Schleichende Verkehrswende

von Redaktion

Berliner 6.000-Euro-Prämie für Elektroautos spaltet den Chiemgau

Traunstein/Bad Reichenhall – Berlin macht Druck: Die Elektromobilität soll raus aus der Nische. Dafür greift der Bund tief in die Tasche und plant Zuschüsse von bis zu 6.000 Euro, gestaffelt nach Einkommen und Kinderzahl.

Das klingt nach einem warmen Geldregen für Pendler zwischen Traunstein und Bad Reichenhall. Klartext: Wer rechnen kann, für den wird das E-Auto jetzt zur echten Option. Doch wer genau hinsieht, merkt schnell: Ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Die Region ist zwiegespalten zwischen Aufbruchstimmung und ernsten Finanzsorgen.

Reichweitenthematik
ist überholt

Der Blick in den heimischen Showroom zeigt zunächst ein positives Bild. Die Zeiten, in denen E-Autos nur Spielzeuge für Besserverdiener waren, sind vorbei. Ronny Steidl, Marketingleiter beim Autohaus Osenstätter in Traunstein, gibt Entwarnung bei den alten Reizthemen: „Die Reichweitenthematik stellt aus unserer Sicht – auch im ländlichen Raum – mittlerweile kein wesentliches Hindernis mehr dar.“ Zudem verweist der Experte auf neue, günstigere Einstiegsmodelle, die noch in diesem Jahr an den Start gingen. Das Auto passt, der Preis sinkt.

Doch Steidl deutet auf ein Problem, das im Kleingedruckten lauert: die Bürokratie. Der Kunde bekommt das Geld nicht beim Kauf abgezogen, sondern muss es vorstrecken. Steidl präzisiert: „Nach derzeitiger Planung ist vorgesehen, dass die Beantragung ausschließlich durch die Kundinnen und Kunden selbst erfolgt und erst nach der Zulassung des Fahrzeugs möglich ist.“

Die Warnung aus dem Traunsteiner Autohaus ist deutlich und trifft den wunden Punkt der Sozialstaffelung: „Gerade für einkommensschwächere Haushalte stellt sich hier die Frage, ob sie finanziell in der Lage sind, bis zu 6.000 Euro zunächst aus eigener Tasche vorzustrecken.“ Die bittere Ironie: Wer die Förderung am dringendsten braucht, hat oft nicht die Liquidität, um monatelang auf die Rückerstattung vom Staat zu warten. Das sitzt.

Szenenwechsel ins Berchtesgadener Land: Während anderswo noch debattiert wird, hat Bürgermeister Hannes Rasp in Schönau Fakten aus Beton und Glas geschaffen. Bayerns größter Solar-Carport mit 62 Ladepunkten steht bereit. Für Rasp ist die neue Prämie kein Problem, sondern der fehlende Baustein: „Diese Kaufprämie spielt uns in die Karten und freut uns.“

Seine Logik ist bestechend einfach: Die Infrastruktur ist da, jetzt müssen die Autos kommen. Angst vor einem „Verkehrsinfarkt“ durch noch mehr private Pkw hat er nicht. Wer den Stau kritisiere, übersehe die Relationen: „Wenn man in der Hochsaison zwischen fünf und 15 Minuten Stau zum Kreisverkehr Berchtesgaden (Bahnhof) hat, dann ist das Jammern auf hohem Niveau“, so der Rathauschef selbstbewusst. Sein Rezept gegen den Kollaps heißt Taktung. Rasp ist überzeugt: „Stimmt das ÖPNV-Angebot und der Fahrpreis, wird das Angebot von allen angenommen.“ Das E-Auto ist für ihn keine Konkurrenz zum Bus, sondern die saubere Ergänzung, betankt mit Sonnenstrom vom eigenen Carport-Dach.

Weniger euphorisch und deutlich kritischer ist der Blick aus dem Landratsamt in Bad Reichenhall. Dort bastelt man gerade an der Verkehrswende mit Rufbussen und On-Demand-Systemen. Alexandra Rothenbuchner, Sprecherin des Landratsamtes BGL, bewertet die Prämie als ambivalent. Zwar erwarte man „keine unmittelbaren negativen Auswirkungen auf die Nachfrage im Rufbusverkehr“, da das Ziel des Landkreises ohnehin ein anderes sei. Man wolle „Haushalten sowie Familien die Anschaffung eines zweiten Pkw ersparen“.

Doch Rothenbuchner schickt ein deutliches Signal Richtung Berlin. Es bringe nichts, private Autos mit Milliarden zu fördern, wenn gleichzeitig den Kommunen das Geld für den Busbetrieb ausgeht. Die klare Ansage aus dem Amt: Die Bundes- und Landesmittel für den ÖPNV müssten deutlich erhöht werden. Andernfalls bestehe die Gefahr, „dass Angebote im öffentlichen Verkehr reduziert werden müssen, da von staatlicher Seite nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stehen“. Das Szenario wäre absurd: Wir fahren dank Prämie alle billig E-Auto, aber der Bus kommt nicht mehr, weil die Kasse leer ist.

Und was sagen die Idealisten, die in Amerang oder Obing versuchen, Autos zu teilen statt zu besitzen? Man könnte meinen, die Prämie wäre der Todesstoß für Vereine wie die „Ameranger Autogemeinschaft“. Fehlanzeige. Hermann Ramsauer, zuständig für das E-Auto in Obing, winkt ab: „Eine Dämpfung des Interesses am Carsharing sehe ich hierdurch nicht.“ Die Nutzergruppen seien zu verschieden: Wer Carsharing nutze, fahre meist so wenig, dass sich auch ein gefördertes Auto nicht rechne.

Überraschend pragmatisch blicken die Carsharing-Macher auf die Industrie. Ramsauer befürwortet die Hilfe für die Hersteller sogar ausdrücklich. Es sei wichtig, der Industrie Hilfestellungen zum Umstieg zu geben, „damit sie den internationalen Anschluss nicht verpassen“. Ihr eigener ID.3 in Obing zeigt zudem einen spannenden Nebeneffekt. Ramsauer berichtet über die Erfahrungen der Mitglieder: „Unsere Nutzer des ID.3 in Obing waren jedenfalls durchweg begeistert.“ Carsharing wirkt als „Schnupperkurs“ für E-Mobilität. Einziger Wunsch der Ameranger: Die Prämie sollte auch für geteilte Autos gelten. Denn ein Auto, das von vielen genutzt wird, ist am Ende immer noch effizienter als zehn geförderte Neuwagen, die den ganzen Tag nur herumstehen.

Vorfinanzierung
ist problematisch

Die Bestandsaufnahme in der Region zeigt: Die 6.000 Euro werden dankend angenommen. Händler stehen bereit, Vorzeigekommunen haben die Stecker schon in der Dose. Aber das System hinkt an zwei Stellen gewaltig. Zum einen bleibt die Prämie ohne Lösung für die Vorfinanzierung ein Programm für die, die ohnehin Geld auf der hohen Kante haben. Zum anderen gilt: Wer Autos fördert, darf Busse nicht aushungern lassen. Sonst verlagert sich das Problem nur vom Auspuff auf die volle Straße.

Für die echte Verkehrswende im Chiemgau und im Berchtesgadener Land braucht es mehr als Schecks aus Berlin – nämlich verlässliche Busse und Ladesäulen für alle, nicht nur für Eigenheimbesitzer.

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