Europas unpünktlichster Halt

von Redaktion

Nur jeder fünfte Zug ist in der Gemeinde Übersee pünktlich

Übersee – Der Bahnhof Übersee im Chiemgau ist der unpünktlichste Regionalbahnhof Europas. Nur 22,9 Prozent der Züge kommen hier pünktlich an, wie eine Untersuchung des Onlineportals zugfinder.net im Auftrag von reisereporter.de ergeben hat. Hinter der Statistik steht eine europaweite Datenanalyse von knapp 11.000 Stopps an Regionalbahnhöfen. Dass ausgerechnet Übersee das Schlusslicht bildet, liege vor allem an seiner Lage auf der hochfrequentierten Magistrale München–Salzburg.

Untersuchung
eines Onlineportals

Auf dieser Strecke teilen sich Regionalbahnen die Schienen mit dem internationalen Fernverkehr. Verspätungen von Eurocity- oder Railjet-Zügen, die oft Vorrang haben, übertragen sich so direkt auf den Regionalplan. Zudem sorgen die Grenzkontrollen in Freilassing für einen Rückstau, der den gesamten Fahrplan im Chiemgau aus dem Takt bringt. Das OVB hat Reisende am Bahnhof befragt, die die regelmäßigen Verspätungen bestätigen.

Claudia Schneider, die ein- bis zweimal pro Woche ihre Mutter in Grabenstätt besucht, kommt aus München und ist auf den Bus angewiesen. „Den erreiche ich halt nicht, wenn der Zug Verspätung hatte. Vor Endorf, vor Rosenheim, da steht man dann mit dem Zug eine Zeit. Ich glaube heute waren es elf Minuten zu spät, als wir angekommen sind in Übersee“, berichtet sie kurz vor 16 Uhr, während sie auf die Rückfahrt wartet.

Sie fügt hinzu: „Noch schaut es gut aus. Aber es kann auch plötzlich hochgehen. Dann heißt es, 15 Minuten später, 20 Minuten später. Dann geht es manchmal zurück, es schwankt richtig hin und her. Wann man wirklich hier wegkommt, weiß man nicht.“

Nötige Streckensanierungen sind ein Grund für die Unpünktlichkeit. Frau Schneider berichtet: „Vergangene Woche haben wir teilweise bis zu einer Stunde Verspätung gehabt. Dann überholen einen andere Züge, die Vorfahrt haben oder die Strecke war nur eingleisig befahrbar.“

Sie besucht ihre Eltern seit 45 Jahren und stellt fest: „Seit den Grenzkontrollen in Freilassing haben die Unpünktlichkeiten begonnen und allgemein seit es das Neun-Euro-Ticket gibt. Ich würde mir wünschen, dass man sich auf die Bahn verlassen kann. Dass man zumindest die Chance auf seinen Anschlusszug hat. Leute, die in Salzburg oder München einen brauchen, kriegen ihn dann eventuell ja nicht.“

Andere Fahrgäste am Bahnsteig zeigen sich zufriedener. Haris Huseinovic sagt: „Wenn es keine Baustelle gibt, ist die Bahn ungefähr pünktlich. Von Salzburg nach München kommt sie ab und zu um fünf oder zehn Minuten später. Das Problem ist die Grenze in Freilassing.“ Während des Gesprächs mit dem OVB wartet er auf den Zug Richtung München, der pünktlich einfährt. Haris Huseinovic ist mit der Bahn zufrieden, auch wenn der Zug aus Freilassing oft einige Minuten später in Übersee einfährt.

Auch Gerald Schridde, der auf den Zug Richtung Salzburg wartet, sieht das Thema Unpünktlichkeit gelassen. „Ich würde nie etwas Schlechtes über die Bahn sagen“, betont er, als auch sein Zug pünktlich einfährt. Er findet, Autostaus seien ein viel größeres Problem. Am Mittwoch finden in München und anderswo Autostaus statt, da die Gewerkschaft U-Bahnfahrer zum Streik aufgerufen hat.

Sonja Mayer, die bald eine besondere Reise vorhat, bucht aus Vorsicht gleich einen späteren Anschlusszug. Die Marquartsteinerin stellt auf der Leipziger Buchmesse ihr eben fertiggestelltes Buch „Die Seele meiner Tochter“ vor.

„Darauf
vertraue ich nicht“

„Die Bahn-App hat mir einen Anschlusszug elf Minuten nach der geplanten Ankunft des Regionalzugs in München vorgeschlagen. Aber darauf vertraue ich nicht“, so Mayer. Der Fußmarsch am Münchner Bahnhof zum richtigen Gleis dauert laut Bahn circa zehn Minuten, weshalb der Regionalzug absolut pünktlich sein müsste. Sonja Mayer plant gleich einen späteren Anschlusszug in München ein, wenn sie bald mit ihrem Buch zur Leipziger Buchmesse fährt.

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