Prien – Auf über 70 Seiten geht es um ein Entwicklungskonzept für die Marktgemeinde Prien, mit einer Vision, die damals fast 40 Jahre in die Zukunft reichte. Darin enthalten: Verkehrskonzepte, ökologische Aufwertung durch mehr Grün in der Ortsmitte, Verbund zwischen Ortsmitte und Hafen, die Marktmitte und den Bahnhof.
13 Männer hatten sich 2010 unter dem Arbeitskreis Ortsentwicklung zusammengetan, darunter auch der damalige Bürgermeister Jürgen Seifert und Sprecher der Parteien BfP, ÜWG, MDB, FW, CSU und SPD. Moderiert und initiiert von Wedig Pridik, Landschaftsarchitekt im Ruhestand.
An vielen
Stellen Potenzial
Seine Leidenschaft für den Beruf hält nach wie vor an. Die jahrelange Erfahrung aus der Arbeitswelt lässt Pridik anders durch Städte und Gemeinden gehen – er sieht an vielen Stellen Potenzial zur Aufwertung. So war es auch nach seinem Umzug nach Prien. Diesen Blick für das Potenzial in der Chiemseegemeinde und die Aufbruchstimmung unter interessierten Mitbürgern waren entscheidend, gemeinsam das Gremium „Arbeitskreis Ortsentwicklung“ zu gründen.
In zehn Workshops wurde das Entwicklungskonzept ehrenamtlich erstellt und im Anschluss an eine Klausurtagung im Oktober 2012 mit Mitgliedern des Marktgemeinderates dem gesamten Gemeinderat präsentiert.
Dort gab es auch viel Lob und Dankbarkeit für Pridik und die Arbeitsgruppe. Das war es aber auch. „Ich bin schon enttäuscht darüber, dass mit dieser wertvollen Arbeit kaum etwas angefangen wurde“, äußert sich Pridik 14 Jahre später. Dabei hatte er eigentlich beschlossen, das Thema abzuhaken und sich nicht mehr einzubringen. Die Berichterstattung der Chiemgau Zeitung über mögliche Hitzeschutzkonzepte ließ seine Meinung umschwenken. Denn: „Das Konzept ist nach wie vor hochaktuell.“ Das zeigt auch die Unzufriedenheit vieler Prienerinnen und Priener beim Thema Verkehrssicherheit.
„Damals war es ein erfrischender und motivierter Arbeitskreis, von Jung und Alt, es war eine Art Aufbruchstimmung“, blickt der Landschaftsarchitekt im Ruhestand zurück. Davon spürt er in der aktuellen Kommunalpolitik wenig. „Die schönen Dinge sind für einen fast selbstverständlich, aber was besser gemacht werden könnte, dafür fehlt oft der Blick“, merkt Pridik an, was für ihn damals der Anlass war, das Potenzial für Prien herauszuarbeiten.
„Viele sind mit dem, was da ist, zufrieden“. 2019 brachte sich Pridik vor der vergangenen Kommunalwahl nochmals bei einem Ortsspaziergang ein. Er findet, dass vor allem zwei Dinge mehr im Fokus stehen sollten: Der Schutz von Altbaumbeständen und ein durchdachtes Verkehrskonzept. Um Ersteres zu verdeutlichen, hat er zwei Fotos als Beispiel: In der Hochfelln- und Seestraße mussten große alte Bäume Neubauten weichen – „wir unterschätzen, wie lange es dauert, bis so alte Bäume wieder nachwachsen und den Verlust für Ökologie und Ortsbild wieder ausgleichen“. Dieser negative Trend hält an, wie jüngste Beispiele Am Herrenberg oder im Eichental zeigen.
Was mit dem damaligen Konzept passiert ist, möchte der damalige Bürgermeister Seifert auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung nicht mehr kommentieren. Inzwischen ist Andreas Friedrich bekanntermaßen Bürgermeister der Marktgemeinde. Als das Konzept veröffentlicht wurde, bekam er davon als Ordnungsamtsleiter einiges mit. „Der Bericht ist nicht in Vergessenheit geraten, sondern er wurde in entscheidenden Punkten als Grundlage verschiedener, teilweise bereits umgesetzter und teilweise noch laufender Maßnahmen verwendet und hat somit direkten Einfluss auf die Ortsgestaltung“, antwortet Friedrich auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung.
