Prien – Drinnen in der Akademie: Stimmengewirr und Workshop-Atmosphäre. Draußen vor den Fenstern glitzert der Starnberger See, dahinter stehen unverrückbar die schneebedeckten Berge. Umso größer der Kontrast zur Nachrichtenlage: An Seminartag zwei eskaliert der Konflikt mit dem Iran. Entwicklungen wie diese sind für viele Menschen in der Region der Grund, sich vom Weltgeschehen abzuwenden und ins Private zurückzuziehen. Zu groß ist das Gefühl, dem ohnehin nichts entgegensetzen zu können. Viele haben den Eindruck, dem willkürlichen Handeln von Despoten hilflos ausgeliefert zu sein. Und genau da setzt die Veranstaltung in Tutzing an: Teilnehmer und Referenten suchen an den drei Seminartagen gemeinsam nach Wegen, wie man dem Gefühl der Ohnmacht begegnen kann, indem man da aktiv wird, wo man konkret etwas bewegen kann.
So lautet das Motto der Veranstaltung „Wer, wenn nicht wir! Demokratie als Aufgabe: Warum braucht unsere Gesellschaft Engagement?“ Die „Politische Akademie für Bildung“ hat dazu eingeladen. Die Teilnehmer kommen aus ganz Bayern. Die meisten von ihnen engagieren sich ehrenamtlich. Auch Lisa Schurr, Mitgründerin des Priener Netzwerks „KomMit“ ist dabei.
Die Bürgerinitiative „KomMit“ ist ein überparteiliches Netzwerk von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Anliegen, die sich zum Ziel gesetzt haben, in Prien gemeinsam etwas anzustoßen. Es versteht sich als Treffpunkt für Austausch und neue Impulse von außen. Inzwischen sind mehr als dreißig Leute im Netzwerk aktiv, manche sind im Gemeinderat, andere wollen weiter außerparlamentarisch mitgestalten.
In Tutzing berichtet Soziologie-Professor Matthias Quent von Umfragen, die belegen, dass sich knapp ein Drittel der Befragten vom demokratischen Prozess zurückgezogen habe. Quent nennt sie die „Ohnmächtigen“. Damit sich das Gefühl der Ohnmacht nicht einstelle, sei es entscheidend, Selbstwirksamkeit zu erfahren: „Das beginnt im Kleinen, im Konkreten. Das Kommunalpolitische ist ein zentrales Mittel gegen das weitverbreitete Gefühl der Ohnmacht. Engagement sei gut für die Gesundheit, die sozialen Kontakte und es könne glücklich machen. Der Soziologie-Professor weist aber auch darauf hin, dass Engagierte Frustration erleben, wenn ihr ehrenamtlicher Einsatz nur Lückenfüller ist für Aufgaben, die eigentlich der Staat übernehmen müsste. Und wenn sich strukturell nichts ändert. „Privatisierung der sozialen Frage“ nennt er das. Wie man etwas tun kann, wie sie bei ihren unterschiedlichen Ehrenämtern den Mut nicht verlieren, motiviert bleiben und sich als Verein oder Bündnis gut organisieren können – das erfahren die Teilnehmenden der Tagung in zahlreichen Workshops.
Die Vorsitzende eines Vereins zum Beispiel sucht nach Strategien für die Nachfolgersuche. Eine Bürgermeisterin tauscht sich mit anderen darüber aus, warum es so zäh war, die Listen für die Kommunalwahl zu füllen. Und Lisa Schurr vom Priener Netzwerk „KomMit“ bekommt von einem Teilnehmer das Angebot, dass er das Netzwerk bei der Vereinsgründung unterstützt.