Berufsschifffahrt kämpft mit Quagga-Muschel

von Redaktion

Schwimmender Fuhrpark des Chiemsees wird generalüberholt – Ausmaß der Plage ist ungewöhnlich groß

Prien – So etwas habe er auch noch nicht gesehen, sagt Michael Feßler und schüttelt den Kopf. Der Chef der Chiemsee-Schifffahrt steht unter dem Rumpf der mächtigen MS „Edeltraud“. Aus dem Kühlwasserrohr, im Trockendock von viel frischer Luft umgeben, wachsen sie dem Chef entgegen: Hunderte von kleinen Quagga-Muscheln sitzen da, aufeinander, übereinander und vermutlich im Rohr bis zur Wasserlinie. Jetzt fallen die äußersten nach und nach ab, bilden sozusagen die „Spitze des Eisbergs“. Ein gutes Viertel des Rohrs wird wohl zu sein, schätzt Fessler.

Verstopftes

Kühlwasserrohr

Die Quagga-Muschel ist auf Expansionskurs, wie genau sie in den Chiemsee kam, lässt sich nicht schlüssig sagen, doch vermutlich ist sie als blinder Passagier mit getrailerten Schiffen über Land gereist. Die Chiemgau-Zeitung berichtete im Juni 2025 erstmals über die ungebetenen „Gäste“, deren massive Ausbreitung den Berufsfischern Kopfzerbrechen mache.

Wie wird sich diese invasive Art auf den Chiemsee auswirken? Auf den Fischbestand und die übrigen Lebewesen im „Bayerischen Meer“? Eine Auswirkung ist schon sichtbar und Michael Fessler unterstreicht, dass er einen solchen Muschelbefall an der konkreten Stelle überhaupt noch nie gesehen habe.

Jetzt im Winter, nach dem Christkindlmarkt auf der Fraueninsel, ist die beste Zeit den schwimmenden Fuhrpark der Chiemsee-Schifffahrt zu überholen und für die bald beginnende Frühlingssaison wieder „aufzuhübschen“. Das sind aber nicht nur die klassischen Malerarbeiten, wie Michael Fessler erklärt. Bei der MS „Edeltraud“, dem gemäßen an den Passagierzahlen größten Schiff der Chiemsee-Schifffahrt, war auch der TÜV fällig. Zahlreiche Leitungen im Bauch des mächtigen Schiffes mussten ausgetauscht werden und auch ein Schmutzwasser-Tank, der sich unter dem Kiosk im hinteren Teil des Schiffes befand. Dazu musste ein Mitarbeiter der Werft in den Schiffsbauch klettern, den Tank im untersten Deck an seiner Position zerschneiden und die Einzelteile nach draußen transportieren. Alles händisch natürlich. Bei kleineren Gerätschaften ist das ja auch kein großes Problem, aber wer schon mal einen Blick auf den Motor der MS „Edeltraud“ werfen durfte, der kann sich vorstellen, was Fessler meint, wenn er froh ist, dass dieser nicht auswärts gewartet werden muss. Denn: „Die modernen Schiffe haben alle ihre Motoren hinten im Heck“, so Fessler. Die MS „Edeltraud“ gehört dazu leider nicht. Ihr Motor, stolze 719 PS stark, befindet sich fast genau in der Mitte des Schiffs im Unterdeck. 1970, damals verließ die MS „Edeltraud“ die Hitzler Werft in Regensburg, baute man Passagierschiffe mit dem Motor in der Mitte, um sie besser manövrieren zu können. Das gewaltige Gewicht der Motoren verteilte sich so besser über den gesamten Schiffsrumpf. Die Berichterstatterin der Chiemgau-Zeitung klettert mit dem Chef in den Bauch des Chiemsee-Riesen und darf einen Blick auf den mächtigen Motor werfen.

Muss der mal ausgebaut werden, wird es schweißtreibend. Mit einer Winde muss er an Deck gehoben werden. „Das muss händisch geschehen“, erzählt Fessler. Befindet er sich im Mitteldeck, dann muss er den gleichen Weg nehmen wie jeder Passagier. Durch den Ein- und Ausstieg in Richtung Steg. Ein gewaltiges Unterfangen und glücklicherweise selten notwendig.

Bei der sehr viel jüngeren MS „Michael“ ist der Motor gerade zum Überholen und bei diesem Schiff ist der Motor im Heck. Dadurch beschallt er auch nicht das ganze Schiff und kann leichter aus- und eingebaut werden. Dazu wird die Deckplatte abgeschraubt und ein Kran hebt den Motor aus dem Rumpf.

Gefahr durch
messerscharfe Kanten

Auch Armin Krämmer, der Bürgermeister der Gemeinde Chiemsee, berichtet von der massiven Zunahme der Quagga-Muschel. Jeden Herbst holen die Insulaner bei den Stegen, die von den auswärtigen Wassersportlern genutzt werden, die verloren gegangenen Anker und Ankerketten aus dem Chiemsee. Die seien übersät mit den Muscheln. Nur mit dicken Handschuhen seien die Anker überhaupt zu bergen gewesen, weil die Muscheln messerscharfe Schalen haben, wenn sie zerbrechen.

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