Reit im Winkl/Traunstein – Eine korpulente Frau mit Brille im Alter von 42 Jahren steht vor dem Traunsteiner Landgericht, faltet die Hände und sagt immer wieder: „Ich möchte mich bei allen entschuldigen.“ In erster Linie meint sie damit ihren Mann: Am Nachmittag des 8. Juli 2025 stach sie auf ihn mit einem Küchenmesser ein, Klingenlänge 20 Zentimeter. Direkt zur Tat hat sie sich jetzt bei der Verhandlung nicht geäußert. Jedoch bestehen keine Zweifel, dass die Frau die Täterin ist. Die Beweislage ist eindeutig, es gibt auch Aufzeichnungen einer Überwachungskamera.
Die Kosovarin führte zusammen mit ihrem Mann einen Imbiss in Reit im Winkl. „Um 16.19 Uhr kam die Angeklagte zu ihrem Ehemann in den gemeinsamen Laden und fing mit ihm zu streiten an“, berichtete Staatsanwältin Lisa Grindinger. Auf dem Video ist zu sehen, wie beide gestikulieren. Dann attackiert die 42-Jährige immer wieder ihren Mann, will zuschlagen. Er kann die Schläge abwehren, versucht, seine Frau aus dem Imbiss zu drängen. Teils verlagert sich der Streit auf den Gehsteig an der viel befahrenen Straße. Wenige Minuten später kommt sie wieder, ergreift ein Küchenmesser – bis die beiden aus dem Sichtfeld der Kamera verschwinden. Kurz danach ist der 53-Jährige mit blutenden Kopf und tiefer Schnittwunde am Unterarm zu sehen.
„Sie holte erneut mit dem Messer aus und stach dabei in Richtung Kopf des Geschädigten, um diesen zu töten“, meint Staatsanwältin Grindinger. Die Frau gilt jedoch als schuldunfähig. „Ich leide unter einer Schizophrenie“, sagt die Angeklagte mit klarer Stimme. Dreimal schon sei sie in der psychiatrischen Klinik in Wasserburg-Gabersee gewesen. Sie berichtet von „schlechten Gedanken“, die sie immer wieder gehabt habe, auch an jenem 8. Juli 2025. Etwa, „dass mein Mann meine Mutter und meinen Sohn missbraucht hat“.
Inzwischen ist die Frau wieder in Unterbringung. Ihr Zustand sei schon besser geworden, sagt sie. Auch der 53-jährige Geschädigte wird als Zeuge geladen, beruft sich als Ehemann aber auf sein Aussageverweigerungsrecht. Doch er lässt das Gericht wissen: „Unser Verhältnis ist genauso gut, wie beim Kennenlernen. Schon seit mehreren Wochen geht es meiner Frau wieder außergewöhnlich gut.“ Trotzdem: Volker Ziegler, der Vorsitzende Richter, erinnert die Angeklagte: „Wenn noch jemand anderes im Laden gewesen wäre, wäre auch der gefährdet gewesen. Das hat also nicht nur mit Ihrer Familie zu tun.“
Auch das Telefongespräch zwischen dem Ehemann und der Rettungsleitstelle wird von Richter Ziegler verlesen: „Meine Frau mit Depressionen hat mich geschnitten. Ich kapier‘ sie nicht. Sie sagte noch, sie will mich umbringen. Jetzt ist sie mit dem Auto verschwunden.“ Für die Polizei war die Lage anfangs „unübersichtlich“, wie ein Beamter als Zeuge aussagt. Tatsächlich traf man die Angeklagte dann in der Notaufnahme des Traunsteiner Krankenhauses wieder, in das ihr Mann eingeliefert wurde. Dem 53-Jährigen wurde unter anderem ein Unterarmmuskel durchgeschnitten und er verlor viel Blut. Konkrete Lebensgefahr bestand aber nicht.
Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Die Verhandlung vor dem Traunsteiner Landgericht wird Mitte Februar fortgesetzt. xe