Der wunderschön gelegene Hof im Grabenstätter Ortsteil Fernbichl. Foto Becker
Grabenstätt – Die Sonne strahlt frühlingshaft warm vom Himmel. Hier am Ende einer kleinen Straße im Weiher Fernbichl unweit von Grabenstätt gibt es nur noch grüne Wiesen und den traumhaften Blick auf Wald mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Fünf frischgeborene Kälbchen sonnen sich draußen vor dem Milchvieh-Hof in ihren Mini-Ställen. Es ist die blanke Postkarten-Idylle, dabei hat sich hier ein menschliches Drama abgespielt. Katja und ihr Bruder Korbinian Ranner haben binnen sieben Monaten beide Elternteile verloren.
Tochter fühlt sich „wie in
einem schlechten Film“
„Es ist schrecklich, alles ist wie in einem schlechten Film“, sagt Katja Ranner dem OVB. Die 26-Jährige sitzt im Wohnzimmer des Hauses, in dem sie aufgewachsen ist, und versucht mit stockender Stimme, die traurige Geschichte zu erzählen. Alles beginnt im Juli vergangenen Jahres: „Da ist die Mama hingefallen. Wir haben sie gefunden und aufgehoben, weil sie nicht mehr allein gehen konnte.“ Weil Bauern „zach“ seien, wie es die blonde Frau nennt, habe ihre Mutter partout nicht zu einer Untersuchung ins Krankenhaus gehen wollen.
Eine Woche später klingelt bei Katja Ranner, die gemeinsam mit ihrem Freund in einer Wohnung in Grabenstätt wohnt, früh am Morgen x-mal das Telefon. Am Apparat ihr 22 Jahre alter Bruder, der auf dem Hof der Eltern wohnt. Er stürzt seine Schwester mit den Worten „Der Papa hat ganz blaue Lippen und schnauft nicht mehr“ in einen Schockzustand. Das 53-jährige Familien-Oberhaupt war bei bester Gesundheit und am Abend zuvor nach seinem Feierabend-Bier ganz normal ins Bett gegangen. Am Morgen wacht er einfach nicht mehr auf. „Der Papa hat in der Familie alles zusammengehalten und wusste alles, was den Hof betrifft“, sagt Katja Ranner mit Tränen in den Augen.
Tod des Vaters
reißt eine Riesenlücke
Die Trauer ist groß, die Unklarheit, wie es jetzt weitergehen soll, auch. Glücklicherweise hat Katja Ranner kurz vor dem überraschenden Tod die Buchführung des Hofes gemeinsam mit ihrem Vater von Papier auf digital umgestellt. So kann die Frau, die eigentlich hauptberuflich als Verwaltungsfachangestellte beim Landratsamt Traunstein arbeitet, die Büroarbeit auf dem Hof mit 50 Milchkühen und insgesamt 38 Jungvieh und Kälbern übernehmen. Die harte Arbeit mit Melken und Füttern im Stall übernehmen ihr Bruder, der Partner von Katja Ranner und eine Betriebshilfe, die nach dem Tod des Vaters für ein Jahr von der landwirtschaftlichen Alterskasse bezahlt wird.
„Wir hatten plötzlich eine Heidenverantwortung und der Papa hat überall gefehlt“, beschreibt Katja Ranner die Zeit nach dem Tod ihres Vaters. Schließlich ist sie tagsüber in ihrem Hauptjob und zusätzlich in einem Nebenjob beim Edeka beschäftigt. Die Mama kann nur mit Krücken herumlaufen, ihr geht es gesundheitlich schlechter und schlechter, bis sie schließlich im Februar von einer Bank fällt und nicht mehr aufstehen kann.
Dann stirbt die Mama:
„Ich habe euch lieb“
Katja Ranner ruft den Notarzt und lässt ihre Mama ins Krankenhaus bringen, wo sie nie hinwollte. Dort werden neben einem wohl schon beim ersten Sturz im Juli aus der Pfanne gesprungenen Hüftgelenk auch akutes Nierenversagen und eine Blutvergiftung festgestellt. Mutter Ranner muss täglich zur Dialyse und scheint sich jeden Tag ein bisschen mehr zu erholen. Am Sonntag, 22. Februar, bekommt sie Besuch von ihren beiden Kindern. „Sie hat sich mit den Worten verabschiedet: ‚Vergesst nicht, ich habe Euch lieb. Ihr macht das gut mit dem Hof.‘“ In der Nacht danach kommt der Anruf aus dem Klinikum Traunstein, dass auch die Mutter verstorben ist.
„Ich habe Rotz
und Wasser geheult“
„Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie nie ins Krankenhaus will, weil sie dann nicht mehr herkommt“, erzählt Katja Ranner und muss wieder weinen: „Ich habe zusammen mit meinem Bruder Rotz und Wasser geheult. Man kann doch nicht beide Eltern in nur sieben Monaten verlieren.“ Doch das ist die traurige Realität. Und damit beginnen erst die Probleme für die beiden Kinder, die jetzt allein für einen Landwirtschaftsbetrieb mit all den Tieren verantwortlich sind. Mit dem Tod werden alle Konten ihrer Mutter gesperrt. Die Kosten, zum Beispiel für Futter und Kredite, die noch ihr Vater aufgenommen hat, laufen aber weiter. Weil nur die Mutter vertraglich Anspruch auf den Betriebshelfer hatte, muss auch der nun aus eigener Tasche bezahlt werden.
