Mehr Frauen in die Kommunalpolitik

von Redaktion

Priener Kinoabend gibt einen Einblick in die politische Arbeit auf Gemeindeebene

Prien – Im Foyer von „Mike’s Kino“ wird an diesem Abend gelacht, diskutiert und sich herzlich begrüßt – viele Frauen sind gekommen, spürbar motiviert, engagiert, manche ein wenig aufgeregt, bevor es im Saal um ein Thema geht, das sie alle betrifft: mehr Frauen in die Kommunalpolitik.

Rund 60 Personen verfolgen die Veranstaltung der Initiative „Bavaria ruft“, die gemeinsam mit Gemeinderätin Annette Resch und dem Priener Netzwerk ‚KomMit – Kommunal Mitmachen‘ organisiert wurde. Nach der ARD-Doku „Local Heroes“ über deutsche Kommunalpolitikerinnen berichten Prienerinnen auf der Bühne, warum sie erstmals für den Gemeinderat kandidieren.

Hintergrund ist die nach wie vor geringe Zahl von Frauen in der Kommunalpolitik. In Prien sind derzeit nur acht von 24 Gemeinderäten weiblich, keiner der drei Bürgermeisterposten ist mit einer Frau besetzt. Bayernweit sind laut Bayerischem Gemeindetag nur rund zehn Prozent der Landräte und Bürgermeister Frauen. Genau hier setzt „Bavaria ruft!“ an – eine parteiübergreifende Initiative unter der Schirmherrschaft von Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Familienministerin Ulrike Scharf.

Nur ein Drittel im Priener Gemeinderat sind Frauen

Moderatorin Lilian Franzen führt souverän durch den Abend. Gleich zu Beginn bittet sie alle Gemeinderätinnen und Kadidatinnen im Saal aufzustehen – etwa zehn Frauen erheben sich, vier von ihnen nehmen später auf dem Podium Platz. Aber zunächst berichtet die Bürgermeisterin von Anzing im Landkreis Ebersberg, Kathrin Alte, von ihren Erfahrungen.

Mit Blick auf die niedrige Frauenquote befürchtet sie: „Wenn wir so weiter machen, dauert die Parität noch 400 Jahre. So lange haben wir keine Zeit, wir Frauen sowieso nicht.“ Ziel sei „Empowerment“ – jede könne kandidieren. Kathrin Alte begleitet die „Bavaria ruft Roadshow“ durch Bayern – auch in Prien humorvoll und pointiert. Es gehe ihr dabei ausdrücklich darum, „mit Männern und nicht gegen Männer“ Politik zu betreiben. Gleichzeitig spricht Kathrin Alte Anfeindungen an. In Parteien höre man oft: „Man braucht a bissl a dickes Fell.“ Doch Bemerkungen darüber, ob jemand „zehn Kilo zugenommen“ habe oder wie viele Dirndl im Schrank hängen, seien „auch ein Stück Sexismus und das muss nicht sein“.

Ein großes Thema ist die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt. Frauen leisteten nach wie vor mehr Care-Arbeit. Das sehen auch die vier Frauen, die sich derzeit zur Kommunalwahl für den Priener Gemeinderat aufstellen lassen, so. Auf dem Podium verraten sie ihre Gründe, warum sie in die Kommunalpolitik wollen.

Verena Stephan, die für die Priener CSU antritt, hat eine große Motivation: „Für die Zukunft unserer Kinder“. Ein Vorbild für Tochter und Sohn möchte auch Anna Schlemer sein, Kandidatin für die Grünen: „Sie sollen lernen, dass es sich lohnt, für Demokratie einzustehen.“

Die Landwirtschaft und ihre Bedeutung für die Marktgemeinde liegt Johanna Weidacher von der ÜWG besonders am Herzen, auch sie stemmt Haushalt, Hof und Kinder: „Zeit für Politik hätte man ja nie, die muss man sich dann einfach nehmen.“ Verkehrssicherheit für Kinder und ältere Menschen ist ein Hauptgrund, warum sich Kristin Lindemann von Bürger für Prien kommunalpolitisch engagieren will.

Vier verschiedene Frauen mit unterschiedlichem politischen Hintergrund – eines haben sie gemeinsam: Sie alle wollen, dass sich mehr Frauen ihrem Vorbild anschließen und aktiv in der Kommunalpolitik mitgestalten. Ob Frauen dafür lauter werden müssen, fragt gegen Ende der Podiumsrunde Moderatorin Franzen: „Ja, Frauen müssen lauter werden“, stimmt nicht nur Verena Stephan zu. Auch hier sind sich die vier Frauen einig.

Das überparteiliche Netzwerk KomMit hat die Veranstaltung organisiert, Martina und Michael Engel von Mike’s Kino haben der Initiative für den Abend beide Kinosäle überlassen. Im kleinen Nebensaal wurde kostenfrei „Checker Tobi 3“ gezeigt. Damit die Kinder nicht unbeaufsichtigt sind, hat Claudia Schneider von KomMit Babysitterinnen engagiert. Sie sagt: „Wir verstehen uns als Brückenbauer und wollen zwischen Kommunalpolitik und Bürgerschaft vermitteln.“ Parteizugehörigkeit spiele keine Rolle, auch brauche es keine Vorerfahrung: „Denn wir wollen miteinander eine gute Demokratie leben.“ Das Thema Frauen ist nur eines, bei denen man sich im Netzwerk einbringen kann. Auch Männer seien im Übrigen herzlich willkommen.

Aber gerade viele Frauen würden sich unsicher fühlen, wenn es um Mitbestimmung geht. Sie „rutschen durch die Elternzeit“ und fragten sich: „Kann ich da überhaupt mitmachen? Bin ich da noch am Ball?“ Genau dort wolle man ansetzen. „Wir freuen uns über jeden engagierten Bürger und Bürgerin“, sagt Schneider. Die Gruppe trifft sich ein- bis zweimal im Monat, Ende Februar geht die Webseite online. Erste Projekte seien zum Beispiel sicherere Wege in die Schulen, wozu bereits Fahrraddemonstrationen stattgefunden haben.

„In der Schule
muss es losgehen“

Am 4. März geht es mit dem nächsten Kinoabend weiter. Gezeigt wird der preisgekrönte Dokumentarfilm „Wem gehört mein Dorf?“ Zum Abschluss steht die Frage im Raum, was passieren muss, damit solche Abende irgendwann nicht mehr nötig sind. „In der Schule muss es losgehen“, sagt Verena Stephan. Anna Schlemer ruft zu mehr Solidarität unter Frauen auf. Und Kristin Lindemann bringt es auf den Punkt: „Immer dranbleiben.“

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