9,1 Prozent bei Gästeankünften, 2.600 Betten, davon 272 mehr als noch im Jahr 2019, sowie eine konstante Aufenthaltsdauer von rund fünf Tagen.

In diesen Jahren wurden einige Projekte gestemmt, besonders im digitalen Bereich mit der Online-Buchbarkeit, durch die neue Website auf Deutsch und Englisch, die Beratung und Schulung der Gastgeber, einen professionellen Auftritt in den sozialen Medien, neue Marketingkanäle, Ferienprogramme und Veranstaltungen für Gäste und Einheimische.

„Ohne den Tourismus gäbe es vieles nicht mehr“, sagt Scheck. Einzelhandel, Gastronomie, Infrastruktur und gepflegte Wanderwege – davon profitieren Einheimische und Gäste gleichermaßen.

Die Gastgeberstruktur hat sich verändert. Es ist ein sehr guter Mix entstanden aus Ferienhäusern und -wohnungen, Urlaub auf dem Bauernhof, Hotels, Chalets – auch im höheren Preissegment –, zwei Campingplätzen und Wohnmobilstellplätzen.

Im vergangenen Jahr gab es einige Premieren, wie die Einrichtung des Webshops mit zahlreichen Achental-Artikeln, die DAV-Mitfahrbankerl und den Ausbau des Wanderbusses mit Reit im Winkl. Als sehr erfolgreich erwies sich die Wiederbelebung des Eisstockschießens und Schlittschuhlaufens auf der „Frei“ in Oberwössen, mit Höhepunkten wie einem Gästeturnier und der Achentalmeisterschaft.

„Ohne den Tourismus
gäbe es vieles nicht mehr“

Für 2026 setzt Keihl auch verstärkt auf die Nebensaison. Ziel ist eine möglichst ganzjährige Auslastung, damit sich Investitionen für die Vermieter lohnen. Wellness-Angebote, kurzfristige Buchungen bei gutem Wetter und wetterunabhängige Veranstaltungen sollen dazu beitragen. „Ein Winter kann auch ohne Schnee schön sein“, sagt sie – Stockschießen notfalls auch ohne Eis.

Inhaltlich stehen drei Elemente im Fokus: die besondere Natur, die Almen und die Ache als verbindendes Element der Region. Sie ist Sport- und Erlebnisraum, aber auch sensibler Lebensraum für geschützte Arten wie Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Gemeinsam mit dem Ökomodell Achental werden diese Zusammenhänge für Gäste erlebbar gemacht.

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