Grabenstätt – Zum Internationalen Tag des Dialekts erklärt der Grabenstätter Heimatforscher Gustl Lex, was den Dialekt rund um den Chiemsee auszeichnet, welche Wörter vom Aussterben bedroht sind und warum das Bairische heute wieder einen höheren Stellenwert genießt.
Herr Lex, gibt es denn noch so etwas wie einen echten Chiemgauer Dialekt?
Nein, eigentlich nicht mehr. Es gab einmal gewisse Sprachgrenzen, nach Westen der Inn und nach Osten der Rupertiwinkel, wo noch einiges vom alten Salzburger Dialekt erhalten ist. Vor 100 Jahren hat man wirklich noch genau unterscheiden können, da hat sich das noch stärker abgezeichnet. Heute fast nicht mehr.
Aber Unterschiede gibt‘s ja schon noch? An was hören Sie heraus, dass jemand ein alteingesessener Chiemgauer ist?
Manche Laute sind tatsächlich typisch und auffällig. Wo anders „spuid“ man mit „vui Gfui“ und fährt nach „Muidorf“. Aber im Chiemgau „späid“ man mit „väi Gfäi“ und fährt nach „Mäidorf“. An sowas kennt man‘s noch. Oder tiefer ins Achental hinein, zum Beispiel in Schleching, werden die Kehllaute schon deutlicher: also ein härteres K, wie man es aus dem Tirolerischen kennt. Oder aus Inzell kenne ich die Fliege nicht als „Fliang“, sondern als „Floig“.
Apropos Mühldorf: In welche Richtung fahren Sie denn, wenn Sie nach Mühldorf wollen?
(lacht) Das ist eindeutig: Nach Mühldorf fährt man „obe“, also hinunter. Genauso wie man von Grabenstätt nach Chieming „ume“ und nach Traunstein „eini“ fährt. Aber auch diese Richtungsangaben im Bairischen werden leider seltener und durch runter, rüber oder rein bzw. nunter, nüber oder nei ersetzt.
Welche Dialekt-Wörter sind vom Aussterben bedroht – oder tatsächlich schon ausgestorben?
Wirklich typisch sind „es“ für ihr und „enk“ oder „eng“ für euch. „Woits es no wos?“, das hört man noch manchmal – noch. „Wia gehts eng?“, das ist schon fast weg. Ausgestorben sind inzwischen die bairischen Wochentage: „Irtag“ für den Dienstag oder „Pfinztag“ für den Donnerstag. Andere Wörter sterben aus, weil sie einfach keine Bedeutung mehr haben. Wer weiß heute schon noch, was das „Groamat“ ist? Der zweite Schnitt im Jahr in der Landwirtschaft. Aber heute wird vier- oder sechsmal im Jahr gemäht. Also braucht es für den zweiten Schnitt auch kein Wort mehr.
Dass auch Zuzug, höhere Mobilität und die Medien eine Rolle spielen, ist bekannt.
Ja, aber nicht nur. Auch ältere Bairisch-Sprecher genieren sich manchmal, wie ich beobachtet habe. Die hören es dann zum Beispiel nicht gerne, wenn man den Ort Prien als „Prean“ ausspricht. Oder den Weiler Tinnerting bei Vachendorf als „Tinnaschding“. Manche fühlen sich direkt unwohl dabei. Aber über Generationen wurde es doch so gesagt?
Gibt‘s auch Lichtblicke?
Die gibt‘s. Mit Vereinen, die sich für die Bairische Sprache einsetzen, waren wir schon öfter im Kultusministerium vorstellig. Und es hat sich was gewandelt: In den Schulen heißt es nicht mehr, man müsse „schön nach der Schrift reden“. Wir werden von Kindergärten eingeladen. Auch in den Medien wird mehr über Dialekte und Mundarten geredet – und eben nicht nur schlecht.
Mein Eindruck ist: Der bairische Dialekt genießt heute einen höheren Stellenwert als früher.
Richtig, das hat sich in den letzten 20, 30 Jahren gewandelt. Lange war es so: Wer Dialekt spricht, ist der Dumme, der Ungebildete. Diese „Seppel-Mentalität“, wo die Bayern in Heimatfilmen oder im Bauerntheater nur die Deppen waren, hat sich geändert. Im Film werden heute auch ernste Themen in der Mundart abgehandelt –- und nicht nur, wenn es lustig sein soll. Die Mehrheit hat inzwischen erkannt: Es ist doch schön, wenn man Bairisch kann. Aber wir müssen es auch weitergeben. Vielen Dank für das Gespräch.
Xaver Eichstädter