Übersee – Ähnlich wie bei der Bürgerversammlung war der große Saal im Gasthof Hinterwirt von interessierten Bürgern voll besetzt: Bürgermeister Herbert Strauch (Freie Bürgerliste, FB) und sein Herausforderer für das Bürgermeisteramt, Alexander Rank (CSU), lieferten sich einen Schlagabtausch über wichtige Themen der Gemeindepolitik. Vorrangig ging es um Ortsentwicklung, Kultur, Klimaschutz sowie Fahrradwege und -nutzung, zu denen es jeweils Arbeitskreise in der Gemeinde gibt. Straff, kompetent und unterhaltsam moderierte die Diskussion Michael Griesenbeck (SPD), der selbst nicht für den Gemeinderat kandidiert. Organisiert hatte die Veranstaltung die Zweite Bürgermeisterin Margaret Winnichner (Grüne) als Sprecherin der genannten Arbeitsgruppen.
Offener
Schlagabtausch
Herbert Strauch ist seit April 2021 im Amt. Sein Vorgänger Eberhard Bauerdick (Gemeinsam für Übersee, GfÜ), der in der Stichwahl gegen Marc Nitschke (CSU) gesiegt hatte, war bereits im Dezember 2020 zurückgetreten. Strauch ist 44 Jahre alt, verheiratet, hat drei Kinder und ist von Beruf Bautechniker. Herausforderer Alexander Rank ist 55 Jahre alt, ledig und kinderlos. Er ist heute Verrentungsexperte, nachdem er jahrelang in der gehobenen Hotellerie tätig war.
Nach der kurzen Vorstellungsrunde ging es bei der Diskussion zuerst um das Thema Klimaschutz: Was soll die Gemeinde für den Klimaschutz tun? Wie heizt Übersee in Zukunft?
Herbert Strauch sagte, man dürfe nicht auf die große Lösung der Politik warten, sondern vor Ort müsse den Menschen einfach und unbürokratisch ermöglicht werden, so viel wie möglich selbst zum Klimaschutz beizutragen. Gerade beim Heizen seien die Bürger verunsichert, weil niemand genau wisse, welche Vorgaben von der Politik kämen. Der Gemeinderat habe für Übersee Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 beschlossen. Einiges sei auch bereits auf den Weg gebracht worden. Wichtig sei es, die Bürger auf die Veränderungen durch den Klimawandel vorzubereiten und die Infrastruktur bestmöglich anzupassen. Alexander Rank betonte, wie wichtig es sei, die Bürger genau darüber zu informieren, was die Gemeinde plane, denn jeder könne in seinem Umfeld selbst etwas beitragen. Für solche Informationen sollte auch ein Newsletter organisiert werden. Auf die Frage, woher der Strom künftig in Übersee herkommen und wie die Heizung aussehen solle, sagte Rank, dass noch viel Potenzial auf den Dächern für PV-Anlagen vorhanden sei. Man dürfe aber nicht auf einem Bein stehen, sondern ebenso das heimische Holz als nachwachsenden Energieträger nutzen.
Als besonders schützenswerte Naturflächen im Ort bezeichnete Herbert Strauch die Flächen rund um das Achendelta. Ein großer Schatz seien auch die Kendlmühlfilzn sowie „die vielen Kleinigkeiten, die vor Ort zählen“. Alexander Rank nannte vor allem das Chiemseeufer, das die Besucher aus der ganzen Region und von weither anziehe. Deshalb müsse man versuchen, „die Autos da unten rauszubringen“ und einen „sanften Ganzjahrestourismus“ zu erreichen. Der Erholungswert des Chiemseeufers müsse unbedingt erhalten bleiben.
Um die Fragenblöcke aufzulockern, stellte Michael Griesenbeck den Kandidaten zwischendurch auch kurze Aufgaben, zum Beispiel einen Satz zu ergänzen. Zum Thema sichere Radwege und -nutzung in Übersee stellte Strauch fest, dass die Gemeinde schon viel dafür getan habe, wie nach jahrzehntelanger Planung endlich den Radweg zwischen Mietenkam und Übersee zu realisieren, aber dass es sicher noch Knackpunkte zu entschärfen gäbe. Wichtig sei es, die Radler durch Beschilderungen gut zu leiten. Beide Kandidaten würden einen Kreisverkehr an der Wegkreuzung der Straße vom Campingplatz zum Seglerhof und der Unterführung zur Autobahn begrüßen.
Wie wird Übersee im Jahr 2038 aussehen? Der amtierende Bürgermeister meinte, in puncto Kitas, Mittagsbetreuung und Schule sei der Ort schon recht gut für die Zukunft gerüstet. Auch die Planung des Seniorenheims in Übersee-Ost sei für die nächsten 30 bis 40 Jahre ausgerichtet. Leider habe die Gemeinde selbst nicht alles in der Hand, so wie bei ortsbildprägenden Gebäuden an der Feldwieser Straße. Da könne man nur versuchen, das Beste daraus zu machen. Den Eigentümern des Deutz-Geländes brenne es auf den Nägeln, endlich etwas zu verkaufen.
Alexander Rank hielt einen neuen Flächennutzungsplan (der bestehende stammt aus dem Jahr 1982) für dringend erforderlich. Damit müsse sich der Gemeinderat zusammen mit Arbeitsgruppen interessierter Bürger auseinandersetzen und die Zukunft für die weitere Entwicklung von Übersee planen. Viele Bürger und Anlieger hätten Angst davor, was mit dem Baugebiet Übersee-Ost und dem Deutz-Gelände künftig geschehe. Da müsse viel transparenter gearbeitet werden.
Zu seiner Vision für den Überseer Bahnhof und die Ortsentwicklung befragt, sagte Strauch, der Bahnhof solle ein Treffpunkt und Ort der Begegnung für das ganze Achental werden. Bald werde er von der Bahn barrierefrei ausgebaut. Am Bahnhof könne man die Touristen abholen, ein Café vor Ort und vielleicht einen Mittagstisch anbieten. Hier habe die Gemeinde viel Spielraum, weil das historische Bahnhofsgebäude glücklicherweise in Gemeindehand geblieben sei.
Viel Beifall
für beide Kandidaten
Alexander Rank hielt den Bahnhof für eine schöne Werbeplattform. Seine Traumvorstellung sei es, dort die Tourist-Info einzurichten und das sehr beengte Rathaus auf dem Deutz-Gelände anzusiedeln, damit alles schön beieinander sei. Zur Ortsentwicklung hielt es Rank für notwendig, wieder mehr Leben in die Ortsmitte zu bringen und für Wohnungen in allen Preislagen zu sorgen. Dafür müsse die Gemeinde vor allem günstiges Erbbaurecht ermöglichen. Das sei ein großes Potenzial, um Wohnraum zu schaffen. Herbert Strauch hielt Erbpacht für keine schlechte Idee. Er aber sei vor allem dafür, dass die Gemeinde – wo möglich – Grund kaufe, um die weitere Entwicklung selbst in der Hand zu haben.
Die durchweg harmonische Veranstaltung endete mit lang anhaltendem Applaus für die Kandidaten, den Moderator und die Organisatoren.