Prien – Seit einigen Jahren ist es still im ersten Stock in der Seestraße 27. Ungewöhnlich, denn eigentlich sollte die Ganztagsbetreuung des Ludwig-Thoma-Gymnasiums (LTG) und der Chiemsee Realschule im Erdgeschoss und dem ersten Stockwerk untergebracht werden. Sebastian Lang leitet die offene Ganztagsschule des LTG und erzählt in der alten Villa direkt vor dem Gebäude des Gymnasiums, dass der Landkreis das Haus erwarb und 2018 anbot, darin die Ganztagesbetreuung unterzubringen.
Raus aus
der Schule!
Lang war begeistert, fertigte direkt Nutzungspläne für das Erdgeschoss und den ersten Stock an. Die Genehmigung für das Erdgeschoss folgte auch schnell Anfang 2020, das grüne Licht für das zweite Geschoss kam allerdings erst im November 2025. Inzwischen sind die Räume mit Tischen, Stühlen, Tafeln und Technik ausgestattet, größtenteils von Lang selbst montiert. Letzte Details fehlen, dann verdoppelt sich die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die in der ehemaligen zahnmedizinischen Praxis ihre Nachmittage verbringen. 120 Schüler sind in diesem Schuljahr insgesamt angemeldet, um die 80 sind jeden Tag zu betreuen. Im Erdgeschoss der Villa haben 30 Kinder Platz.
Die anderen Kinder sind bisher in Klassenzimmern des LTG nebenan untergebracht. Für Lang keine optimale Lösung: „Wir wollen, dass die Kinder nach der regulären Schulzeit möglichst auf Distanz zur Schule kommen. Das funktioniert in Klassenzimmern logischerweise nicht.“ Eine pädagogisch wertvolle Nachmittagsbetreuung dort zu machen, wo die Kinder schon den ganzen Vormittag am Schreibtisch sitzen, fördert den pädagogischen Ansatz der Ganztagsschule nicht. Lang sieht seine Aufgabe und die des achtköpfigen Teams darin, dass sich die Kinder nach der Schulzeit möglichst wohl und geborgen fühlen. Nach den Hausaufgaben sind Basteln, Backen oder Fußballspielen die angesagtesten Beschäftigungen der Kinder.
„Die Kinder sollten immer im Vordergrund stehen“, sagt er. Bei der aktuellen Situation werden sie aber oft vergessen „und leiden am meisten darunter“. Dabei bringt er durchaus Verständnis für die Situation am Landratsamt auf, wo nach seiner Information eine Arbeitskraft für viel zu viele Liegenschaften zuständig ist. Die Ganztagsbetreuung zu gewährleisten und zu organisieren, ist die Aufgabe des Landkreises – dafür werden auch die nötigen Mittel vom Land zur Verfügung gestellt. Aus Sicht von Lang hapere es aber viel zu oft an der Umsetzung.
Die Betreuung ist für die Kinder durch die Finanzierung des Freistaats kostenfrei, lediglich das Mittagessen muss bezahlt werden. Die Anmeldung zur Betreuung erfolgt verbindlich für das ganze Schuljahr, aktuell sind zwei bis vier Tage Betreuung möglich. Ab dem nächsten Schuljahr komme vermutlich auch der Freitag dazu.
Dabei betont Lang, dass in Prien viele Kinder freiwillig und gerne kommen, da das Angebot der Ganztagsschule gut sei. „Pro Jahr kommen etwa fünf bis zehn Kinder neu dazu“, sagt der 45-Jährige. Dabei möchte er selbst eigentlich mehr Zeit mit der Kinderbetreuung verbringen, „die Bürokratie nimmt immer noch mehr Zeit in Anspruch.“
Direkter Draht
zum Landratsamt
Zusätzlich brauche es formal für die Kinder der Realschule eine separate Anmeldung und Leitung, die Langs Kollegin übernimmt. Eigentlich würde dann die Kommunikation mit dem Landratsamt über die Schulleitung laufen.
Da Lang aber das volle Vertrauen von Schulleiter Rainer Hoff hat, fällt hier zumindest eine Gesprächsstufe weg. Lang und das Landratsamt klären anstehende Dinge meist direkt. Vor allem im Winter und bei schlechtem Wetter sei das Platzproblem enorm – vor allem, da durch die Trennung der Kinder viele positive Elemente der Betreuung verloren gingen. „Wir kommunizieren auch im Betreuungsteam nur per Telefon, wenn ein Teil hier im Haus ist und der andere in der Schule“, sagt Lang. Hauptsächlich aber seien so auch Kinder voneinander getrennt. Aus Rosenheim kommen schriftliche Gründe für die Verzögerung. In einer ersten Stellungnahme des Landratsamts hieß es, der offizielle Antrag für die Nutzung des ersten Stocks der OGTS Prien sei erst im Jahr 2023 erfolgt. Nach längerem Schriftverkehr teilt die Pressestelle mit: „Der Landkreis Rosenheim hat das Gebäude an der Seestraße im Jahr 2017 gekauft. Im Vordergrund stand damals zunächst die Fläche für evtl. in Zukunft anstehende Baumaßnahmen zu sichern. Später wurde dann entschieden, das Gebäude in seiner ursprünglichen Form zu belassen.“ Nach Renovierungsarbeiten steht das EG der OGTS seit 2020 zur Verfügung.
„Für den ersten Stock gab es in dieser Zeit unterschiedliche Überlegungen – zur Debatte stand unter anderem die Nutzung als Hausmeisterwohnung oder für Referendare der Schule. Bereits damals vorhandene Überlegungen für eine schulische Nutzung des ersten Obergeschosses wurden wegen der sehr hohen Investitionskosten zunächst verworfen.“ Der Gedanke sei aufgrund der Schülerzahlen in der Ganztagsbetreuung wieder aufgegriffen und der Umbau ermöglicht worden. „Insgesamt hat der Landkreis Rosenheim hier 100.000 Euro investiert“, endet die Antwort des Landratsamts.
Kritik an der
Kommunikation
Auf die Kritik der mangelhaften Kommunikation geht das Landratsamt nicht ein. Lang bleibt dabei: Er habe die Anträge für beide Stockwerke gleichzeitig beim Amt eingereicht. Schulleiter Hoff bestätigt gegenüber der Chiemgau-Zeitung, dass der Wunsch der OGTS, in beide Stockwerke einzuziehen, von Anfang an kommuniziert wurde, doch er könne nicht bestätigen, wann der offizielle Antrag erfolgte. Lang versteht nicht, warum das Landratsamt die Prozesse so in die Länge ziehe, obwohl klar sei, welche Vorgaben vom Landkreis erfüllt werden müssen. „Das Wichtigste sollte doch immer das Kind sein!“