Kommentar

Gewohnheit schlägt Rebellion

von Redaktion

Chiemgau/Berchtesgadener Land – Direkt, wenn auch mancherorts schmerzhaft, ist das Signal, das die Wähler im Chiemgau und dem Berchtesgadener Land an diesem Wahlsonntag gesendet haben: Experimente haben aktuell Hausverbot. Wer auf den großen politischen Umsturz gehofft hat, reibt sich heute verwundert die Augen. In unsicheren Zeiten zementiert der Bürger lieber den Status quo in den Rathäusern, anstatt leichtfertig politische Risiken einzugehen. Da muss es schon mächtig zwicken, wenn der Altbürgermeister ins Wanken gerät.

Hart aufgeschlagen ist die Opposition vor allem in den großen Zentren des Landkreises Traunstein. Gleich drei Herausforderer wollten Oberbürgermeister Christian Hümmer stürzen. Am Ende räumte der CSU-Mann die Konkurrenz direkt im ersten Durchgang mit knapp 55 Prozent ab. Das sitzt. Hümmer deklassiert damit sprichwörtlich seine eigenen Stellvertreter an der Urne.

Ein identisches Bild liefern Traunreut und Trostberg: Hans-Peter Dangschat und Nick Geiger dominieren ihre Mitbewerber mit plakativen Ergebnissen jenseits der 75 Prozent. Die Botschaft an die Rathäuser: Pragmatische Verwaltung sticht laute Wechselrhetorik. Der Wähler honoriert, wenn der Motor geräuschlos läuft.

Klare Signale aus den Rathäusern

Deutlich ruhiger geht es auf den ersten Blick auch rund um das „Bayerische Meer“ zu. Prien, Breitbrunn, Chieming, Bernau: Die amtierenden Rathauschefs verwalten ihre Kommunen künftig nahtlos weiter. Echte Angriffe auf die Machtstrukturen blieben aus.

Einzige – und dafür ohrenbetäubende – Ausnahme von dieser bayerischen Beharrlichkeit: die Herren- und Fraueninsel. Dort probte die kleinste Gemeinde den direkten Aufstand mit dem Kugelschreiber. Dass Einzelkandidat Armin Krämmer an handschriftlich eingetragenen Namen scheitert und unter die 50-Prozent-Marke rutscht, ist ein harter politischer Tiefschlag für das Establishment. Wenn der Wähler keine offizielle Alternative bekommt, konstruiert er sich eben selbst eine. Das juristische Chaos, das nun auf das Landratsamt Rosenheim zurollt, ist die logische Quittung für eine Wahl, die mangels Konkurrenz gar keine war. Wer den Bürger als bloßen Abnicker betrachtet, fällt auf die Nase.

Stichwahl-Marathon im Berchtesgadener Land

Zäh gestaltet sich indes die Wahrheitsfindung hinter der Landkreisgrenze. Im Berchtesgadener Land räumten etliche Altmeister ihre Sessel – das entstandene Machtvakuum saugt nun reihenweise Kandidaten in die Verlängerung. Prominenz allein zieht dabei leider nicht: Selbst Rodel-Olympiasieger Alexander Resch verfehlt in Berchtesgaden die absolute Mehrheit und muss nachsitzen. Wenn die jahrzehntelange Erfahrung der Vorgänger fehlt, verteilen die Bürger ihre Kreuze extrem sparsam. Die Konsequenz: Das BGL blickt auf einen massiven Stichwahl-Marathon, angefangen bei der offenen Landratswahl bis hinunter in Kommunen wie Bischofswiesen, Berchtesgaden oder Piding.

Ein ähnliches Hauen und Stechen liefert das Chiemseeufer in Rimsting: Vier Kandidaten rissen sich um das Erbe von Andreas Fenzl. Am Ende gehen Thomas Schuster (CSU) und Christian Moser (UWG) in die logische Verlängerung. Die Bürger fordern hier handfeste Lösungen für den Dauerstau und den Baulandmangel – dicke Bretter, die sich nicht im Handstreich bohren lassen.

Die Ränder der Legitimation

Einziger Haken an der massiven Bestätigungswelle im Chiemgau: Die Legitimation bröckelt an den Rändern. Wenn Rathauschefs wie Andreas Friedrich in Prien völlig ohne Gegenkandidaten durchmarschieren, bleibt oft nur ein Bruchteil der Bürger an den Wahlurnen. Wer seine Kommune mit über 80 Prozent Zustimmung bei rund 60 Prozent Wahlbeteiligung regiert, hat keinen Blankoscheck für unpopuläre Entscheidungen in der Tasche. Fast zehn Prozent ungültige Stimmen in Prien sind ein stummer Protest, den man im Rathaus nicht überhören sollte. Die echten Infrastruktur-Probleme verschwinden nicht durch politische Bequemlichkeit auf dem Sofa.

Für die Bürger bedeutet diese Wahl: Die Verwaltungen in den großen Traunsteiner Städten und in weiten Teilen des Chiemsees schalten ab heute wieder in den reinen Arbeitsmodus. Die Personalfragen sind geklärt, Ausreden gelten nicht mehr. Im Berchtesgadener Land und in Rimsting hingegen verschärft sich in den kommenden zwei Wochen der Ton. Wer dort am 22. März den Chefsessel erobern will, muss spätestens jetzt die Karten schonungslos auf den Tisch legen.

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