Prien – „Am 5. Februar fiel ich nach einer schweren Operation in Starrkrampf. Kalt und steif lag ich im Bett, unfähig auch nur einen Finger zu rühren oder einen Muskel zu bewegen. Der Erstarrungszustand wurde allmählich ein derartiger, dass man mich als tot erklärte. Eine entsetzliche Angst überkam mich, als die Krankenschwestern mich für gestorben hielten und auch der Arzt dies schließlich bestätigte. Und ich hörte und sah alles. Um 7 Uhr abends wurde ich in den Sarg gelegt und in die Leichenkammer hinuntergetragen, wo bereits zwei Tote aufgebahrt waren. Da lag ich nun, wie eine dritte Leiche unter den anderen.“ Diese Worte von Franz Xaver Stocker, einem Zimmermann aus Prien, beschreiben eine schreckliche Erfahrung, die einer wundersamen Rettung durch den Münchner Professor Dr. Nepomuk von Nußbaum vorausging.
In seiner tiefen Not rief der stämmige Priener die Mutter Gottes von Altötting an und versprach im Gelübde, nach seiner Genesung ein zentnerschweres und 2,5 Meter hohes Kreuz von Prien nach Altötting zu tragen. Am Montag, 30. Mai 1887, legte Franz Xaver Stocker das Kreuz nach 14-stündiger Wanderung an der Gnadenkapelle nieder, wo es noch heute gut sichtbar ist. Diese unglaubliche Geschichte schilderte der Grabenstätter Hobbyhistoriker Gustl Lex auf Einladung der Priener Kolpingsfamilie.
Der Kreuz-Opfergang ist in einem bei der Gnadenkapelle erhältlichen Heftchen niedergeschrieben. Weniger bekannt sind jedoch die nicht minder unglaublichen Schicksalsschläge Stockers von Kind an und nach seiner Heilung. Gustl Lex erfuhr von der Geschichte in Altötting und war so fasziniert, dass er zwei Jahre lang mit Angehörigen, unter anderem mit der 80-jährigen Tochter und deren Nachkommen, sprach und Archive sowie Dokumente durchstöberte. So entstand eine komplette Lebensgeschichte, die von der Kindheit bis zum Tod am Dienstag, 30. Juli 1929, im Alter von 67 Jahren reicht.
Die Kindheit von Franz Xaver Stocker war davon geprägt, dass er als Neuneinhalbjähriger ohne Elternliebe aufwuchs, nachdem seine erste Mutter und sein Vater jung verstarben und seine Stiefmutter ihn verstieß. Manche Barmherzigkeit ermöglichte ihm vorübergehende Unterkunft.
Auf der Suche nach einem Dienstplatz und Arbeit kam er in seinen Jugend- und Wanderjahren bis nach Tirol, in die Schweiz und nach Luxemburg. Zurückgekehrt in der Heimat fand er eine Anstellung in der Zimmerei in Achtal bei Mauerkirchen, die auch für die Priener Turmverschiebung im Jahr 1736 verantwortlich war. Im Jahr 1884 ereignete sich ein Unglück mit einem Schlitten, als ihn die transportierten Bäume begruben und schwer verletzten.
Die Zeit nach dem nach Altötting getragenen Kreuz war für ihn, als sei ihm eine Zentnerlast vom eigenen Kreuz und ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. Nicht zuletzt wegen des Eisenbahnbaus München-Salzburg wurde er ein erfolgreicher und großer Unternehmer. Seine Aktivitäten waren jedoch immer wieder von Finanzsorgen begleitet. Er heiratete eine Bedienung in der damaligen Priener Gaststätte Alpenrose.
Im Jahr 1897 entband seine Anna zum fünften Mal, doch im Jahr 1898 starb sie nach einem Unglück ihrer Tochter mit der Chiemseebahn. Franz Xaver Stocker war tief gläubig. In 45 Jahren pilgerte der 1,91 Meter große Mann über 200-mal zu Fuß von Prien nach Altötting und unternahm noch weitere Pilgerreisen.
Für die Vorstandschaft des Kolpingvereins bedankte sich Stefan Huber beim Referenten für dessen eindrucksvollen Vortrag und bei dessen Enkel Andreas Lex. Der mehrfache Preisträger von Musikwettbewerben spielte zwischendurch mit seiner großen Zither eindrucksvolle Weisen und leitete so auf die verschiedenen Lebensabschnitte mit unglaublichen und immer wieder durch Gottvertrauen gemeisterten Schicksalslasten über.