Dazu sind beim Notar hohe Kosten für zwei Erbscheine (für die Vererbung vom Vater auf die Mutter und von der Mutter auf die beiden Kinder) fällig. Die Zahlungen für die beiden Beerdigungen – Mutter Ranner wird am 6. März auf dem Alten Friedhof in Grabenstätt zur letzten Ruhe gebettet – belaufen sich ebenfalls auf mehrere Tausend Euro. Große Rücklagen der Eltern gibt es genauso wenig wie die Einnahmen ihres Vaters, der jeden Monat noch Geld in einem Job beim Maschinenring Traunstein verdient hat. Eine schier aussichtslose finanzielle Situation für die beiden Kinder, aus der es allein mit Milchgeld von der Molkerei Berchtesgadener Land kein Entkommen gibt.
Die Kinder wollen kämpfen
– die ganze Region hilft
„Aufhören steht nicht zur Debatte. Wir wollen das Lebenswerk von Mama und Papa in ihrem Sinne weiterführen“, sagt Katja Ranner trotzdem entschlossen. Und sie hat neben ihrem Bruder und ihrem Partner tatkräftige Hilfe bei der Mission an ihrer Seite. Ein mit der Familie befreundeter Landwirt mit seiner Frau und eine enge Freundin ihrer verstorbenen Mama starten im Namen der Dorfgemeinschaft Grabenstätt einen Spendenaufruf bei GoFundMe.
„Was bleibt, ist unfassbare Trauer – und ein Hof, der nicht stillsteht, auch nicht an Tagen wie diesen. Tiere müssen versorgt, alle anstehenden Arbeiten erledigt und Verantwortung getragen werden. Während andere Zeit zum Innehalten haben, stehen Katja und Korbinian jeden Tag auf und machen weiter“, schreiben sie unter einem Bild der noch vereinten Familie Ranner: „Dass den Beiden in dieser schweren Zeit etwas mehr Luft zum Atmen bleibt, lasst uns zusammenhalten und dafür sorgen, dass sie sich wenigstens um die finanzielle Situation etwas weniger Gedanken machen müssen. Jeder von uns kann einen kleinen Beitrag dazu leisten. Man sagt, ein Dorf hält zusammen. Heute ist genau so ein Moment.“
Unglaubliche
Hilfsbereitschaft
Die Reaktion darauf ist schlichtweg überwältigend. Nach nur einem Tag sind bereits deutlich über 500 Spenden mit einer Gesamtsumme von über 32.000 Euro eingegangen. Das ist zumindest für die Region absolut rekordverdächtig. „Ich wollte das anfangs nicht, weil es sich wie Betteln angefühlt habe. Aber dann habe ich gemerkt, dass die Leute wirklich Anteil nehmen. Wir sind keinem egal, die Leute zeigen Mitgefühl und stehen uns bei. Das ist Wahnsinn und gibt unglaublich viel Kraft. Wir sind allen unglaublich dankbar“, sagt Katja Ranner. Auch Grabenstätts Bürgermeister Gerhard Wirnshofer hat die tragische Geschichte berührt. „Es ist eine besondere Situation, dass die Familie innerhalb kürzester Zeit zwei solche Schicksalsschläge erleiden muss. Das erschüttert die Dorfgemeinschaft. Es ist schön zu sehen, wie groß der Zusammenhalt im Ort und seinen Ortsteilen ist“, sagt der Ortschef dem OVB. Die Eltern seien als „Landwirte durch und durch“ im Ort bekannt, die ganze Familie gut im Vereinsleben wie der Musikkapelle in Grabenstätt vernetzt.
Viele Geldspenden kommen deshalb aus Grabenstätt. Aber auch weit darüber hinaus aus den Landkreisen Traunstein und Rosenheim. Menschen, die Katja Ranner in der Ausbildung für eine Woche kennengelernt haben, sind von der traurigen Geschichte berührt und kontaktieren die Frau. Dabei geht die Hilfsbereitschaft weit über finanzielle Überweisungen hinaus. Bauer Michi aus der Nachbarschaft stand nach der Todesnachricht sofort auf der Matte und bot jede nur erdenkliche Unterstützung bei der Bewirtschaftung des Hofs an.
„Menschlichkeit
hat noch einen Wert“
Katja Ranners Geschäftsführer in einer Außenstelle des Landratsamts Traunstein will mit einem „Gummistiefel-Einsatz“ helfen: „Wir schaufeln auch Mist für Dich.“ Katja Ranner berührt all das unglaublich und es hilft ihr dabei, die tiefe Trauer über den Verlust ihrer Eltern zu verarbeiten: „Man sieht sich, grüßt sich, kennt sich, und dann geht man wieder. Aber das alles zeigt, dass Menschlichkeit in unserem Ort und der Gesellschaft noch einen Wert hat. Das gibt Hoffnung, dass wir es zusammen schaffen können.“ Und irgendwann die Sonne auch für die beiden Ranner-Kinder wieder scheint.