Nächste Rad-Demo angemeldet

von Redaktion

Unfallflucht und gefährliche Schulwege sind Auslöser für den nächsten Priener Protest

Auch viele Kinder und Jugendliche waren von Radunfällen in elf Monaten im Jahr 2025 betroffen. Klinger

Prien – Der Schulweg von Florian Böcks Tochter, den die 13-Jährige meist mit dem Rad zurücklegt, ist nur einen Kilometer lang. Der Großteil der Strecke verläuft über die Bernauer Straße. Mitte Januar wurde die Schülerin dort von einem Auto von hinten angefahren. Sie stürzte, das Auto fuhr weiter. Eine Person im Auto dahinter und eine Passantin halfen Böcks Tochter, die sich den Ellbogen prellte und das Knie aufschürfte – Glück im Unglück. Die Siebtklässlerin querte die Kreuzung an der Kirche von der Schulstraße kommend, das dunkle Auto fuhr von der alten Rathausstraße links auf die Bernauer Straße und erfasste die Radlerin.

Massive Gefahr auf
der Bernauer Straße

„Ironie des Schicksals“, nennt Florian Böck im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung den Umstand, dass sich dieser Unfall nur wenige Tage vor der laut Polizei ersten Priener Raddemonstration ereignete, die Böck organisierte und anmeldete, bevor sich der Unfall mit seiner Tochter ereignete. Wobei der 51-Jährige das Wort Demo nicht mag: „Ich nenne es Fahrradkorso. Eine Demo hat so was Konfrontatives“. Es geht ihm explizit um die Unsicherheit auf den Schulwegen, die aus seiner Sicht alle etwas angeht. Kinder – er selbst ist dreifacher Vater – seien gerade auf der Bernauer Straße „massiv“ gefährdet.

Böck selbst bezeichnet sich als leidenschaftlichen Radler, er ist in München geboren und vor elf Jahren nach Prien gezogen. Dass es auch fahrradfreundlich gehe, habe er zuletzt im Urlaub erlebt: „In Stockholm, da läuft das anders. Ich wundere mich schon, wie wenig hier in Prien für Verkehrsteilnehmer abgesehen von Autos getan wird. Deshalb würde ich mir wünschen, dass das Thema Verkehr umfassender behandelt wird“. Seit Ende vergangenen Jahres engagiert er sich in der Priener Initiative „KomMit!“. Im Bereich Verkehr fühlt sich Böck am wohlsten: „Da will ich was machen, auch oder vor allem, weil ich immer wieder gefährliche Erlebnisse von meinen Kindern mitbekomme“. Er wolle mehr Leuten aufzeigen, dass da etwas in Prien nicht in Ordnung sei.

Durch die Initiative „KomMit!“ haben sich einige Leute zusammengefunden, die sich dem Bereich Verkehr widmen. Böck kümmerte sich um die Organisation der ersten Veranstaltung. „Es war das erste Mal überhaupt, dass ich eine Demo angemeldet habe – dementsprechend nervös war ich“, gibt er gegenüber der Chiemgau-Zeitung zu. Nachdem er zuerst zur Polizei ging, wurde er von dort ans Ordnungsamt verwiesen. Dort stellte er den ersten Antrag, wurde aber schon vorgewarnt, dass vermutlich das Landratsamt zuständig sei. Dort musste er dann erneut einen Antrag ausfüllen und abgeben.

„Es sind schon Schritte zu tun, aber wenn man weiß, was zu tun ist, geht es recht schnell“, erzählt Böck, der sich bei der anstehenden Kommunalwahl zur Wahl für den Gemeinderat stellt, von seiner Erfahrung und ergänzt: „Nachdem ich so viele Gesetzestexte lesen und unterschreiben musste, habe ich schon auch etwas Bedenken bekommen.“ Im anschließenden Gespräch mit der Polizei sei vieles geklärt worden und letztlich habe „alles gut funktioniert“.

