Prien/Breitbrunn – Wer schon immer wissen wollte, wie Trachtenstoffe von der Faser zum fertigen Brokat werden, hat Ende Februar die Gelegenheit dazu. Dann kann man dem Team einer der kleinsten Jacquard-Webereien Europas beim Arbeiten über die Schulter schauen. Noch bis Samstag, 28. Februar, feiert die Weberei Höfer ihr 75-jähriges Bestehen mit einer Aktionswoche im eigenen Stoffgeschäft in Prien, dem nach Aussage der Familie größten der Region.
Vom Wohnzimmer
zur Manufaktur
Wie Jakob Höfer, Chef in dritter Generation, mitteilt, werden Besucher in dieser Zeit nicht nur im Laden fündig. In Breitbrunn am Chiemsee öffnet die Produktionshalle ihre Türen. Dort führt der Firmenchef persönlich durch den Betrieb und erklärt, „wie es heute überhaupt noch möglich ist, Textilien in Deutschland herzustellen“. Die Führungen dauern etwa eine Stunde, weitere Informationen finden sich auf der Internetseite der Weberei. Seinen Anfang nahm das Unternehmen 1951 mit zwei Handwebstühlen im Wohnzimmer von Höfers Großmutter. Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin und Webmeisterin begann nach dem Krieg aus der Not heraus zu weben. „Nach dem Krieg gab es kaum Stoffe, aber die jungen Frauen in den Schulen wollten ja trotzdem nähen lernen“, berichtet Enkel Jakob Höfer. „Also hat meine Großmutter beschlossen: Dann weben wir eben Stoffe!“ Die ersten Meter Dirndlstoff – Streifen, Blümchen, Anklänge an Tegernseer Vorbilder – wurden als Musterkärtchen verschickt. Aus diesem Mini-Versandhandel aus der guten Stube entstand im Laufe der Jahrzehnte ein Spezialbetrieb, der heute in dritter Generation geführt wird.
Aus der Stube ist inzwischen eine Hightech-Manufaktur geworden. In der Produktionshalle in Breitbrunn stehen heute vier moderne Jacquardmaschinen, für deren Installation das Hallendach eigens angehoben werden musste. „Entweder wir schließen die Weberei – oder wir gehen diesen Schritt“, erinnert sich Jakob Höfer an die Entscheidung. „Zum Glück haben wir’s gewagt – und zum Glück hat der Papa mitgespielt.“ Vater Gerhard Höfer fasst laut Angaben des Unternehmens die Firmenphilosophie so zusammen: „Wir waren vielleicht nie die Schnellsten, aber wir waren immer die, die sich etwas Eigenes getraut haben.“
Die Weberei Höfer setzt auf Qualität und damit auf hochwertige Naturstoffe. Wenn die Weberin eine der vier Jacquard-Maschinen startet, füllen Wärme und Geräusche die Halle. Im Takt der Greifer entsteht aus einem Geflecht von 3.420 Fäden Reihe um Reihe ein Stoff – aus Wolle, Baumwolle oder Leinen. „Wir sind unbewusst eine sehr nachhaltige Weberei. Naturmaterialien haben einfach Eigenschaften, das schafft keine Kunstfaser“, sagt Jakob Höfer. Die Stoffe seien so naturbelassen, dass sie theoretisch sogar auf dem Kompost entsorgt werden könnten.
Anders als große Anbieter setzt Höfer auf Flexibilität statt Massenware. Während andere Webereien Mindestmengen von 300 Metern verlangen, beginnt die Bestellmenge hier bei zehn Metern. Das mache die Weberei zu einem gefragten Partner für Profis und ambitionierte Hobbyschneiderinnen, Trachtenvereine, Musikkapellen, Schützen, Theater und Brautpaare. Auch renommierte Trachtenlabels beziehen ihre Stoffe in Breitbrunn.
Das Sortiment reicht von Baumwolldrucken über Seidenjacquards und Leinen bis zu Brokaten und Loden. Besonders gefragt sind die im eigenen Haus entworfenen Brokate für Dirndl, Westen, Trachtenröcke oder Mieder. Diese Stoffe gibt es laut Weberei nur bei ihnen und sie sind auf Jahrzehnte angelegt. Beim Design spielt die Verbundenheit zur Region eine große Rolle. „Das kannst du niemandem erklären, der nicht mit den Farben und den Formen von hier vertraut ist“, sagt Jakob Höfer über das Gespür für lokale Muster. „Das ist wie Dialekt: Man erkennt sofort, wenn er nicht passt.“
Regionale Muster
und neue Wege
Neben dem Stoffhandel in Prien, über den etwa 80 Prozent der Ware in den Versand gehen, arbeitet die Familie pünktlich zum Jubiläum an einem neuen Kapitel. Geplant ist eine eigene Linie mit Kissen, Tischwäsche und weiteren Wohntextilien. Schon jetzt finden sich im Geschäft moderne, schlichte Tischwäsche, Geschirrtücher und Kissen aus eigener Herstellung. Allesamt bestehen sie aus den Naturstoffen, für die die Weberei Höfer seit 75 Jahren steht.
Die Tracht ist wieder alltagstauglich geworden. Qualität und Funktionalität werden immer wichtiger. Jakob und Theresa Höfer blicken positiv in die Zukunft. Auch weil ihre so unterschiedlichen Kunden eines gemeinsam haben: „Sie wollen etwas Besonderes.“