Er betonte die langfristigen Ziele des Arbeitskreises und merkt an: „Die Ergebnisse des Arbeitskreises sind jedoch ohne rechtliche Prüfung der Umsetzbarkeit einzelner Maßnahmen entstanden. Der Schlussbericht kann somit ‚nur‘ als Leitfaden und Entscheidungshilfe dienen. Er beinhaltet keine konkreten Maßnahmen – diese müssen daraus erst abgeleitet werden.“
Umgesetzte
Teilaspekte
Die Ziele hätten laut Friedrich, auch wenn die verantwortlichen Personen zwischenzeitlich im Grunde alle gewechselt haben, „Gültigkeit im entsprechenden (Verwaltungs-) Handeln des Marktes Prien und es wurden auch konkrete Maßnahmen aus diesen Zielen abgeleitet“.
Zu den umgesetzten Teilaspekten der vergangenen Jahre zählen laut Friedrich zum Beispiel neue Fahrradparkplätze östlich des Bahnhofs und ein „Westentaschenpark“ östlich der Galerie im Alten Rathaus, „Bänke, Baum und Brunnen laden dort zum Verweilen ein“. Dazu sei die Nutzung des vorhandenen ÖPNV durch den MVV-Beitritt einfacher geworden, „der Ortsbus wurde im Takt verbessert und ein Car-Sharing Angebot sowie ROSI mobil ergänzen das Angebot.“
Darüber hinaus seien einige Punkte in Planung: „Zur Aufwertung des Hafenumfeldes ist die Neugestaltung der Zugänge zur Promenade in der Städtebauförderung als Planungsleistung angemeldet.“ Außerdem werde durch den Teilabriss des „Wurms“ vom Strandbad „die Sichtbarkeit und Erlebbarkeit bzw. Zugänglichkeit des Chiemsees für alle erhöht“.
Zudem seien Grundgedanken des Konzepts in verschiedene Satzungen aufgenommen worden. Friedrich: „Die Ergebnisse des Arbeitskreises Ortsentwicklung aus dem Abschlussbericht haben nach wie vor Gültigkeit und es spricht grundsätzlich nichts dagegen, diese Ziele weiterhin zu verfolgen, was wir ja auch tun. Gegen die schnelle bzw. kurzfristige Umsetzung verschiedener einzelner Bausteine sprechen leider oft rechtliche Gegebenheiten wie Grundstücksverhältnisse.“
Bei engagierter Bürgerbeteiligung ist für den Rathauschef eine Einbindung der Verwaltung wichtig. Dadurch können rechtlicher Input oder der Zustand von Grundstückssituationen eingebracht werden. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass längere Zeit nichts oder nur sehr wenig von Bürgerbeteiligung umgesetzt werden kann – und dies führt dann in meinen Augen zu Enttäuschung bei denen, die sich und ihre Ideen eingebracht haben“, so Friedrich abschließend.
„Mosaiksteinchen statt
das große Ganze“
Pridik sieht zwar die einzelnen Maßnahmen, die Friedrich nennt, es sind für ihn aber „nur Mosaiksteinchen. Mir fehlt nach wie vor das große Ganze: Ich würde mir wünschen, dass anhand von übergeordneten Zielen Maßnahmen umgesetzt werden.“ Bei ihm entstehe nach wie vor der Eindruck, dass Maßnahmen getroffen werden, um was gemacht zu haben. Dabei versteht er, dass Dinge wie Grundstückseigentum augenblicklich ein Hindernis sind, die jedoch im Sinne des Allgemeinwohls kein unverrückbares Hemmnis darstellen müssen. Bei systemisch wichtigen Fragen zur Zukunft der Gemeinde fehlte es an mehrheitlichem Willen und Durchsetzungskraft: „Es müssen auch mal die dicken Bretter gebohrt werden“.