Mulmiges Gefühl
vor der ersten Demo

Bürgermeister Andreas Friedrich war zum Zeitpunkt des Fahrradkorsos nicht in Prien. „Unabhängig davon fand die Aktion auf einer Straße statt, die nicht in der Zuständigkeit der Gemeinde liegt, sodass dort auch keine direkten kommunalen Einflussmöglichkeiten bestehen“, teilt der Rathauschef auf OVB-Anfrage mit und ergänzt: „Mein erster Gedanke war, dass solche Aktionen Ausdruck eines wachsenden Bedürfnisses nach mehr Sicherheit und Rücksichtnahme im Straßenverkehr sind. Dieses Anliegen nehme ich natürlich ernst.“ Bürgermeister Friedrich gibt weiter an, sich mit den Anliegen aller Verkehrsteilnehmer kontinuierlich auseinanderzusetzen. Ziel müsse sein, „tragfähige Lösungen für den gesamten Verkehr zu entwickeln“. Die beiden Radverkehrsbeauftragten hätten dazu gute Grundlagen geschaffen, jetzt gibt es Überlegungen, ein externes Verkehrsgutachten in Auftrag zu geben. Vor den Kommunalwahlen sei aber keine konkrete Umsetzung einer Maßnahme zu erwarten.

Der Unfall mit Böcks Tochter macht Friedrich wütend: „Ich hatte mich auch schon bei der Polizeiinspektion Prien nach dem Hergang erkundigt und ich hoffe, dass es dem Mädchen gut geht und es sich von dem Schock wieder erholt hat. Unfallflucht ist in keiner Weise zu entschuldigen! Der Vorfall verdeutlicht, wie wichtig verantwortungsvolles Verhalten und gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr sind.“ An selbiger Kreuzung habe Friedrich im vergangenen Jahr selbst erlebt, „wie schnell gefährliche Situationen entstehen können“. Die Verkehrssicherheit sei nicht allein eine Frage der Infrastruktur, vor allem müssten die Verkehrsregeln eingehalten werden.

Die Infrastruktur in Prien ist wie in den meisten Gemeinden größtenteils auf Autos ausgerichtet. Schwächere Verkehrsteilnehmende haben kaum Platz auszuweichen, wenn Autos oft mit zu geringem Abstand und den erlaubten 50 Kilometer pro Stunde durch Priens Zentrum fahren. Ein Blick in die Polizeistatistik verrät, dass vor allem Kinder, Jugendliche und Ältere am meisten von Radunfällen betroffen sind. Diese Altersgruppen können noch nicht oder nicht mehr die sichersten Radler sein – eine nicht vorhandene Radinfrastruktur trägt dazu bei, ebenso die vermehrte Pedelec-Nutzung von Älteren.

Zuständig für die Bernauer Straße ist das Landratsamt Rosenheim – eine Antwort auf die OVB-Anfrage zur Sicherheit für den Radverkehr dort steht noch aus. Aus der Vergangenheit weiß nicht nur Friedrich, dass die Behörden im Bereich Verkehrsrecht „sehr restriktiv und ‚zurückhaltend‘“ agiert, wie es der Bürgermeister mit der Erfahrung aus verschiedenen Gesprächen weiß. In Bernau beispielsweise würde die Gemeinde gerne im Zentrum Tempo 30 in der Chiemseestraße einführen, das Landratsamt lehnt dies bisher ab.

Die erste Raddemo in Prien bleibt nicht die letzte. Schon am Freitag (6. Februar) um 7.30 Uhr ist die nächste angemeldet. Dieses Mal wird der Schulweg zur Franziska-Hager-Grundschule bestritten. Ein Ziel hat Böck schon erreicht: Es fand sich eine weitere Person, die sich um die Vorbereitung kümmert. Brisant: Auch das Kind des nächsten Demo-Anmelders war Opfer eines Unfalls auf Priens Straßen – verursacht durch einen Autofahrer.

Infrastruktur
vorwiegend für Autos

Böcks Tochter hat sich vom Unfall inzwischen erholt, „aber der Sturz hat schon Spuren bei ihr hinterlassen. Sie radelt zwar weiter zur Schule, es gibt aber momentan Wege in Prien, die sie lieber zu Fuß zurücklegt.“ Ihr Vater und viele weitere wollen nicht nur hoffen, dass ihre Kinder sicher in der Schule ankommen, sondern setzen sich auch dafür ein.

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