Prien – Verblüffte Frage aus dem Kollegenkreis: „Gibt es am Chiemsee echt einen Eisbrecher?“ Eisbecher sicher, beim Eisbrecher muss der Chiemsee-Neuling nachfragen. Erst mal bei der Wasserschutzpolizei. Der nette Beamte am Telefon lacht: „Nein, haben wir nicht“. Na, dann eben Michael Feßler, Chef der Chiemsee-Schifffahrt, fragen. Der lacht auch. „Naja, einen echten ‚Eisbrecher‘ haben wir nicht. Aber Berta und Rudolf sind verstärkt im Bug.“ Nein, nein, das ist keine nautische Umschreibung einer gewissen Molligkeit. Feßler meint die Bauart der beiden Schiffe.
Sie haben einen Wulstbug, erklärt Feßler, der sich für die Fahrt durchs Eis eignet. Und der ist auch noch verstärkt. Die „MS Berta“ und die „MS Rudolf“ sind also Eisbrecher light. Bis zu zehn Zentimetern Eisdecke knacken die beiden, sind sich Alex Menzel und Manfred Bernauer einig. Die beiden sind am Donnerstag auf der MS Rudolf im Einsatz, pendeln von Prien zu den Inseln, weiter nach Gstadt und dann zurück.
Wulstbug
bricht das Eis
Eigentlich will die Reporterin mit ihnen Ausschau halten, wie sich das Eis auf dem Chiemsee entwickelt. Denn der See friert nach einem bestimmten Muster zu, sagt Feßler: Erst die Buchten im Norden, dann zwischen Prien und der Herreninsel, weiter um die Frauen- und die Krautinsel herum und ganz zum Schluss friert dann auch der Weitsee zu. Das war zuletzt 2006 der Fall. Der Zufluss der Tiroler Achen und der Abfluss der Alz sorgen für Wasserbewegung, zudem geht dort meist ein Lüftchen, das verhindert lange die Eisbildung, erklärt Feßler, denn „Wind und Eis mögen sich gar nicht“.
Die letzten Tage war es eiskalt und windstill, „da kann es schnell gehen“, erklärt Feßler, „wir sind deshalb in Hab-acht-Stellung und basteln gerade am Eisfahrplan.“ Aber Alarmstufe rot sei noch lange nicht, sagt Feßler amüsiert, „eher dunkelgrün“. Bei der Chiemsee-Schifffahrt sehen sie aktuell zu, dass alles für den Ernstfall vorhanden ist, Berta und Rudolf aufgetankt sind.
Zufrieren nach einem
bestimmten Muster
Hunderte von Menschen pilgern über den zu Eis gefrorenen Chiemsee hinüber zur Herreninsel. Na, so weit ist es dieses Jahr noch nicht. Aber diejenigen, die regelmäßig auf dem Chiemsee unterwegs sind, haben die handflächengroßen Eisstückchen schon treiben sehen. Im Hafenbecken in Stock, wo die großen Schiffe der Chiemsee-Schifffahrt liegen, schwappen dicht an dicht dicke Eisschollen. Aus der Schafwaschener Bucht wird eine tragfähige Eisdecke gemeldet.
Das will Ania Burgaj-Holzmayer, die seit 20 Jahren auf der Fraueninsel lebt, ausprobieren. Sie steigt mit einem Leiterwagerl zu, darin eine bemerkenswerte Holzkonstruktion, ein Stackelschlitten auf vier hohen Beinen, dazu zwei Stecken.
„Eine gute Sache für Menschen, die nicht Schlittschuh laufen können oder für ältere Menschen“, erklärt sie. Und Spaß mache es auch noch. Ihr Mann Peter ergänzt, dass der Stackelschlitten in jedem alten Inselhaus zu finden ist. Die Handwerker der Insel bauten die Schlitten, als die Insulaner Mittel brauchten, ans Ufer zu kommen, nachdem Feßlers ihren Schiffsbetrieb eingestellt hatten. „Auf spiegelglattem Eis ist Laufen nämlich kein Vergnügen“, sagt er trocken.
Rinne zu den Inseln
muss frei bleiben
An die komplette Einstellung des Schiffsbetriebes ist derzeit noch nicht zu denken. Im Moment verlassen Berta und Rudolf den Hafen in Prien-Stock im Stundentakt. Das hilft, die Fahrrinnen freizuhalten und manövrierfähig zu bleiben. „Wir müssen ja rückwärts raus – und mit der Schraube ins Eis zu geraten – das geht nicht gut“, erklärt Feßler.
Sollte der Chiemsee zwischen Prien und der Herreninsel in den nächsten Tagen doch zufrieren, dann greift bei dickem Eis Plan B: Dann fahren die Chiemsee-Schiffe nur noch von Gstadt aus zu den Inseln. Genau wie die Lastenfähre. Denn die Insulaner müssen ja ans Ufer und zurückkommen, müssen versorgt werden.
Der letzten Eisbrechertour nach Gstadt folgen dann übrigens die Priener Chiemseefischer, erklärt Verena Stephan vom gleichnamigen Fischereibetrieb. Sie parken ihre Boote in Absprache mit allen Zuständigen an einem der Gstadter Stege und fahren von dort aus zum Fischen.
Und warum ist es nach Tagen des strahlenden Sonnenscheins am vergangenen Donnerstag am Chiemsee so nebelig, dass die Herreninsel erst zu erahnen ist, als Alex Menzel im Steuerhaus schon die Fahrt herausnimmt? Warum sind das Alte Schloss auf der einen und das Kloster auf der anderen Insel, beides mächtige Gebäude, am Vormittag kaum zu erkennen? Warum braucht der Mann, der seit knapp einem Jahrzehnt am Steuer eines Chiemsee-Schiffes sitzt, der sein Leben am und auf dem See verbracht hat, Nebelleuchten an den Stegen und eine digitale Karte, um auf Kurs zu bleiben? Weil es am Mittwoch doch irgendwann windig war und das wärmere, tiefere Wasser nach oben gewühlt wurde. Dieses Tiefenwasser dampft am Donnerstag aus, hüllt den Chiemsee in dicken Nebel. Nebeneffekt: Nun ist das Wasser gleichmäßig kalt.
Wenn der Feßler
nicht mehr fährt…
Stimmt die Wetterprognose und die kommenden Tage bleiben die Temperaturen bei nahezu Windstille unter dem Gefrierpunkt, dann kann es schnell gehen. Ob das Eis dann zwischen Prien und der Herreninsel so dick gefroren sein wird, dass man hin und her spazieren kann, sei dahingestellt. Manni und Alex sind sich einig: „Bei den Einheimischen ist es ganz klar, da heißt es: ‚Wir gehen erst aufs Eis, wenn der Feßler nicht mehr fährt‘.“ Noch fährt „der Feßler“.