„Man darf den Hochfelln nicht unterschätzen“

von Redaktion

Bergwachtler Kristian Krammer erinnert an die Jahrhundertlawine, die 2009 die Materialseilbahn zerstörte

Bergen – Der Winter 2009 ist einer jener Winter, die sich tief ins Gedächtnis der Bergregion eingraben. Nicht endender Schneefall in den Chiemgauer Alpen. Die Hänge rund um den Hochfelln liegen unter einer immer mächtigeren weißen Decke. Hoch oben am Berg baut sich eine Spannung auf, die man nicht sehen kann – bis sie sich Ende Februar plötzlich entlädt. Eine gewaltige Lawine löst sich nahe dem Gipfel und rast talwärts. Später nennt man sie „Jahrhundertlawine“.

Lawinensprengungen und
Bergwachteinsätze

Dr. Kristian Krammer erinnert sich gut an diese Zeit. Er ist seit 1979 aktives Mitglied der Bergwacht Bergen und ist seither persönlich an weit über 100 Einsätzen beteiligt gewesen. Außerdem ist er engagiertes Mitglied der Lawinenkommission. 2009 ist er gerade Bereitschaftsleiter der Bergwacht ernannt worden. Er berichtet: „2009 war ein relativ starker Winter. Ich kann mich daran erinnern, weil ich bei der Lawinenkommission auch bei den Lawinensprengungen für die Hochfellnpiste zuständig war“, erzählt er. Der Winter verlangt den Einsatzkräften viel ab. Immer wieder müssen die Hänge gesichert werden. „Wir mussten circa alle acht Tage sprengen“, erinnert sich Krammer. Gleichzeitig häufen sich die Lawinenereignisse in der Region. „Am 21. Februar hat es in Ruhpolding einen Einsatz gegeben: Lawinentoter am Unternberg.“

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar löst sich eine gewaltige Lawine an der Nordwestseite des Hochfelln und donnert ins Tal. Dass sich da nur wenige Meter unterhalb des Hochfellnhauses eine Gefahr anbahnt, konnte man bereits erahnen: Nur selten seien die Latschen in dem Bereich komplett eingeschneit, erklärt Krammer: „Solange sie aus dem Schnee ragen, stabilisieren sie den Hang.“ Im Winter 2009 sind die Latschen komplett eingeschneit: „Dann ist da eine riesige Schneefläche und so konnte sich ein Schneebrett bilden.“

Kristian Krammer zeigt Fotos, die damals am Tag nach der Lawine vom Hubschrauber aus aufgenommen wurden. Gut zu erkennen: die Abbruchkante. „Es ist mit Sicherheit eine Schneebrettlawine gewesen, weil wir einen sehr deutlichen Anriss oben haben“, sagt Krammer. Der Bruchrand sei fast einen Meter hoch gewesen – ein Hinweis auf enorme Schneemengen.

Eine Schneebrettlawine ist laut Deutschem Alpenverein die gefährlichste Lawinenart für Wintersportler, charakterisiert durch einen scharfen Riss und das Abgleiten einer kompakten Schneeschicht auf einer Schwachschicht. Sie wird meist durch Personen ausgelöst, erreicht Geschwindigkeiten von circa 80 Kilometern pro Stunde und kann enorme Drücke entwickeln. Kritisch sind steile Hänge ab 30 Grad.

Steiler Hang, starker, andauernder Schneefall – beides trifft auf die Nordwestseite des Hochfelln 2009 zu. Allerdings hat sich die Lawine damals vermutlich von selbst gelöst. Die Lawinenbahn liegt abseits präparierter Pisten: Die Bergwacht kann zunächst durchatmen – es scheinen keine Personen verschüttet.

Die Schneemassen fressen sich den Hang hinunter und richten massive Schäden an. „Eine Stütze der Materialseilbahn auf dem Hochfelln hat es weggerissen, komplett, mit Fundament“, berichtet Krammer. Bilder der Lawinenschneise lassen erahnen, welche Naturgewalten dort geherrscht haben: Bäume wie Zahnstocher umgewalzt und die Schneemassen überqueren außerdem zwei Forststraßen. „Die Lawine ist über zwei Fahrstraßen drübergegangen“, sagt der Bergretter. Dass niemand verletzt wird, ist pures Glück. „Gott sei Dank war dort niemand, es war kein Mensch betroffen.“

Ganz ohne Folgen bleibt das Ereignis dennoch nicht. Besonders betroffen ist das Hochfellnhaus, dessen Versorgung über die zerstörte Materialseilbahn läuft. „Das war schon eine Rieseninvestition, die da im Raum stand“, erinnert sich Krammer. Um die Versorgung aufrechtzuerhalten, wird improvisiert. „Man hat dann zunächst einmal eine Notbahn installiert“, erzählt er. Dabei dient sogar ein Baum als provisorische Stütze. Mit Stahlseilen gesichert, trägt er vorübergehend die Bahn zum Hochfellnhaus.

Parallel beginnen die Arbeiten an einer dauerhaften Lösung. Material wird auf den Berg gebracht, das Fundament für die neue Stütze gebaut und schließlich per Hubschrauber montiert. „Relativ schnell, ich glaube sogar schon im darauffolgenden Sommer, stand die reguläre Materialseilbahn wieder“, sagt Krammer.

Auch viele Helfer aus der Region packen mit an. „Wir haben beim Aufbau der neuen Stütze mit der Bergwacht mitgeholfen“, erzählt er. Mehrere Trageeinsätze sind nötig, um Material zum Bauplatz zu bringen. Eine Spendenaktion der Bergener Bürger unterstützt die Wirtsleute finanziell, alle halten zusammen.

Heute, mehr als anderthalb Jahrzehnte später, wachsen in der Lawinenrinne wieder Bäume. Doch ihre Geschichte lässt sich noch immer ablesen. „Jetzt ist das Holz wieder so vier Meter hoch“, sagt Krammer. Alt wird der Wald dort aber nicht: „Die Lawinenrinne wird regelmäßig, alle 20, 30 Jahre, mit einer großen Lawine überschüttet.“ Für Dr. Kristian Krammer zeigt das Ereignis hauptsächlich eines: Auch vermeintlich kleinere Berge verlangen Respekt.

„Man darf ihn nicht unterschätzen“, sagt er über den Hochfelln. Wer im Winter unterwegs ist, sollte vorbereitet sein. Sicherheit beginnt für ihn schon vor der Tour. „Der Lawinenlagebericht ist das Erste, das ist klar, da sollte man immer hineinschauen.“ Dazu gehört auch die richtige Ausrüstung: „Schaufel, Sonde und LVS-Gerät.“

Alle 20, 30 Jahre geht
eine große Lawine ab

Lawinen können auch dort abgehen, wo viele sie nicht erwarten. „Das ist genau das, was man oft übersieht“, sagt Krammer. Die Lawine vom Februar 2009 fordert am Hochfelln keine Menschenleben. Doch sie zeigt eindrücklich, welche Kräfte in schneereichen Wintern über den Chiemgauer Bergen wirken – oft lange, bevor jemand sie bemerkt.

Artikel 1 von 11