Bernau – Die Dekanatsräte Chiemsee und Inntal hielten kürzlich ihre letzte Vollversammlung ab. Die vierjährige Amtszeit der Pfarrgemeinderäte und damit auch der Dekanatsräte endet heuer turnusgemäß. Künftig werden alle bisherigen Dekanatsräte im Landkreis zum Dekanatsrat Rosenheim zusammengelegt.
Nach einer gemeinsamen Eucharistiefeier in der Pfarrkirche St. Laurentius in Bernau begann die Sitzung im benachbarten Pfarrheim. Neben innerkirchlichen Themen, wie der anstehenden Pfarrgemeinderatswahl, stand vor allem der Vortrag des Politikwissenschaftlers Dr. Sascha Ruppert-Karakas von der LMU München im Mittelpunkt der Versammlung. Im Rahmen seiner Forschungen beschäftigt sich Dr. Ruppert-Karakas insbesondere mit dem Thema Extremismus und der Neuen Rechten. Da in jüngster Zeit vermehrt zu beobachten ist, dass extremistische Gruppen versuchen, den christlichen Glauben für ihre Zwecke zu vereinnahmen und zu missbrauchen, erschien der Vorstandschaft eine Auseinandersetzung mit diesem Thema auf Dekanatsebene als besonders wichtig. Unter dem Titel „Glauben im Spannungsfeld mit Extremismus – Über die Denkstrukturen der Neo-Integralisten“ gab Dr. Ruppert-Karakas den Mitgliedern des Dekanatsrates einen umfassenden Überblick.
Ein wesentliches Merkmal des Neo-Integralismus sei ein strenger Dualismus: Es gebe die Guten, die so denken wie man selbst, und die Feinde, die anders denken oder andere Werte vertreten. Die eigene Identität entstehe dabei vor allem durch Abgrenzung von anderen. Wer den Feind nicht erkenne, sei politisch handlungsunfähig. Auch Religion werde in diesem Kontext nicht als Sinnstiftung verstanden, sondern als Mittel zur Abgrenzung. Da der Mensch als grundsätzlich sündhaft angesehen werde, bedürfe er der Leitung und Führung. Das Vorhandensein starker Führerfiguren gehe daher mit dem Neo-Integralismus Hand in Hand.
Als Beispiele nannte der Referent unter anderem den US-Präsidenten Donald Trump, dessen Vizepräsidenten J. D. Vance sowie den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Trump inszeniere sich regelmäßig als Retter der Welt – diese Vorstellung, dass es einen „Aufhalter des Bösen“ brauche, werde als Katechonismus bezeichnet und finde sich häufig unter Neo-Integralisten. Für den Umgang mit Menschen, die extremistische Auffassungen vertreten, riet Dr. Ruppert-Karakas zur Offenheit. Menschen auszugrenzen oder den Kontakt abzubrechen, sei kontraproduktiv. Ein solches Vorgehen verstärke lediglich das Freund-Feind-Denken des Gegenübers und bestätige es in seinen Ansichten. Nach einer ausführlichen Fragerunde und der Möglichkeit zum Austausch bedankten sich die Dekanatsratsvorsitzenden Michaela Leidel (Chiemsee) und Michael Auer (Inntal) bei dem Referenten.
Im Anschluss an die Sitzung erhielten die Mitglieder der Vorstandschaften von dem stellvertretenden Dekan Fabian Orsetti ein kleines Präsent als Dankeschön für ihr vierjähriges ehrenamtliches Engagement.